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Giuseppe Verdis „La Traviata“ feierte Premiere am 13. Juni 2026 im Theater Münster. Fotos: Bettina Stöß

Giuseppe Verdis „La Traviata“ feierte Premiere am 13. Juni 2026 im Theater Münster. Fotos: Bettina Stöß

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Tuberkulose und Patriarchat – Giuseppe Verdis „La Traviata“ am Theater Münster

Vorspann / Teaser

Zu Beginn der Oper ist die Hauptperson schon längst tot. Die Urne mit ihrer Asche ruht auf einem schlichten Regalbrett, daneben ein paar Schnittblumen in einer Vase. Das Theater Münster verwandelt sich für Giuseppe Verdis „La Traviata“ in ein Kolumbarium, sorgsam gepflegt von Erika, der Friedhofsgärtnerin.

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Regisseur Georg Schütky inszeniert die Geschichte der Edelkurtisane Violetta Valéry als Rückblick auf die letzten Monate ihres Lebens. Eines Lebens im Patriarchat, das (auch) von Gewalt und Unterdrückung geprägt ist und so viele Frauen betroffen hat und noch betrifft. Deshalb stehen neben Violettas Urne noch etliche andere, stellvertretend für all jene Kämpferinnen, die sich in der Vergangenheit für ihre Rechte eingesetzt haben. Ob das erhellend für die Inszenierung ist, bleibt zu fragen, schließlich stirbt Violetta an Tuberkulose. Auch Erika, die Gärtnerin, trägt Symptome eines Lungenleidens, das sie absehbar ihrer irdischen Sorgen entbinden werden wird. Als Sprechrolle wird sie zusätzlicher Bestandteil von Verdis Oper – auch dies nicht zwingend für den Regieansatz des Teams rund um Schütky. Denn im Grunde wird nichts anderes erzählt als das, was in Alexandre Dumas’ literarischer Vorlage und Francesco Maria Piaves Libretto steht: Aufstieg und Fall einer begehrten Pariser Kurtisane.

Nach Erikas eröffnendem Auftritt finden wir uns in einer Zahnarztpraxis wieder. Das Personal hantiert mit Mundspiegeln, Spritzen, Haken – all’ diesen Instrumenten halt, die eine Visite beim Arzt so unleidlich machen und die der Chor martialisch präsentiert. Zum „Brindisi“ wird dann statt Lotter-Chaiselongue eine rote Zunge im XXL-Format herausgefahren, die eifrig malträtiert wird. Wer keine Zahnarzt-Phobie hatte, wird sicher nach der Premiere eine bekommen.

Ihr ruhiges Liebesglück verbringen Alfredo und Violetta in einer Art Waldidyll mit Hochstand. „Zurück zur Einfachheit“ könnte da als Überschrift stehen. Violettas Diener sekundiert als sprechender Baum wie im „Herrn der Ringe“, Annina stapft als Plüsch- Eichhörnchen über die Bühne. Nachdem Papa Germont die heile Welt destruiert hat, bricht ein Feuer aus: Der Baum verbrennt, das Eichhörnchen fällt um. Tot kann es nicht sein, denn Annina wird ja später noch gebraucht. Hat wieder einmal die Zivilisation über die Natur gesiegt? Mag sein…

Es schließt sich eine Art Beerdigung an, denn Flora Bervoix empfängt ihre Gäste nicht in einem Ballsaal, sondern in einer Kirche. Auf dem Altar wartet ein leerer Sarg auf Violetta, die sich – nun als Außenseiterin der Gesellschaft – bereitwillig dort hineinlegt. Hier gelingt Schütky die mit Abstand stärkste Szene. Das Ambiente überrascht, aber Inhalt, Musik und Szene bilden eine komplette Einheit, obwohl der morbide Charme schon etwas fremd anmutet.

Auch der Schluss enthält einen guten Ansatz: Vater und Sohn Germont besuchen das Kolumbarium, während Violetta im Bühnenhintergrund noch ihr Leben aushaucht. Sie ist also schon vor ihrem Tod nur noch Erinnerung. Warum Erika und Violetta in viktorianischer Unterbekleidung – als Wäsche-Schwestern also – auf einer Wolke ins Nirwana fahren, bleibt rätselhaft.

Die musikalische Bilanz der „Traviata“ ist mehr als ordentlich. Henning Ehlert am Pult des Sinfonieorchesters Münster entwickelt einen mal filigranen, mal süffigen, schließlich auch knalligen Verdi-Klang, ohne jedoch plakativ zu werden.

Robyn Allegra Parton singt die Titelpartie, in die sie sich am Premierenabend erst einfühlen muss. Ihr „E strano!“ wirkt etwas unbeteiligt. Doch Parton fühlt sich im weiteren Fortgang ihres Schicksals stimmlich immer wohler. Als Höhepunkt gelingt ihr ein wunderbar berückendes „Addio del passato“ – ein echter Ohrenschmeichler.

Garrie Davislim singt den Alfredo konditionsstark, aber ohne große Interpretation der Rolle. Er verfügt über eine stabile Stimme, der als Gestaltungsmerkmal aber nur Phonstärke zur Verfügung steht. Ihm fehlt es an vokalen Farbnuancen. Johan Hyunbong Choi als Giorgio Germont mobilisiert seinen satten Bassbariton, der sich bei Violetta einschmeicheln, aber auch wirkliche Reue und Zerknirschung ausdrücken kann. Wioletta Hebrowska kann als Flora Bervoix mit in allen Lagen intaktem Mezzo punkten. Sie hat sich in den letzten Jahren auch darstellerisch zur großen Stütze des münsterschen Opernensembles entwickelt.

Dass es am Ende neben großem Jubel auch mächtige Buhs – in einer für das Haus in Münster rekordverdächtigen Stärke – gab, geht wohl einzig und allein auf das Konto eines nicht schlüssigen Regiekonzepts.

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