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„Kirsas Musik“ von Thierry Tidrow – Ausschnitt aus der Partitur, Seite 44, Takte 10 ff.. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Komponisten.

„Kirsas Musik“ von Thierry Tidrow – Ausschnitt aus der Partitur, Seite 44, Takte 10 ff.. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Komponisten.

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„Kirsas Musik“ auf der Hannoveraner Probenbühne – geniale a-cappella-Oper für Kinder!?

Vorspann / Teaser

Ganz langsam findet eine neue Gattung ihren Weg auf die meist kleineren Bühnen, Probebühnen, Kleinen Häuser u. ä. der großen Opernhäuser: die Kinderoper. Dabei geht es bei weitem nicht nur um eine rein marktwirtschaftliche Idee zur Auslastung der Bühnen, sondern um ein notwendiges Instrument, um die Heranwachsenden thematisch und inhaltlich altersgerecht in die überkommenen (und immer noch sinnvollen!) Kulturtempel zu locken und dort mit begeisternden Erlebnissen an eine Musikform heranzuführen, die sowohl im alltäglichen Radiogedudel als auch im Elternhaus häufig gar nicht mehr vorkommt. Die Oper „Kirsas Musik“ ist eines der gelungensten Stücke dieser Gattung aus den letzten Jahren!

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Eine Gratwanderung. Eine Oper – auf der einen Seite – ist doch irgendwie ein riesiges komplexes und gelegentlich schwer verständliches Gebilde und Kinder – auf der anderen Seite – brauchen oftmals nur einfach zu durchschauende und zu verstehende Strukturen. Wer also eine „Kinderoper“ schreiben, komponieren will, der befindet sich auf einem äußerst schwierigen Terrain. 

In seiner Kinderoper „Kirsas Musik“ gelingt dem aus Australien stammenden und in Berlin lebenden Komponisten Thierry Tidrow ein musikalisches Wunderwerk, das bei seiner Premiere in Hannover alle Anwesenden in seinen Bann zog. Den Text – wenn man es denn so nennen will – hat Tidrow gemeinsam mit Ilaria Lanzino geschrieben.

Die Handlung ist denkbar einfach und entspringt der alltäglichen Erfahrungswelt von Kindern. Zwei Mädchen, Mara und Tara, treffen sich und lernen sich kennen. Sie tauschen sich aus, stellen fest, dass sie unwahrscheinlich viele Gemeinsamkeiten haben, angefangen bei ihren bis auf den Anfangsbuchstaben fast gleichen Namen über gemeinsame Hobbies (Malen, Zeichnen, Basteln) und Lieblingsspeisen (Pizza, Pasta, Mandeln, … Kokusnuss) bis hin zu dem gemeinsamen Lieblingslied (Alle meine Entchen), dem Lieblingstier (Giraffe) und der Lieblingsfarbe (lila). Zwei Mädels, die geradezu dafür vorherbestimmt sind, beste Freundinnen zu werden.

In diese Mädchen-Idylle bricht mit einem lauten „Kabum!“ Kirsa ein, der sich Irgendwie sonderbar verhält und eine ganz andere Musik macht, als die beiden Mädchen. Das nervt und stört die Mädchen und sie machen sich über ihn lustig. Irgendwann siegt die Neugierde und Mara merkt, dass man mit Kirsa und seiner Musik viel Spaß haben kann. Mara entschuldigt sich bei Kirsa, weil sie böse zu ihm gewesen ist. Die beiden spielen miteinander. Der Konflikt ist vorprogrammiert: Tara findet das doof und will mit den beiden nicht spielen.

In der Konfrontation zwischen Tara und Kirsa geht es nicht um Junge oder Mädchen, wenn Tara sagt: „Was du magst, mag ich nicht! Was du spielst, spiel ich nicht! Was du bist, bin ich nicht!“ Es geht um das Finden der eigenen Identität – und Kirsa kann nur erwidern: „Aber so bin ich. Ich bin Kirsa.“ – Auf Kirsas Angebot „Wir können trotzdem spielen!“ antwortet Tara mit dem Fuß aufstampfend: „Ich will es aber nicht!“, packt ihre Spielsachen zusammen und geht. Mara und Kirsa bleibt nichts anderes über als festzustellen: „Dann ist das eben so!“

A cappella

Das einzige Musik-Instrument, das den drei Schauspielern in dieser Oper zur Verfügung steht, ist die menschliche Stimme. Diese – wir haben im vergangenen Jahr gehört, als sie das „Instrument des Jahres“ war – ist aber geradezu grenzenlos wandelbar. Da ist – quasi als Grundcharakter – der Unterschied zwischen den hohen Frauenstimmen und der etwas tieferen Männerstimme. Sie können laut und leise singen, schöne Melodien trällern oder vielgestaltige Geräusche hervorbringen. Sinnvoller Text muss es auch nicht immer sein, den die Stimme transportiert. Aneinandergereihte unsinnige“ Silben (Sha Hii Pah Kah Ta heyop Tscha Prau Ting Shka pura kaum pau ti …. Kabum) erschaffen eine atmosphärisch-schwebwende Stimmung. Davon lebt die Musik, die Kirsa macht.

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„Kirsas Musik“ von Thierry Tidrow – Ausschnitt aus der Partitur, Seite 44, Takte 10 ff.. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Komponisten.

„Kirsas Musik“ von Thierry Tidrow – Ausschnitt aus der Partitur, Seite 44, Takte 10 ff.. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Komponisten.

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Kooperation

Kirsas Musik, die Oper, lebt von der ungeheuren Leichtigkeit und Lebendigkeit der Darstellung und dem jugendlich spritzigen Elan und der grenzenlosen Spielfreude der Darsteller. Die Kooperation, die hier zwischen der Staatsoper Hannover und der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover eingegangen worden ist, führt das Publikum in eine unverbrauchte und unverstellte künstlerische Interpretation, die eben (leider) nur Studenten und ganz junge Absolventen sich erhalten haben. Wenn der Kulturbetrieb erst einmal zugeschlagen hat, ist diese mitreißende Leichtigkeit leider irgendwann dahin. Eine Fortführung dieser Kooperation kann also zum einen nur wünschenswert sein und zum anderen ist sie eine immense Bereicherung des Opernbetriebs!

All-Ager

Das Stück ist für Kinder ab etwa 5 Jahren konzipiert. Eine Gießener Theaterpädagogin berichtet von ihrer Inszenierung, dass sie das Stück auch bereits im Kindergarten zeigen, da es eben kindliche Grunderfahrungen zum Thema hat, die auch in der KiTa und im Kindergarten gut verstanden werden. In Hannover tourt das Stück nun als mobiles Opernhaus in etwa 20 Schulklassen. Die Inszenierung ist so angelegt, dass man fast keine Requisiten benötigt und direkt ohne größere Vorbereitungen im Klassenzimmer spielen kann.

Anders als die letzte Hannoveraner Inszenierung des Jugendbereiches der Oper, „Wurst“, die eine sehr bestimmte Altersgruppe und eine entsprechende Lebenserfahrung und jugendliche Lebensführung anspricht, ist „Kirsas Musik“ so etwas wie ein All-Ager, eine Oper, die zwar für Kinder komponiert und gedacht wurde, aber auch von anderen Altersgruppen gut und mit viel Freude gehört werden kann. Die Gesichter der älteren Besucher der Premiere sprachen da glückselige Bände! Vielleicht kann man sogar noch eine Stufe weitergehen und diese Oper auch einmal mit dementiell erkrankten Menschen ausprobieren – sie könnte in diesen wohltuende Erinnerungen aus alten Zeiten wiedererwecken.

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