Kindervorstellungen in der Oper können der reinste Horror sein (wobei – wie auch hier – oft die begleitenden Pädagogen selbst die größten Störfaktoren sind). Große neugierige Kinderaugen und gespannte Ruhe begleiteten die Premiere der Küchenoper „Wurst“ in Hannovers Ballhof Eins. Eine wuselige und doch gut überschaubare Aktion erfüllte die Bühne – diese aber in jeder (!) Hinsicht auf die Bedürfnisse und die Lebenswelt des Publikums zugeschnitten. Toll!
Die Presswurst leidet unter schlimmsten Blähungen – die Kinder hatten ihr unter das Essen eine gehörige Menge Chili untergemischt. Foto: © Bettina Stoess
Schwartenmagen mag kein Chili – Die Küchenoper „Wurst“ feiert in Hannover Premiere
Ein gigantischer Urknall war es wohl nicht, der mir dereinst in jungen Jahren die Pforte zur klassischen Musik freigesprengt hat. Tatsächlich kann ich mich an ein konkretes Initialereignis, das mein Interesse dahingehend geweckt hätte, nicht erinnern. Mein Vater spielte ziemlich gut Klavier und die Klänge der Klavierwerke von Brahms, Schubert, Bach durchzogen – sooft er es zeitlich einrichten konnte – unser Haus. Klassische Musik als präsenter Hintergrund in meiner kindlichen Lebenswelt.
Musikpädagogisch ausgeklügelte Konzepte, Heranwachsende mit der musikalischen Hochkultur bekannt zu machen, waren eher selten. Eines der seltenen musikalischen für Kinder geeigneten Highlights war damals – zumeist zur Weihnachtszeit – etwa Engelbert Humperdincks Märchenoper „Hänsel und Gretel“. – Heute sind die ersten Opern-Begegnungen für den Nachwuchs kindgerechter und thematisch aus dem Leben gegriffen gestaltet.
Hatten sich in der „erwachsenen“ Bühnenmusik in den letzten Jahren mit Peter Behles Operette „Hopfen und Malz“ und mit Thomas Zaufkes Musical „Sinalco“ bereits erste Lebensmittel als Sujets etabliert, folgt nun in Sebastian Schwabs Küchenoper „Wurst“ eine weitere Köstlichkeit, wenn man denn Schwartenmagen mag. Ursprünglich für die Opernfestspiele Heidenheim geschrieben und dort 2022 uraufgeführt, hat die Küchenoper am vergangenen Donnerstag im Ballhof Eins in Hannover Premiere gefeiert.
Papa hat Geburtstag
Die Handlung ist ein wenig skurril und absurd, aber schnell erzählt: Papa hat morgen Geburtstag. Seine beiden kleinen aber lebhaft-aufmüpfigen Kinder, Lisa (Marlene Mesa) und Hagen (Freya Müller), beschließen, ihm als Geburtstagsüberraschung einen Kuchen zu backen. Es fehlt ihnen allerdings die Erfahrung im Kuchenbacken – dazu sind sie noch zu klein. Also backen sie streng nach Kochbuch und ersetzen die Zutaten, die der Kühlschrank nicht hergibt, durch andere: Statt Eiern kommen Tomaten in den Teig, statt Milch Orangensaft. Ob der „Alles-in-Alles-Universums-Kuchen“ wohl schmecken wird?
Die beiden Darstellerinnen bringen Leben und Bewegung auf die Bühne – Küchenutensilien wie Kochlöffel, Reibe und Schneebesen werden im szenischen Spiel gleichzeitig zu improvisierten Musikinstrumenten. Die fröhliche Stimmung kippt, als sich aus dem Kühlschrank ein seltsames „Wesen“ herausrollt: eine Wurst, die dort wohnt, ein Schwartenmagen. Schwartenmagen ist eine Wurstsorte, die man in manchen Gegenden gern als Aufschnitt isst. Früher hat man die reichhaltig verschiedenen Zutaten, meist unterschiedliche Wurstsorten und Gemüse in einen gewaschenen Schweinemagen füllt. Dann wird die Wurst gekocht und zusammengedrückt. Daher nennt man sie auch „Presswurst“.
Die Wurst aus dem Kühlschrank stellt sich so auch vor: „Schwartenmagen mein Name. Aus der Familie der Presswurst.“ Dann singt sie ihr Lied, das alles über sie aussagt: „Ich will Pizza und Koteletts, Buletten und Burger und Spätzle mit Linsen, Tatar und Pommes frites! Ich will Döner „mit Alles“, Spaghetti mit Ketchup, auf Maultaschen habe ich stets Appetit! Ich will Eiscreme mit Sirup, Kakao mit viel Sahne, und Fanta und Cola, das stillt meinen Durst. Ich will Torte und Kuchen und viel Schokolade! Na wird’s bald: Ich bin eine gierige Wurst!“
So frisst die Presswurst sich durch Küche und Kühlschrank und will immer mehr, will alles. Als die Presswurst die Kinder erpressen will und es dem Geburtstagskuchen an den Kragen gehen soll, wehren sich die beiden Geschwister, indem sie den Kuchen mit reichlich Chili aufpeppen. Das führt zu erheblichen Magenschmerzen und Blähungen bei der Presswurst. Diese gibt irgendwann auf und verschwindet vollständig wieder in den Tiefen des Kühlschranks.
Feinsinnig-dezente Pädagogik
In erster Linie geht es natürlich bei einer Oper um die Oper selbst. Die (musik)pädagogischen und erzieherischen Effekte sind nur – sicher gewollter – Nebeneffekt. In „Wurst“ beschreibt die Handlung etwas, was in jedem Haushalt mit Kindern (fast) genauso passieren könnte. Das macht die Handlung lebensnah und realistisch. Für eine Einführung in das Genre Oper sicher eine gute Hilfestellung, etwas Bekanntes mit Unbekanntem zu verbinden.
Die Opernelemente, die große Welt der Musik wird den kleinen Zuschauern quasi untergemogelt – diese komische Art und Weise der hohen Stimmen zu singen fällt fast gar nicht auf, die Bandbreite der musikalischen Zitate von „Barock bis Schönberg und Ligeti […] es gibt Stellen, die uns sofort an ‚Hänsel und Gretel‘ erinnern“ ist rudimentär und doch da, lässt fremde Klangwelten nur anklingen und geht schnell weiter, so der Tenor Jann Kristof Schliep, der die Presswurst und den Vater singt. Es ist alles da, was die große Oper ausmacht, wird aber nur kurz angerissen und führt zum nächsten Programmpunkt im wilden Bühnengetümmel. Gerade musikalisch wird hier sehr unterschwellig gearbeitet und dabei vieles an Opernmäßigem vorgestellt– genial!
Das Ensemble: zwei sicht- und hörbar junge (!) Sopranistinnen, die die Kinder darstellen – das schafft einen klaren Identifikationspunkt für die Kinder im Publikum. Der Vater – nun den kann man nur mit einer „älteren“ Person besetzen – alles wie zuhause quasi, inklusive des väterlich-freundlichen Lächelns. Ein guter Gag: die stumme Darstellerin der Grünpflanze, die über die Bühne flitzt und diverse Aufgaben übernimmt und – wenn sie gerade nicht benötigt wird – wartend am Rande der Bühne im Blumentopf steht. Eine Bassposaune und ein Klavier bilden das Orchester.
Selbst der „allerwichtigste“ Punkt eines Theaterbesuches ist durchdacht – die Stimme aus dem Off, die darum bittet, das Telefon auszustellen und nicht zu fotografieren, ist eine jugendliche Stimme, quasi auf Augenhöhe bzw. Hörhöhe mit dem Publikum. – Alles in allem 60 Minuten geistreicher Klamauk mit ganz viel unauffällig untergemogeltem Tiefgang, dass man – auch als Kind – wirklich Lust auf mehr bekommen kann!
Weitere Informationen:
- Weitere Aufführungstermine von „Wurst“ bis Ende März: https://staatstheater-hannover.de/de_DE/programm/wurst.1378584#nav-ensemble
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