Hauptbild
Filmszene mit Michele Riondino als Vivaldi und Tecla Insolia als Cecilia. Foto: X Verleih

Filmszene mit Michele Riondino als Vivaldi und Tecla Insolia als Cecilia. Foto: X Verleih

Hauptrubrik
Banner Full-Size

Wenn Musik so befreit …

Untertitel
„Vivaldi und ich“ – der Komponist und historische Frauenschicksale im Film
Vorspann / Teaser

Vieles von Antonio Vivaldis Musik klingt auch heute noch nach „Grenzen sprengen“ – speziell „Quattro Stagioni“… und daraus dann der „Sommer“… so „fetzig“, dass dies auch schon als Werbe-Musik missbraucht wurde …

Publikationsdatum
Paragraphs
Text

Missbrauch ganz anderer Art wird vom inzwischen renommierten Opern-Regisseur Damiano Michieletto aufgegriffen. Er zeigt in seinem ersten Spielfilm einen Ausschnitt aus Vivaldis Lebensweg: als dieser durchaus umstrittene „rote Pries­ter“ – nur wegen seiner ererbten Haarfarbe! – an das Waisenhaus „Ospedale della Pietà“ berufen wurde. Dort fanden erst einmal heimlich abgegebene „Waisenmädchen“ ein Zuhause, lernten Lesen, Schreiben und Musizieren durch glänzenden Unterricht. Der zum Pries­ter geweihte Vivaldi war nach 1703 zunächst Kaplan und las am „Ospedale“ die obligatorischen Messen. Doch seine kompositorische Begabung führte über die Position des maestro di violino ab 1704 zusätzlich zum maestro di viola all’inglese. Den Posten als Instrumentallehrer hielt er bis ins Jahr 1716, dann wurde er zum musikalischen Leiter berufen, maestro de’concerti. Vivaldi führte das meist nur hinter Gittern und maskiert gegen Männerblicke auftretende Mädchenorchester auf bislang unerreichte Höhen: Sie behaupteten sich in Venedig historisch gegen drei vergleichbare Orchester aus Waisenkindern und musizierten derart überragend, dass sie eine künstlerische Attraktion der Dogenstadt und zum ­Reiseziel von Musikfreunden ­aus ­­ganz ­Europa wurden.

Michieletto hat den Roman „Stabat mater“ von Tizianio Scarpa (Wagenbach Verlag) aufgegriffen. Für die damalige Mittelmeermacht Venedig gilt, was im Film mehrmals ausgesprochen wird „Es geht immer ums Geld“: Adelige Sponsoren tragen das Waisenhaus. Viele heiraten eines der gebildeten Mädchen später, verbunden mit einer abermaligen „Spende“ – einzige zeittypisch aristokratische Bedingung: Jungfräulichkeit. Für diese historisch zutreffend gezeichnete und exakt standesgemäß kostümierte Gesellschaft (Maria Rita Barbera, Gaia Calderone) wird ein die reichen Handelsfamilien bis hinauf zum Dogen anziehender Musiker gebraucht – eben Vivaldi. Er wird von Michele Riondino ernsthaft und historisch glaubhaft gezeichnet, auch von Anfang an krank mit Vivaldis lebenslanger Angina pectoris. Dazu hat der Regisseur aus dem Buch eine äußerlich wie musikalisch bezaubernde Figur übernommen: die hochbegabte Cecilia – natürlich benannt nach der katholischen Heiligen der Kirchenmusik –, die als Violinistin heraussticht; dass er sie zur 1. Geigerin macht, begründet sein schöner Satz „Du spielst nicht, um gelobt zu werden“. Tecla Insolia bringt für das besondere Erfühlen und dann spielerische Erfüllen von Vivaldis Musik mehr ein süßes Gesichtchen unter der Nonnenhaube mit. Ihre Augen zeigen mehrmals, was Musik im Inneren eines sensiblen Menschen auslösen kann: dass sie alle Zuhörenden „begeistert und benommen macht“ – so auch in einer Sequenz mit der Sonate für den König von Dänemark oder mit der Siegesmusik zum Ende des Türkenkrieges. In wenigen kurzen, „gestohlen“ wirkenden Gesprächen erkennen beide, dass sie vieles nicht leben können, aber die Musik haben: „Sie vermag alles…“ und selbst das, was man nicht kennt: „Wir können es uns ausdenken“. Da Cecilias Musizieren ein dramatisches Ende nimmt – das hier nicht verraten werden soll – zeigt der Film zwei reizvoll divergierende Finali: Vivaldi hat ihr zu Ehren „Juditha triumphans“ komponiert – während sich Cecilia leise aus der Hoffnung auf die Mutter wie der Existenz im Waisenhaus löst.

Der 1975 in Venedig geborene Regisseur Damiano Michieletto hat ein realistisches Bild seiner Heimatstadt im 18. Jahrhundert von Daria d’Antonio filmen lassen. Für diesen seinen ers­ten Film hat er etliche internationale Operninszenierungsangebote nicht wahrgenommen und auch die musikalische Seite ernstgenommen. Zwei zusätzliche Violincoaches haben mit allen, speziell aber beiden Hauptfiguren an professionell wirkendem Musizieren gearbeitet – auch von guter Schnitttechnik bei schwierigen Passagen unterstützt. Die Vivaldi-Passagen von der Academia Montis Regalis unter Alessandro De Marchi bringen zwar nicht den musikdramatischen „fuoco“ der geradezu elektrisierenden CDs des Ensembles Il Giardino Armonico, spannen aber doch den weiten Kompositions- und Klanghorizont Vivaldis auf… und wenn ein Film Lust auf „mehr Vivaldi“ macht, ist ihm und dem Regisseur zuzurufen: Bravi!

Weiterlesen mit nmz+

Sie haben bereits ein Online Abo? Hier einloggen.

 

Testen Sie das Digital Abo drei Monate lang für nur € 4,50

oder upgraden Sie Ihr bestehendes Print-Abo für nur € 10,00.

Ihr Account wird sofort freigeschaltet!