Warum gehen wir alle immer wieder einmal ins Konzert? Ist es die Musik des Abends, die man hören möchte, oder ein:e Solist:in, ein Ensemble, ein Gastorchester? Für andere ist es ein „must have“ im Foyer oder eben „nur“ eine Abendunterhaltung. Die Gründe sind so vielfältig wie die Menschen im Publikum. Wunderbar! Und dennoch geht es (meist leider unbeachtet) auch um eine stimmige Dramaturgie auf dem Programmzettel – und das Zusammenfügen verschiedener Werke aus unterschiedlichen Epochen, die in der Summe etwas zu sagen haben, oder um eine einzelne Komposition. Kein leichtes Unterfangen, bedenkt man die üblichen Rahmenbedingungen im internationalen Konzertzirkus. Aber selbst, wenn alle Hausaufgaben perfekt gemacht wurden – es bleibt immer ein Restrisiko. Meist auf der Bühne…
Reihe 9 im deSingel, Antwerpen. Foto: mku
Reihe 9 (#114) – Stille
Antwerpen ist immer eine Reise wert. Die Stadt lebt von ihren Gegensätzen, der Schokolade und der Musik. Rubens, moderne Schnellstraßen und ein sichtbar aktives jüdisches Viertel, zeitgenössische Kunst und ein Bahnhofsgebäude aus der Zeit des „imperialen“ Kolonialismus (ja, auch Belgien war einst in Afrika „unterwegs“). Gleich nebenan ein bedeutender Zoo und ein interessanter Konzertbau, versteckt hinter einer historischen Straßenfassade: der an bewährter Stätte 2016 neu eingeweihte Königin-Elisabeth-Saal mit seinen fast 2000 Plätzen – eine beachtliche Größe, die man aber dem Raum kaum anmerkt. Hier ist auch das zuletzt auf Tonträgern merklich präsente Antwerp Symphony Orchestra zu Hause, ein Klangkörper, der im europäischen Konzert aufgeholt hat und auch im Abonnementskonzert mit interessanten Werken punktet.
Wie im Mai mit einer verblüffenden Folge von Sibelius, Elgar, Rautavaara und Strauss. Am deutlichsten sind mir dabei die beiden Finnen in Erinnerung geblieben: Rautavaara mit einer seiner herrlichen, unverkennbaren sinfonischen Partituren (Isle of Bliss, 1995), vor allem aber das für Streicher instrumentierte Klavier-Impromptu op. 5 des jungen Jean Sibelius. Selten habe ich einen so großen Saal so konzentriert und leise erlebt, selten einmal war „Stille“ so greifbar in Tönen. Eigentlich hätte man wohl gleich besser mit Elgars Cellokonzert weitermachen sollen – und es hätte wunderbar gepasst. Doch wie mit der Situation umgehen? Einfach Sol Gabetta auf der Bühne sieben Minuten warten lassen? Sie rasch mit einem kurzen Applaus auf das Podium holen? – Am Ende war der spürbar schlechteste aller möglichen Übergänge gewählt worden. Die ersten Violinen traten ab, ein Solo-Podium wurde hereingetragen, die Bläser spielten sich warm … und eine vorhandene magische Stimmung zerbrach für alle in wenigen Augenblicken. Dass hier im Vorfeld nicht zwischen den „Gewerken“ kommuniziert wurde, hätte augen- und ohrenfälliger kaum sein können.
Musik im Abendlicht. Foto: mku
Endlich habe ich es am nächsten Tag auch einmal in den Konzertsaal deSingel geschafft – sehr gut zu erreichen mit der Tram, ohne die man in der unendlich betriebsamen Stadt kaum vorwärtskommt. Mit Anthracite Fields (2014) von Julia Wolfe stand eine Komposition auf dem Programm, die mit dem begehrten, in Europa aber kaum wahrgenommenen Pulitzer Preis ausgezeichnet wurde. Das im Raum recht überschaubare Auditorium war gleichwohl fasziniert – von der Interpretation durch den Flämischen Rundfunkchor und das aus New York stammende Ensemble Bang on a Can, aber mehr noch von der faszinierenden, teils aufklärerischen, teils ergreifenden Einblendungen von Auszügen aus belehrenden Dokumentarfilmen und Bildern aus dem Alltag. Schade, dass diese stimmige Aufführung in der lebendigen Stadt offenbar ein stiller Geheimtipp blieb – denn sie war weitaus mehr als nur 75 Minuten Musik.
Über Reihe 9
Immer am 9. des Monats setzt sich Michael Kube für uns in die Reihe 9 – mit ernsten, nachdenklichen, manchmal aber auch vergnüglichen Kommentaren zu aktuellen Entwicklungen und dem alltäglichen Musikbetrieb. Die Folgen #1 bis #72 erschienen von 2017 bis 2022 in der Schweizer Musikzeitung (online). Für die nmz schreibt Michael Kube regelmäßig seit 2009.
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