Hauptbild
Theater Vorpommern: Oceane – Thomas Rettensteiner, Maciej Kozłowski, Sotiris Charalampous und Yuko Kakuta. Foto: © Peter van Heesen

Theater Vorpommern: Oceane – Thomas Rettensteiner, Maciej Kozłowski, Sotiris Charalampous und Yuko Kakuta. Foto: © Peter van Heesen

Hauptrubrik
Banner Full-Size

Tabuloses Body Acting und Demaskierung: Detlev Glanerts Fontane-Fantasie „Oceane“ in Stralsund

Vorspann / Teaser

Gleich zwei zeitgenössische Opern über Hotels im Ausnahmezustand bringt das Theater Vorpommern in dieser Spielzeit. Paul Moravecs „The Shining“ nach Stephen Kings Horrorthriller folgt ab 29. Mai. An einem der ersten Vorfrühlingstage war die zweite Vorstellung von Detlev Glanerts „Oceane“ nach Theodor Fontanes Kurzfragment ein voller Erfolg bei leider nur halbvollem Haus.

Publikationsdatum
Paragraphs
Text

Fontane rang bekanntermaßen vergeblich um einen vollendeten Roman mit dem romantischen Nixen-Motiv im Mittelpunkt. Hans-Ulrich Treichel schuf frei nach „Oceane von Parceval“ eine Fantasie über den Untergang des langen 19. Jahrhunderts um eine rätselhafte Unbekannte an der Ostsee. Das „Sommerstück“ ging im Jugendstiltheater Stralsund mit Vitalität an die Grenzen und weitaus mehr unter die Haut als die ästhetisierende Uraufführung an der Deutschen Oper Berlin 2019.

Den Henze-Schüler Detlev Glanert als Klangmagier zu titulieren, ist bei „Oceane“ nicht übertrieben. Glanerts sensitive Instrumentation dauert bis zu Oceanes epiloghaften Brief an ihren fassungslosen, weil zu sehr in normativen Beziehungsmustern denkenden Liebhaber Martin von Dircksen. Die aus dem Off gesungenen Zeilen klagen an: Der bürgerliche Mensch ersehnt sich Projektionsutopien. Doch wenn diese in sein reales Leben eindringen und Grundfesten erschüttern, ist mann oder frau aussichtslos überfordert. Den letzten hohen Sopran-Ton aus Oceanes Briefsolo greifen die Holzbläser auf und perpetuieren ihn bis zum Verklingen von Glanerts schöner wie minimal preziöser Partitur. Knapp zwei Stunden dauert der Zweiakter vor einem marodierenden Ostsee-Hotel (Heringsdorf liegt nicht weit von Stralsund), dessen Verfall die frankophile Besitzerin Madame Louise (erst elegisch, dann gefasst: Kadi Jürgens) nicht aufhalten kann und deshalb mit Champagner für alle besiegelt. 

Artikel auswählen
Text

Aber die Situation eskaliert. Thomas Rettensteiner als Pastor Baltzer beschwört gröblich alle Tiraden des ‚gesunden Volksempfindens‘ gegen die verrätselte und mit ihrer Körperlichkeit müde Konventionen sprengende Oceane. Fassungslos sind nicht nur Sotiris Charalampous als betörend singender und sensibel gestaltender Martin von Dircksen, dem man mehr Glück bei der Frau Oceane gewünscht hätte, und Yuko Kakuta als plärrig extrovertierte Gesellschafterin Kristrina. Poetisch wirken die Drehbühne mit der dunklen Hotel-Fastruine (Ausstattung: Andreas Wilkens) und dahinter die sich von glitzernder Oberfläche turmhoch aufbäumenden Meeres- und Schicksalswellen (Video: Eva Humburg). Die Kostüme künden mit gedeckten Farben vom nahenden Untergang. Das Geldbürgertum tanzt für seine Verhältnisse ziemlich hemmungslos (Choreographie: Stefano Fossat), stürmt in Rettungswesten zur letzten Fähre des Sommers und begräbt davor die verhasste Oceane unter einer Myriade von weißen Pelzmänteln. Der von Jörg Pitschmann sicher einstudierte Opernchor des Theaters Vorpommern gibt den dumpfen Lemuren eine dezent vorgestrige Eleganz. Am Ende ist die Drehbühne als Studio erkennbar. Oceane demaskiert sich erhobenen Hauptes. Die streift die Rollen der Sündenziege und der fälschlicherweise zur Femme fatale abgestempelten Störenfriedin ab. Jetzt sind alle weg – auch Martins grotesker Freund Felgentreu (Maciej Kozłowski) und der Madame Louise erfolglos ins wirtschaftliche Gewissen predigende Hausdiener Schorsch (Alexandru Constantinescu). 

Jan-Richard Kehl nahm das an lapidaren Aphorismen reiche Libretto von Hans-Ulrich Treichel häufiger beim konkreten Wort als beim spekulativen Symbol- und Metaphernwert. Seine Inszenierung erzeugte im Stralsunder Jugendstil-Theaterraum packende Spannungskontraste zur Magie aus dem Philharmonischem Orchester Vorpommern, den beiden Harfen an der Bühnenseite und mindestens einer betörenden Violine als Bühnenmusik. Der Dirigent Florian Csizmadia setzt auf Transparenz und gleichzeitige Fülle, ermöglicht dem höchst eindrucksvollen Ensemble die hier äußerst wichtige Textverständlichkeit und auch reichliche Expansionen in Glanerts melodischen Gebilden. 

Bild
Theater Vorpommern: Oceane – Antje Bornemeier. Foto: © Peter van Heesen

Theater Vorpommern: Oceane – Antje Bornemeier. Foto: © Peter van Heesen

Text

Doch wer ist bei Kehl diese unbekannte Oceane, die ohne Tränen, Gebet und Liebe durchs Leben geht, sich aber nach diesen menschlichen Bedingtheiten sehnt und aus der kollektiven Erbosung in die Herbststürme über der Ostsee entschwindet? Antje Bornemeier singt die Titelpartie mit vitaler Gesundheit, klarer Kondition, voller Kraft und gestischem Selbstbewusstsein. Diese Prachtfrau mit temporärer Verzagtheit und Borderline-Anwandlungen wird sich nur deshalb selbst zum Problem, weil sie nicht im Gleichsinn mit der elitär auftrumpfenden und dabei ziemlich bornierten Masse tickt. Wenn Oceane sich schon vor Beginn an einem jungen Mann vergreift, Lust fordert und nicht gleich in die zweisame Kammer drängt, vermutet man, sie wolle „sich interessant machen“. Während einige den Seetod des Fischers als Anlass zum Krokodilstränenspektakel hochköcheln, zeigt Oceane stille Anteilnahme durch das Malen eines bedeckten Leichnams vor Ostseebiotop.

Oceane rebelliert also gegen die im Spätbürgertum am Tiefpunkt angelangte Vereinnahmung von Frauen und nimmt sich ihren Weg. Gut herausgearbeitet: Das fasziniert ihren Liebhaber und Werber Martin, aber auch er gerät trotz Oceanes sexueller Freizügigkeit – wer denkt da nicht an die in der Berliner Villa Oppenheim gerade mit einer Ausstellung geehrte Aktivistin Helga Goetze – an Grenzen der Etikette und des männlichen Verständnisses. Oceane bewegt sich bei Kehl zwischen Realsatire, Sexualeklat und Außenseiterinnen-Dramolett. Das Erstaunliche tritt ein: Bornemeiers Body Acting gerät über Glanerts erlesenen Orchesterschwingungen zu einer an die Nieren gehende Studie. Das Publikum applaudierte hingebungsvoll wie zu Salomes Tanz und anderen bürgerlichen Opernfantasien des frühen 20. Jahrhunderts.

Ort