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Reihe 9 im Musikhuset Aarhus. Foto: mku

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Reihe 9 (#113) – Requiem

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Mal ehrlich. Die „Lage“ ist desaströs. Seit Wochen, Monaten und Jahren vergeht kaum ein Tag, an dem einen nicht eine traurige oder gar tragische Meldung erreicht. Aus aller Herren Länder, und manchmal auch ganz nah – nur wenige hundert Meter und knapp 24 Stunden von einem selbst entfernt. Die Welt ist aus den Fugen geraten. Ganze Gesellschaften werden bewusst gespalten, enttäuschte Menschen folgen Rattenfängern, andere lösen ihre privaten oder geopolitischen Probleme auf dem Rücken Unbeteiligter. Und all dies geschieht in einer Welt, die den versöhnlichen Glauben verloren hat.

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Eigentlich bezeichnet der Begriff „Requiem“ die lateinische Totenliturgie. Schnell denkt man an Mozart (der bekanntlich selbst über der Komposition in Sorge um den Auftrag verstarb) oder auch an Louis Spohr (der seine Skizzen erst gar nicht weiter ausgeführt). Im 20. Jahrhundert nehmen die sonst mal dramatisch ernsten, mal lyrisch verklärenden Vertonungen allerdings auch einen politischen, mitunter gar pazifistischen Charakter an – je nach Komponist, Biographie, historischem Kontext oder Intention. Das Trauern und Be-Trauern wird dabei mehr und mehr zu einem persönlichen Bekenntnis. Und denkt man über Britten, Ligeti, Penderecki, Zimmermann hinaus, dann reihen sich in unserem Jahrhundert viele der um Nine-Eleven kreisenden Werke in diesen Korpus mit ein. Ist die Welt also ein einziges Jammertal geworden? Hoffentlich nicht – aber das Gedenken und die gedankliche Option auf bessere Lösungen sollten, müssen sogar, erhalten bleiben. 

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Mir ist jedenfalls aufgefallen, dass gerade an ganz unterschiedlichen Orten viel „Requiem“ auf den Bühnen und Podien anzutreffen ist. Mit Werken, die ganz für sich stehen können, mit Werken, die eine bleibende Aussage haben, die zu uns in der Gegenwart sprechen, die aber auch im Allgemeinen oder gar Abstrakten verharren, keinen mahnenden Finger erheben oder plakativ anklagen. Benjamin Britten stellt etwa moralische Fragen, während Johannes Brahms durch seine kluge Auswahl von Bibelworten auch den Hoffnungslosen Hoffnung gibt. Früher wohl eher in der sogenannten „stillen Woche“ auf dem Programm, haben die Partituren heute ein Eigenleben entwickelt. Wer hätte gedacht, dass Brittens drängendes War Requiem von 1962 einmal auf einer städtischen Bühne anzutreffen sein würde – und zwar als Oratorium und in Bildern inszeniert?

Frank Hilbrich ist das in Bremen passabel gelungen, wenn auch die einzelnen Szenen sich nicht zur Musik erschließen. Teilweise gehen sie mit, teilweise stehen sie ihnen entgegen, auf jeden Fall aber entsprechen sie nicht der ursprünglichen Intention des Werkes. Intensive Momente wechseln sich mit pauschaler Chor-Choreographie, das Ende gar scheint allzu stark auf Otto Griebels Die Internationale (1929/30) zu verweisen. Wunderbar klar gesungen und durch mehrfache Aufführungen „sicher“ und „selbstverständlich“ im Chor, muss offen bleiben, ob Hilbrich mit einem eher materialistischen Weltbild den richtigen Zugang hatte, wenn er im begleitenden Programmheft entgegen des christlichen Verständnisses zu Protokoll gab: „Das Requiem ist ja ein Trauergesang auf Verstorbene. Die Seele ist schon tot.“

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Wie anders lesen sich da die von Brahms für das Deutsche Requiem ausgewählten Bibelstellen, mit denen er auch das hochdramatische Dies irae ersetzt. Statt vom Zorn Gottes und dem Flehen um Gnade beim Grausen des Jüngsten Gerichts erzählt er von der Erwartung himmlischer Freuden: „und Schmerz und Seufzen wird weg müssen.“ Musikalisch verknüpft er dann das „Selig sind die Toten“ mit dem „getröstet werden“ – und dann wäre da noch der sich über einem Orgelpunkt entfaltende kontrapunktische Klangrausch zu den Worten „Der Gerechten Seelen sind in Gottes Hand.“ Wer hier aber eine stampfende Walze erwartet hatte, wurde bei einer Aufführung in Aarhus eines Besseren belehrt. Die drei Chöre mit jungen Stimmen, die sich auf das Projekt verständigt hatten, begeisterten gemeinsam mit dem Sinfonieorchester der Stadt in einer facettenreichen, mitunter kammermusikalisch wirkenden und berührenden Interpretation. Dass der große Saal im weitläufigen Musikhuset (das mit all seinen Räumlichkeiten übrigens das größte Musikhaus Skandinaviens ist) lila getönt war, ließ auf ein erweitertes Verständnis schließen.

Über Reihe 9

Immer am 9. des Monats setzt sich Michael Kube für uns in die Reihe 9 – mit ernsten, nachdenklichen, manchmal aber auch vergnüglichen Kommentaren zu aktuellen Entwicklungen und dem alltäglichen Musikbetrieb. Die Folgen #1 bis #72 erschienen von 2017 bis 2022 in der Schweizer Musikzeitung (online). Für die nmz schreibt Michael Kube regelmäßig seit 2009.

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