Ein „Münchhausen“-MusiKal fürs Mansfelder Land. Foto: © Anna Kolata
Lügenbaron im Rosenparadies: Ein „Münchhausen“-MusiKal fürs Mansfelder Land
Bei diesem setzt aber der Abstraktionsprozess durch den Regie führenden Intendanten Frank Martin Widmaier an. Marcel Frank kommt – nicht ganz hager – der Gestalt des Barons mit schwarzem Dreispitz und blauem Rock, die durch Hans Albers zur Nazifilm-Ikone wurde, ziemlich nahe. Die Episoden vom an der Spitze eines Kirchturms angebundenen Ross und andere werden fast eilig abgespult. Es geht weniger um die Substanz des erfundenen Erzählmaterials als um dessen Vereinnahmung. „Münchhausen“ ist ein „MusiKal“ mit der Bedeutung „Musikalisches Kaledoskop“, also mehr Mix als kohärente Handlung.
Setzte der zwischen Empfindsamkeit und Aufklärung räsonierende Dichter Fake News oder Reality? Beides liegt bekanntermaßen am Urteilsvermögen der Vernehmenden oder den lauteren bis manipulativen Absichten der Anwendenden. Der Schauplatz dieser „Münchhausen“-Revue über die Manipulation der Massen, die mit harmlosen Anekdoten beginnt und bis zum dumpfen Übertrumpfen der Wahlkampf-Endspurts steigerbar ist, spielt dieses Mal nicht in einem Polit- oder Großraumbüro mit an Monitore gefesselten Angestellten. Sondern in einem Studio. Dahinter ein Screen und daneben Dekorationsteile für Szenen unter Wasser bzw. zwischen den Sternen. Zuerst erzählt Bürger und mit ihm die Figur Münchhausen fast zweckfrei, also in vitaler Lust am Sensationseffekt und an der seinem Ego schmeichelnden Neugier der Hörenden. Eine Schnöselbande mit Sonnenbrillen umgibt ihn: Julius Christodulow, Oliver Beck, Nima Conradt. Aus dieser schält sich ein Staatsrat (Christopher Wartig) heraus, der den brisant werdenden Star Münchhausen wie ein heißes Eisen fallen lässt.
Vor allem dem Neffen des Regenten (Julius Böhning) hat es der Erzähler Bürger angetan. Doch jetzt mischt sich die Thespiskarren-Diseuse Vanda dazwischen und lehrt Bürger/Münchhausen alle Haken der Performance und effektvollen Selbstdarstellung. Sie ist mondän, selbstbewusst, und Vivian Micksch macht sie über weite Szenen zum Mittelpunkt der Show. Bürger lernt viel von Madame Vanda, wird deshalb für die politikverdrossenen Fanmassen zum Star und – so ist der Lauf der Multichannel-Konjunktur – schnell wieder fallengelassen, indem man seine populären Geschichtchen für Korruption an der (systemkonformen) Wahrheit erklärt. Diese opportunistische Korrektur kommt in virtuose Bewegung durch die Choreographie von Khanh Vi Pham Do. Gefochten wird auch, und auf dem Screen gibt es immer wieder Fäden aus Pink und Black.
Aber nicht diese weitgehend perfekte Unterhaltung ist das Ziel, sondern absichernde Show-Verpackung: Es geht nicht nur um die systemische Frage, an wem die Wahrheit oder die Beschwichtigung oder die schöne Lüge oder das schonende Vergessen ist. Sondern darum, wer unschuldig fabuliert oder die Desinformationsindustrie strategisch ausnutzt. Nicht ganz von ungefähr kommt also Unterhaltungspotenzial als Beschwichtigungsinstrument unter den diskursiven Hammer. Es fehlen – mit Ausnahme der schmierigen Herrenanzüge von Jan A. Schroeder – Akzente aus dem Showbiz der älteren Schule.
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