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Hanns Eislers „Deutsche Sinfonie“ am Staatstheater Kassel als Musiktheater. Foto: © Sylwester Pawliczek

Hanns Eislers „Deutsche Sinfonie“ am Staatstheater Kassel als Musiktheater. Foto: © Sylwester Pawliczek

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In Kassel synchronisiert Paul-Georg Dittrich Hanns Eislers „Deutsche Sinfonie“ mit der Gegenwart

Vorspann / Teaser

Die „Deutsche Sinfonie“ ist Orchesterstück, Melodram, Oratorium und Chor-Kantate. Hanns Eisler (1918-1962) hat sie im amerikanischen Exil mit Blick auf Deutschland komponiert. Uraufgeführt wurde sie erst drei Jahre vor seinem Tod in Ost-Berlin. Eine szenische Umsetzung wagte jetzt das Staatstheater Kassel. Im Rahmen seines ambitionierten Saisonabschlusses „Deutschland, Deutschland unter anderem“ korrespondiert diese Erstaufführung mit dem Auftragswerk „Zornfried“, das die Gefahr von neurechtem Denken thematisiert – siehe NMZ 25.04.2026.

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Eisler war zwar zeitlebens formal österreichischer Staatsbürger.  Aber seine Biographie ist vor allem ein Exempel für die Verwerfungen der deutschen Geschichte. Jüdische Herkunft und kommunistische Gesinnung; ein Arnold Schönberg-Schüler und Freund und künstlerischer Partner von Bertolt Brecht. Seine Melodie zu „Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt“ kennt zumindest im Osten Deutschlands jedes (dort zum Erwachsenen gewordene) Kind. Es war die Nationalhymne der DDR. Dorthin zu gehen, hatte er entschieden, nachdem er im amerikanischen Exil als Jude und Kommunist den Naziterror überlebt und im Zuge der Kommunistenjagd unter Senator McCarthy ausgewiesen wurde. In der DDR, wie Paul Dessau, ein (gelegentlich drangsalierter) aber doch gefeierter Komponist dieses deutschen Staates. Im anderen, größeren Deutschland komplementär dazu aus politischen Gründen (und nicht wie viele Schicksalsgenossen unter den vertriebenen Komponisten wegen des Moderne-Dogmas der Nachkriegszeit), eher eine Unperson.

In seiner klassenkämpferischen und geschichtskritischen Intention ist die „Deutsche Sinfonie“ vergleichbar mit Paul Dessaus ebenfalls im amerikanischen Exil zwischen 1943 und 47 entstanden (selbst-) anklagenden Oratorium „Deutsches Miserere“ zu dem auch Brecht den Text beisteuerte. In diesem Falle kam die erste szenische Version von Dietrich Hilsdorf in Leipzig 2011 nicht über eine plakative Illustration hinaus.

Für Eislers monumentales Werk nutzten Paul-Georg Dittrich (Regie), Pia Maria Mackert (Bühne), Anna Rudolph (Kostüme) und Lukas Rehm (Video) die besonderen offenen Raummöglichkeiten der Kassler Interimsspielstätte offensiv und mit Geschick. Das Orchester unter Leitung von Kiril Stankow ist direkt vor der Zuschauertribüne platziert. Im frei bleibenden linken Teil der Spielfläche ist eine offene Versenkung, die als Drehort für einen englischen Schwarz-Weiß-Film von Fritz Lang über die beginnende Judenverfolgung genutzt wird. Dahinter, zu ebener Erde, findet sich ein Raum für eine im Einheitslook ausstaffierte Erinnerungs-(bzw.) Verdrängungsgesellschaft von heute mit metaphorischem Geweihkitsch an den Wänden. Dahinter eine wandelbare Fassade mit der Aufschrift HOMELAND über dem Eingang. Links oben ein cleanes rosa Zimmer mit großem Hitlerbild an der Wand, braununiformierten Eltern und blondbezopftem Nachwuchs am Tisch. Diese beiden Mädels spielen am Ende zu Füßen des Publikums mit einem Spielzeug-Internetcafe, einem Wohnwagen und einer Pappsprechblase mit „Bum!“ eine Spätfolge der Nazijahre nach. Kassel war der Schauplatz des neunten, bis heute nicht restlos aufgeklärte NSU-Mordes. Oben in der Höhe gibt es im Schatten der New Yorker Freiheitsstatue den emigrierten Hanns Eisler im Halbdutzend. Sofort erkennbar – wobei Schauspieler Clemens Dönicke den (etwas allzu ausführlich geratenen) Hauptpart mit diversen gesprochenen Passagen übernimmt. So werden das Werk und die Geschichte seiner Entstehung quasi synchronisiert. Diese Backstage-Atmosphäre nutzen auch die Namensaufdrucke auf dem Rücken des Bertolt Brecht-Darstellers Stefan Hadžić und Fritz Lang bei Ilseyar Khayrullova (die auch Hilde Coppi verkörpert). Das Protagonistenensemble wird durch Ian Sidden als Hans Coppi und Priester komplettiert.

Über die Einfügung von elektronischen Kompositionen von Christopher Scheuer mag man geteilter Meinung sein. Die Einfügung des „Engels der Verzweiflung“ ist ein gelungener szenischer Coup. Marta Kristín Friðriksdóttir ist mit ihrer funkelnden Flügelapparatur der Hingucker unterm menschlichen Personal. Und die dunkle Spiegelung des berühmten Engels der Geschichte zu dem Walter Benjamin Paul Klees „Angelus novus“ stilisiert hat. Bei Dittrich wird diese von Benjamin und in der Folge von Heiner Müller inspirierte Figur zum Wegbegleiter eines Komponisten, den der kämpferische Wille nicht vor der Wirkungslosigkeit seines Komponierens bewahrt. In einem eindrucksvollen Bild spült ihn der metaphorische Regen, der nach unten fällt, schutzlos unter seinen immer mehr durchlöcherten Flügel. Von dem „und der Zukunft zugewandt“ (wie es in der Nationalhymne heißt) ist da nicht viel übrig. 

Die erste szenische Umsetzung in ihrem Wechselspiel von großem Orchester, gesungenen und gesprochenen Passagen und der simultanen szenischen Collage, inklusive der live gedrehten Videos, baut nicht nur ihre eigene Spannung auf. Sie bietet einen packenden Tauchgang in die Untiefen der deutschen Geschichte. Und das als Mahnung für die Gegenwart.

  • Staatstheater Kassel (Interimsspielstätte), Deutsche Sinfonie, Musiktheater nach Hanns Eisler, Premiere am 30. Mai 2026
  • Musikalische Leitung: Kiril Stankow, Regie: Paul-Georg Dittrich, Bühne: Pia Maria Mackert, Kostüme: Anna Rudolph, Video: Lukas Rehm, Sounddesign und Elektronik: Christopher Scheuer, Dramaturgie: Teresa Martin, Chorleitung: Marco Zeiser Celesti
  • Mit: Clemens Dönicke (Hanns Eisler), Marta Kristín Friðriksdóttir (Engel der Verzweiflung), Stefan Hadžić (Bertolt Brecht), Ilseyar Khayrullova (Fritz Lang, Hilde Coppi), Ian Sidden (Hans Coppi, Priester), Opernchor des Staatstheaters Kassel, Staatsorchester Kassel, Statisterie des Staatstheaters Kassel
  • Weitere Vorstellungen: 3., 13., 19. und 23. Juni. 

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