Das Land kennenlernen, in dem man musiziert – das praktiziert der Dirigent Simon Rattle seit seinen Anfängen in Birmingham. Die Wurzeln suchen und die Jugend einbinden gipfelten dann in „Rhythm is it“, in Strawinskys „Sacre“ mit Berliner Kindern und den dortigen Philharmonikern. Nach dem Wechsel zum Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks wollte Sir Simon dann die ländliche Musizierlust kennenlernen, reiste zu Blaskapellen quer durch seine neue Heimat und ließ das dann gigantisch zusammenklingen (vgl. nmz 8.7.2024) … doch „Rattle-di-tattle“ geht weiter…
Sir Simon Rattle, das BRSO und im Hintergrund die Frauenstimmen und Kinderchöre © BR / Astrid Ackermann
Singen mit Sir Simon – Ein vielfach überwältigendes Chor-Konzert im Münchner Circus-Krone-Bau
In München darf – oder: soll? – schon alles „XXXL“ sein: Nach seiner persönlichen Blasmusikreise durch Bayern ließ Sir Simon dieses Mal einen Chor-Wettbewerb ausschreiben. Über 200 Gesangsvereinigungen meldeten sich. In einem vom ehemaligen BR-Chorleiter Howard Arman geleiteten Auswahlverfahren wurden seit Oktober 2025 dann zwölf Chöre zwischen Markt Indersdorf und Lindau ausgewählt. Mit Blick auf eine kleine Konzertreihe begannen die Proben: Rund 30.000 Probeminuten ließen sich da aufaddieren… und nun standen die 528 Mitwirkenden in zwei großen Blöcken amphitheatralisch hinter dem Orchesterpodium im Kuppel-Rundbau des Circus Krone. Schöner „Sidekick“ vorweg: Alle, die es nicht in die Endauswahl geschafft hatten, waren zu zwei anderen Konzertproben des Symphonieorchesters eingeladen.
Fast wie ein Gruß zum 250. Jubiläum der US-Unabhängigkeitserklärung eröffneten fünf „Old American Songs“ von Aaron Copland das Programm. Da gelangen der stampfende Rhythmus und die Echo-Wirkungen des „Boatsmen’s Dance“, die leisen Klänge von „Long Time Ago“. Bariton John Brancy traf den handfesten Arbeiter-Tonfall perfekt. Damit der Spaß von „I Bought Me A Cat“ richtig gelang, wollte Sir Simon eine Mischung ohne „Oxford“ oder imitiertem Amerikanisch: „Aber es muss schon ein bisschen Barbacuesoße zu hören sein“ – und so gelangen die Tierlaut-Imitationen einfach hübsch.
In seinen Birmingham-Jahren bekam Judith Weir den Kompositionsauftrag zu Liedern für Kinder- und Frauenchor; sie fühlte sich von Shakespeares „Tempest“ angezogen und wollte Meer, Wind, Luft und eine Ahnung von Geisterwelt zum Klingen bringen: „Storm“, „Shipwreck“, „Charm“, „Magic“, „Spirit“ und „Mercy“ sind die Teile überschrieben. Da spielte das Symphonieorchester zwischen Donnerblech, offenen Becken und viel Schlagwerk sein fulminantes Können aus – doch dann gelangen die Chorteile im Piano auch mit klingender Substanz bis hin zum schönen Diminuendo aus dem Forte von „Magic“ ins Piano-Finale einfach professionell.
„It’s a fantastic Schweinehaxe“
So spannungslösend begann Sir Simon die Proben zum Hauptwerk nach der Pause, zu Carl Orffs „Carmina burana“ – über seine ansteckende Begeisterung hinaus war damit bei den Laienchören die Hürdenangst vor Latein und Mittelhochdeutsch genommen. Fast alles gelang zwischen rhythmischer Rasanz etwa im „Ecce gratum“ bis hin zum „ppp-Circa mea pectora“ und der darauffolgenden Attacke von „Si puer cum puellula“ – dazu schön weibliche Sopranklänge von Nikola Hillebrand, Tenor-Kantilenen und Fiorituren von Sunnyboy Dladlaim im Kontrast zu Bariton-Prunk von John Brancy. Und dann über etwa „Wagner mitsamt Mahler“ hinaus: aus über 500 Kehlen „Ave formosissima“ und mit aller Finalkraft gesteigert „O Fortuna“ zu hören – da beeindruckte die Holzdecken-Akustik des Circus Krone und der Cinemascope-Todd-AO-4K-Sound überwältigte einfach.
Zum künstlerischen Höhepunkt war aber vor der Pause schon Ralph Vaughan Williams’ „Serenade to Music“ geworden. Das Nicht-so-sehr-Opernland England hat ja eine große Orchester- und Chortradition. Dirigent Sir Henry Wood (1872–1958) spielte darin eine bedeutende Rolle und gilt als „Vater der Proms“. Zu seinem 50-jährigen Auftrittsjubiläum schuf Vaughan Williams 1938 eine kleine Besonderheit: Er nahm Textauszüge aus der Liebesszene zwischen Jessica und Lorenzo in Shakespeares „Kaufmann von Venedig“, also nächtlicher Garten, Ständchen, Liebe, Mondlicht …, doch kein Gesangsduett, sondern zart wechselnde Stimmungsnuancen. Zu diesem Galakonzert reisten die britischen Gesangsstars an und alle 16 bekamen kleine, minutenkurze Solopassagen, die in der Partitur mit den jeweiligen Initialen versehen sind – Besetzungsalptraum und solitärer Zauber. Doch Musikstadt München und BR-Qualitäten: Die 16 Soli können mit den Chor-Solisten des BR-Chores souverän besetzt werden, dank Howard Armans jahrelanger Arbeit – und einfach klangzaubern, zusammen mit SO-Brillianz etwa in Bratsche und Violine, dazu feinstimmige Chorphrasen und zartes Harfen-Rauschen … Das Programmheft zitiert, dass Sergej Rachmaninow nach der Serenade Tränen in den Augen gehabt haben soll und an Henry Wood schrieb, dass er noch nie von einem Musikstück so bewegt gewesen sei … Dem ist nichts hinzuzufügen – außer: Danke!
Konzert- und Sendetermine:
- 12. Juli: Gastkonzert beim Kissinger Sommer, Turnierplatz, Open Air
- 25. Juli, BR-Klassik Konzertmitschnitt, 13.05 Uhr
- 27. Juli, BR Fernsehen, Konzertmitschnitt Bad Kissingen, 22.45 Uhr
Anschließend in der ARD-Mediathek verfügbar
Weiterlesen mit nmz+
Sie haben bereits ein Online Abo? Hier einloggen.
Testen Sie das Digital Abo drei Monate lang für nur € 4,50
oder upgraden Sie Ihr bestehendes Print-Abo für nur € 10,00.
Ihr Account wird sofort freigeschaltet!