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Alcina | Premiere am 13. Juli 2026. Jeanine De Bique. Foto: © Geoffroy Schied

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Stimmfest ohne Zauber - Händels „Alcina“ als zweite Festspielpremiere im Münchner Prinzregententheater

Vorspann / Teaser

Ach Circe, ach Calypso, ach all die Hesperiden, Okeaniden, Neriden, Hesperiden, Dryaden und all die anderen bis hin zur eher diesseitigen Nausikaa … Irgendwie werden da „wir Männer“, zumindest die meisten Poeten, gerne an die Inseln und geheimnisvollen Orte dieser be- und verzaubernden Wesen „angeschwemmt“… davon angezogen… oder so … jetzt war es die Bühne von Münchens zweitem großem Opernhaus.

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Dieses Mal lockte – wohl den Sirenen mit ihrem betörenden Gesang verwandt – „Alcina“ –, doch sie ist in der männlichen Überlieferung eher als lebensbedrohliche Zauberin dargestellt, die Angreifer wie abgelegte Liebhaber in Tiere, Steine oder anderes Unmenschliches verwandelt. Händels Oper von 1735 setzt ein, als die leidenschaftliche Liaison zwischen Alcina und dem auf ihrer Insel verzauberten Helden Ruggiero schon kriselt. Zudem ist Ruggieros Verlobte Bradamante als Mann verkleidet eingetroffen, um den Geliebten zu retten. Prompt verliebt sich Alcinas fröhliche Schwester Morgana auch noch in den vermeintlichen Mann Bradamante … das zu erwartende Gefühlschaos entlädt sich in grandioser Opernmusik.

Der bis heute hohe Stellenwert des Werkes kann aus Händels psychologisch zum Teil extrem tiefgehender Ausleuchtung Alcinas erwachsen. Sie kann durch die Musik, besonders ab dem zweiten Akt, weniger in ihrer Qualität als Zauberin, sondern vielmehr als liebende, verlassene, durch und durch einsame und verzweifelte Frau dargestellt, hörbar und nachvollziehbar werden. 

Leider beginnt da das Scheitern der Bühneninterpretation. Jungregisseurin  erhielt 2017 zwar einen FAUST für ihre Orestie-Interpretation und hat seither überschaubar Oper bis ans Staatstheater Mannheim inszeniert. Für eine Münchner Festspielpremiere liegt nun die Messlatte hoch: Sir Peters fulminant vielfältige Händel-Renaissance für die Mozart-Wagner-Strauss-Hochburg, 2005 dann ein „Alcina“-Traumabend von Ivor Bolton und Christof Loy. Wehner ließ verlauten, dass sie besonders das Leid der Verführerin interessiere. Trotz „Klausur“ mit ihrem Team ist nun herausgekommen: ein bühnenweiter Überbau, gleichsam als „Scheinwerfer-Sternen-Himmel“, aber leider nur unzureichende Lichtregie (Michael Bauer). Für die ersten beiden Akte hat Benjamin Schönecker ein offenes, naturgrünes Zimmereck gebaut, irgendwie „Karibik-Kolonial-Style“(?), mit dem „Zauber“ von Big Money „modisch“, prompt stilistisch grässlich ausgestattet und durch viele, große, exotisch exquisite Blumenarrangements „verschönt“. Gläser, Vasen und Blumen werden ge- und zerschmissen – Wohlstandsverwahrlosung? Sechs hochdisziplinierte Dienstkräfte räumen im Gleichschritt wiederholt auf. Für den finalen 3. Akt hat Schönecker ein edles Raumeck aus einem gleichsam „Ex-Lover-Museum“ gebaut: In Nischen vergoldete, weitgehend nackte ehemalige Liebhaber, in Posen erstarrt, später dann aber auf Alcina reagierend, darunter auch der ja ausführlich besungene Vater des Kindes Oberto – der hingegen am Ende einfach mit den anderen Ex-Statuen abgeht… An der Rückwand hängt ein großes Bild mit abgestorbener Natur – dorthin zieht sich Alcina final zurück, kauert sich zusammen –, doch sie trägt trotz ausreichend langer Pause weiterhin ihren fabelhaft schicken Designer-Overall (Ellen Hofmann), statt als Ex-Zauberin in einem erdbraunen Hänger mit der Natur visuell zu verschmelzen.

Bis dahin hatte sich aber dominant eingestellt, dass Wehner über normale Arrangements und schlichte Abgänge der sieben Hauptpersonen nicht hinausgekommen war – und zum Ende zunehmend an der Rampe gesungen wurde. Kein Zauber – okay, aber auch kein besonderes „Leid“: Ein Buh-Sturm für die Regisseurin war die Folge, die sich prompt nur einmal zeigte – und der Theaterfreund fragt sich: Heillose Selbstüberschätzung beim Angebot? Unverantwortlichkeit der betreuenden Wehner-Agentur? Befremdliche Haus-Politik der Münchner Intendanz?

Die Münchner Besetzungspolitik stellte eine weitere Interpretationsherausforderung: Mit Jeanine De Biques Alcina und John Holidays Ruggiero standen zwei renommierte farbige Solisten für die Hauptrollen auf der Bühne – das war für deren Liebesbeziehung auf Anhieb reizvoll, in den Beziehungen zu den übrigen „weißen“ Protagonisten aber eben eine Inszenierungsherausforderung, die auch nicht erfüllt wurde. Der reisende Musiktheaterfreund darf da nun nicht zurückdenken: wie diese vergleichbare Konstellation in Frankfurts „Forza del Destino“ inszenatorisch glänzend und eben unvergesslich gelöst wurde (vgl. nmz online vom 29.01.2019). 

Doch wenigstens wurde im Prinzregententheater dann festspielgemäß gesungen. Zur traumschönen Bühnenerscheinung kam bei De Bique ein beeindruckend vielfarbiger Sopran, der alle Anforderungen barocken Ziergesangs mühelos darbot und auch ohne Regie expressiv gestaltete. Ihr am Nächsten kam Mezzo Amery Amereau, deren Liebes-Hin-und-Her hinreißend Klang wurde. Nur nacheinander, aber alle gleich glänzend: Elsa Benoits Morgana, Julien Prégardiens Oronte, Gerrit Illenbergers Melisso und Carine Tinneys Oberto – für alle zu Recht Jubel und Bravi. 

Wenn schon im verkleinerten Staatsorchester Barockinstrumente und Bögen eingesetzt werden, dann dürften über die beiden glänzenden Barock-Hörner auch die beiden Blockflöten noch reizvoller „herausklingen“ – insgesamt reichte Stefano Montanaris Dirigat zwar nicht ganz an das – womöglich bereits verklärte? – „Bolton-Niveau“ heran, doch: Händels Meisterschaft erklang, seine Stimmungsvielfalt für die breit aufgefächerten Emotionen, seine Fähigkeit zur fulminanten dramatischen Steigerung im letzten Akt. Also: ein musikalischer Festspielabend.

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