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Adelaide (Rita Lucia Schneider), Mandryka (Alejandro Lárraga Schleske). Foto: Ronny Ristock

Adelaide (Rita Lucia Schneider), Mandryka (Alejandro Lárraga Schleske). Foto: Ronny Ristock

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Sternstunde mit Problem-Oper: Kein schlechtes Gewissen angebracht wegen „Arabella“ in Gera!

Vorspann / Teaser

„Arabella“ ist schwierig. Der Orchesterpart stellt in der kleinmaschigen Verquickung von Polyphonie, slawischen Idiomen und atonalen Verdickungen gewaltige Anforderungen. Richard Strauss’ Opus 79 erlebte am 1. Juli 1933 – wenige Monate nach der nationalsozialistischen Machtübernahme – in der Strauss-Hochburg Dresden seine höchst repräsentable Uraufführung. Die Melange aus Spätest-Biedermeier und vorbewusster Anpassung an den antihumanen Zeitgeist verursacht konzeptionelle Kopfschmerzen wegen des heute unmöglichen Geschlechterkonstrukts. Der Höhenflug des Theaters im Thüringer Osten findet nach Eugen d'Alberts „Die toten Augen“ seine Fortsetzung – mit Besetzungen fast ausschließlich aus dem eigenen, hochkarätigen Ensemble. Dazu in der hier zu einem besonders subtilen Höhepunkt aufschießenden Programmlinie „Arm und reich“: Frauliches Glück als beglückend erlebte Unterwerfung. Ruben Gazarian, das Orchester, die Sänger:innen agieren himmlisch zu intelligenter Regie des Generalintendanten Kay Kuntze.

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Die Neuproduktion an der Elster zeigt mit Komödiantik und Ernst ein poröses Werk, dessen heikler Hintergrund nur selten in einer einzigen szenischen Produktion deutlich wird. Auch hier sind kaum zu meisternde Herausforderungen spürbar, werden aber nur punktuell als Anstrengung kenntlich.

Das Grafenpaar Waldner pfeift wirtschaftlich aus dem letzten Loch: Theodor erhöht mit seiner Spielsucht die existenzgefährdenden Schuldenberge, Adelaide erhofft mit ekstatischen Verzweiflungsschüben das Wunder einer guten Partie für die Tochter Arabella. Deren jüngere Schwester Zdenka fühlt sich in den ihr wegen der klammen Finanzen aufgezwungenen Männerverkleidung zunehmend unwohl und setzt sich wegen ihrer Liebe zum eigentlich Arabella anhimmelnden Leutnant Matteo über alle Konventionen hinweg. Diese Wiener Gesellschaft steht zwar – obwohl im Original kurz vor dem Börsenkrach – nicht am Abgrund, ist bei Kay Kuntze aber zwischen Ficken und Finanzen doch ziemlich aus den Fugen. Die Regie des Generalintendanten und die eher Richtung 1900 vorpreschende statt in der beginnenden goldenen Operettenära nach 1860 bleibende Ausstattung von Benita Roth zeigen das in klugen bis bösen Details.

Wichtigstes: Vor Arabella knien ALLE heiratswilligen Männer, wollen aber nur die eheliche und erotische Obergewalt. Sogar Mandryka: Noch vor dem ersten Einverständnis entpresst er ihr den ersten Kuss. Im berüchtigten Finale begibt sich die stolze Komtesse der von ihr dann sich als Zuneigungsbeweis genommenen Vertrauenserschütterung freiwillig unter Augenhöhe. Zdenka entwickelte in ihrer fatalen Selbstverleugnungsposition als junger Bruder eine Borderline-Störung. Leutnant Matteo ist hier keine Witzfigur, sondern der sympathischste Mann im Spiel. Nur der derangierte Graf Waldner wirkt verkümmert und Gräfin Adelaide – wie von Hofmannsthal erdacht – trotz beginnender Verhärmung wie eine attraktive Granate. Die nonbinäre Fiakermilli entfesselt bei Frauen und Männern (mit sensationell verlangsamten, zwei- bis dreideutigen Koloratur-Seidenbändern: Julia Gromball) ein erotisches Roulette. Eine weitere treffsichere Episodenfigur gibt Franziska Weber als exotische Kartenaufschlägerin. Überhaupt ist die Metropole des Habsburger Vielvölker-Reichs mit feinen Andeutungen präsent. Arabella besingt in ihrem Monolog den Kopf der von Mandryka erlegten Bärin. Der erste Akt spielt vor zu großen Türen auf einem Podest mit Teppich. Generell gibt es keine der von Hofmannsthal erforderten Treppen: Der erotische Trieb macht keine Unterschiede, was der mit feinen Soziolekt-Unterschieden gestickte Text ständig nahelegt und man hier auch deutlich sieht. Nicht hämisch, sondern mit traurigen bis primitiven Brüchen.

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Mandryka (Alejandro Lárraga Schleske), davor: Graf Waldner (Johannes Beck), Adelaide (Rita Lucia Schneider), Graf Dominik (Jaeyoung Lee), Opernchor, Philharmonischer Chor. Foto: Ronny Ristock

Mandryka (Alejandro Lárraga Schleske), davor: Graf Waldner (Johannes Beck), Adelaide (Rita Lucia Schneider), Graf Dominik (Jaeyoung Lee), Opernchor, Philharmonischer Chor. Foto: Ronny Ristock

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Das Theaterhaus Gera tendiert bei groß besetzten Werken zur Überakustik, was hier nicht hörbar wurde. Das hervorragend disponierte Philharmonische Orchester Altenburg Gera, die für den kleinen Part mit dem Opernchor und Philharmonischen Chor Gera groß besetzten Massen (Leitung: Judith Bothe) fluten ebenfalls mit Dichte und einem melancholischen Schleier, sogar im Fortissimo. GMD Ruben Gazarian holt die slawischen Momente nicht nur aus den beiden berühmten Duetten „Aber der Richtige“ der Schwestern und dem heiklen „Und du wirst mein Gebieter sein“ zwischen Mandryka und Arabella. Das Finale wird tatsächlich zum weiterdenkenden, nicht bestätigenden Schlusspunkt. Das Publikum war – nicht immer der Fall – bei der hier in der Dresdner Zäsur zwischen zweitem und drittem Akt gespielten „Arabella“ mit Spannung bei der Sache.

Anne Preuß modelliert mit idealerweise halb herber, halb süßer Stimme die komplexe Titelpartie als Produkt einer Umwelt mit Paradoxen in Dauerschleife. Die Liebe zur Schwester ist echt, ihr Vertrauen in Mandryka nicht aufgesetzt und der maliziöse Geschlechterkrieg mit dem Frauen als Trophäen verstehenden Grafen Elemer (Jan Kristof Schliep) fintenreich. Das alles hört man von Preuß mit Emotion und Intelligenz. Subtil auf gleicher Ebene ist Natalie Image als Zdenka – mit deutlicher Zerrissenheit, warmen Silbertönen und empathischen Gesten. Die nächtliche Verführung im abgedunkelten Hotelzimmer, in dem sie Matteo unter Vorspiegelung einer falschen Identität empfängt, kommt mit einem ausgetricksten Theatercoup unterhalb der Gürtellinie ins Bild.

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Arabella (Anne Preuß), Mandryka (Alejandro Lárraga Schleske). Foto: Ronny Ristock

Arabella (Anne Preuß), Mandryka (Alejandro Lárraga Schleske). Foto: Ronny Ristock

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Jongwoo Ki gibt einen Matteo fern jeder Karikatur mit ehrlicher Leidenschaft und ernstem Gestus, was in dieser Partie schwer ist. Johannes Beck ist ein Graf Waldner mit erstarrenden Routinen, Rita Lucia Schneider eine interessant zwischen Resignation und Mondänität changierende Gräfin Adelaide, welche von ihr zu einer Hauptpartie gemacht wird. Alejandro Lárraga Schleske gibt keinen zu charismatischen Retter Mandryka. Böser Humor bei den Nebenfiguren. Schade trotzdem, dass Jaeyoung Lee und Kai Wefer als Arabellas abgewiesene Verehrer Graf Dominik und Graf Lamoral nicht mehr gefordert sind.

Eine hängende Kutsche wird zum mehrdeutigen Symbol im Mikrokosmos dieser 93 Jahre nach der Uraufführung zwar noch immer anfechtbaren, aber auch erstaunlichen Strauss-Oper, deren Vielschichtigkeit vielleicht erst jetzt mit voller Schärfe erkennbar ist. Am Ende hemmungslose Applaus-Raketen.

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