Eine Probenzeit mit extremer Hitze und heftigen Unwettern – und das für ein von sensiblen Zweierszenen dominiertes Werk! Alles auf der großen Open-Air-Bühne? Doch jeder renommierte Regisseur will einmal auf dem Bodensee gearbeitet haben – so jetzt Damiano Michieletto mit einem italienischen Team. Alle wurden mit herrlichem Sonnenuntergang und einer lauen Sommernacht für die Premiere gleichsam belohnt.
Fotoprobe „La traviata”- Bregenzer Festspiele 2026.
Lebensspiegel, Lebenssplitter … Die Bregenzer Festspiele eröffnen auf der Seebühne erstmals mit Verdis „La Traviata“
Für das ganze Team war es erstmals Verdis Sterben der schönen Kurtisane – haben sie deswegen gerade dieses Werk als Erstengagement angenommen? Denn die Seebühne will große Wirkung – doch nur zwei Gesellschaftsszenen finden sich im sonst eher kammerspielartigen Drama um die todkranke Violetta. Für die unumgängliche XXL-Vergrößerung auf der Seebühne hat Bühnenbildner Paolo Fantin einen 700 Quadratmeter großen, nur weich-matt reflektierenden Spiegel erfunden: hoch aufragend, aber bis weit nach vorn ins Wasser als zersplitterte Spielfläche dienend. Das ist als Abbild für den kaputten Glitter-Glanz des Kurtisanenlebens wie für die ruinierte Gesundheit der Hauptfigur anfangs beeindruckend. Doch schon ein in halber Höhe herausklappendes Spielpodest für die ländliche Liebes-Idylle Violettas mit Alfredo und ein anderes für ein Arzt-Zimmer, in dem Dr. Grenvil die Röntgen-Aufnahme mit der damals tödlichen Tbc studiert, überzeugen weniger. Ein später für Floras Ball aus dem Boden aufklappender, grellroter Show-Ring mit samt Ballett-Einlage (Choreographie Thomas Wilhelm) und Zauberkunststück rettet wenig. Dazu versuchen dann Roland Horvaths Videos auf der Spiegelwand „Ergänzendes“: Violetta in der Badewanne, dann mal Schmuck zählend, später ihre Brillanten verkaufend, Blumenbilder als „Bild-Füller“, vor der Rückkehr in die Pariser Geldwelt schon als Bordell-Auswahl gezeigt – verzichtbar verdoppelnd bis stilistisch schlicht.
Doch dann muss ja auch der See mitspielen – und deshalb waten sogar die Hauptfiguren immer wieder durchs knöcheltiefe Wasser der vorderen Spielfläche: Violetta in der Ball-Robe, Alfredo im Gesellschaftsanzug, Vater Germont mit großem Reisekoffer – dramaturgisch sinnfrei. Als Peng-Effekt: Der einleitende Ball Violettas als knallbunte „Splish-Splash“-Bade-Party (Kostüme Carla Teti) einer hübsch rhythmisch umherspritzenden Stunt-Truppe – das verpufft als Show-Gag zwischen Esther Williams‘ Hollywood-Badereien und Wimmelbild. Dass kleine Spiegel-Bruchstücke wie Inselchen im Wasser bespielt werden, dass mal Wasser-Fontänen als Ball-Attraktion hochschießen – unergiebig.
Leider dann am Ende eine stilistisch dazu unpassend kontrastierende Erfindung Regisseur Michielettos und Paolo Fantins: Aus der Spiegelmitte schwebt langsam und „irgendwie“ bedrohlich eine große schwarze Kugel – als Todessymbol? – auf Violetta zu … Doch sie „zermalmt“ die Sterbende nicht und nichts final beeindruckt … Dementsprechend kurz, mitunter ratlos und wenig begeistert war der Schlussapplaus. Die Inszenierung, die schon die originale, schön intime Kamelien-Lockung Violettas in einen kurz-oberflächlichen Party-Kuss für Alfredo banalisiert, zeigt nirgendwo Michielettos Können, schon gar nicht seine Szenen- und Personenführung wie im Film „Vivaldi und ich“ (vgl. NMZ vom 01.05.2026). Einzige Erkenntnis: Das Werk gehört letztlich nicht auf die große Seebühne.
Leider überwölbte der ukrainische Dirigent Kirill Karabits das Ganze mit den Wiener Symphonikern nicht emotional glühend. Die berühmte BOA-Tontechnik konnte zwar Violettas „Amami“-Abschied in grandiosen Cinemascope-Sound steigern, aber die große musikdramatische Bandbreite zwischen Liebes-Utopie und Liebes-Tod entfaltete sich nicht. Das lag nicht an den Solisten. Da waren die gut besetzten Nebenrollen – etwa der markante Dr. Grenvil von Stanislav Vorobyov, die bildschöne Flora von Angela Simkin im Kontrast zur bieder ergebenen Annina von Melissa Zgouridi. Vladimir Stoyanov verlieh dem Vater Germont mit schön voluminösem Bariton die gradlinige Würde eines Patriarchen aus der Provence. Julien Behr brachte für Alfredo eine blendende Bühnenerscheinung mit, so männlich fesch und tenoral viril strahlend, dass nur seine anfängliche Schüchternheit und Unangepasstheit weniger glaubhaft wirkten. Sopranistin Marjukka Tepponen dagegen war in schönen Ball-Roben als verführerisches Zentrum durchweg überzeugend. Ihr Sopran klang mal kühl abkanzelnd gegenüber den Pariser Verehrern - und dann besaß sie auch die Leuchtkraft für das eine große Glück. Ihr gebührte der kurze Jubel – doch Freude übers Gelingen wollte sich nicht so recht einstellen.
- TV-Aufzeichnung im ZDF 26.07.2026 – 22.15 h; Zusammenschnitt am 27.07.2026; im 3sat-Festspielsommer am 29.07.2026
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