Das Jubiläum „150 Jahre Ring-Uraufführung in Bayreuth“ naht – und da hat das Zürcher Opernhaus schon „vorgelegt“: Zum Ende seiner 13 Jahre umspannenden Intendanz hat Andreas Homoki mit GMD Gianandrea Noseda die Tetralogie produziert (Accentus/Naxos 4 Bluray ACC60656).
Andreas Homoki: die Zürcher „Ring“-Inszenierung auf DVD
Untergang in edler Schweiz
Zusammen mit Ausstatter Christian Schmidt hat Homoki eine reizvolle Grundentscheidung getroffen: 1848 ist der steckbrieflich gesuchte Revoluzzer Richard Wagner nach Zürich geflohen; dort hat er wesentliche Teile des Werkes geschrieben und im Hotel den 1. Akt „Walküre“ singend am Klavier gleichsam uraufgeführt – und dann in seinem von Gönner Otto von Wesendonck gesponserten „Asyl“ Zeltweg 11 gelebt und gearbeitet, bis nach anderthalb Jahren Wagners Liebe zu Mathilde Wesendonck zum Bruch führte.
Nobelhotel-Suite
Diese Nähe, das oftmalige Vorbeifahren an der heutigen Museumsvilla haben Homoki und Schmidt dazu angeregt, das ganze Werk in einer Nobelhotel-Suite, etwa des damaligen Züricher und heutigen Schweizer Geldadels spielen zu lassen. Was sich für die ja eine ganze Mythen-Welt vorführende Inszenierung wie eine doch wohl alles einengende Fessel liest, wird zur spannenden „Raum-Abfolge“ – denn ein Könner wie Christian Schmidt und sein Mitarbeiter Florian Schaaf lassen eine ganze Folge von zwar gleich gestylten, aber durch Licht (Franck Evin), Möbel und Assessoires dauernd veränderbarer Zimmer und Säle auf der Drehbühne rotieren: eine reizvoll vielfältige Welt wird sichtbar.
Da toben drei attraktive Mädels – wohl vom Rhein mit dem Gold spielerisch an die goldige Züricher Limmat geschwommen? – in weißen Flatterhemdchen durch eine munter drehende Bett-Kissen-Zimmer-Landschaft. Da bestaunt ein Gründerzeit-Wotan im Leder-Fauteuil ein Hochgebirgs-Walhall auf einem großen Alpen-Ölgemälde-Schinken… auf dem oben stolz die beiden Riesen sitzen, singen und herunter krakeelen.
Flucht-Nacht
Da bricht später aus dem großen Schrank im hereingeschwenkten Salon der Alberich-Drachenkopf, während sein Schweif erschreckend in der Seitentüre peitscht. Für Walhall bildet sich eine bühnenbreite Rückwand für einen Saal mit großer Tafel und edlen Lehnstühlen. Die stürmische Flucht-Nacht zu Beginn der „Walküre“ inszeniert Wotan mit ordentlich Speer-Blitzen. Der Revoluzzer-Flüchtling Siegmund bricht ins wohlgeordnet leere Hunding-Zuhause, in dessen zweitem Raum die uralte Welt-Esche mit Schwert Nothung aufragt. Zum „Wonnemond“ öffnen sich die Wände in einen Wald – der sich dann „schicksalsdräuend“ zu einem Eiswald wandelt. Die Walküren toben als wilde Girl-Group mit blechernen Pferdeköpfen herein, jagen eine kleinformatige Helden-Schar gnadenlos durch die Räume, widersprechen Wotan – und fliehen dann durch Türen davon. Da hat sich im weiteren Weltenlauf schon ein Raum mit einem großen Felsen hereingedreht. Nach ihrem heftigen Disput bettet sich Brünnhilde dort oben, während Wotan eine kleine Tanne neben ihr pflanzt. Mehrfach bricht dieser Göttervater schmerzzerrissen zusammen, scheint einer Herzens-Fraktur infarkt-nahe und befiehlt Loge mit Speerspitzen-Blitz, den Felsen zum Glühen zu bringen.
Düster und schwarz
All diese Brüche haben Homoki-Schmidts Ring-Welt düster und schwarz werden lassen. Mime und Alberich sind ungepflegt schmierig geblieben; in ihren finsteren Räumen liegen Möbel ungeordnet umher, da kann der ungebärdige Youngster Siegfried nebenbei sein Schwert neu schmieden. Auf seiner Welt-Erkundung tobt er weiter durch wechselnde Räume. Ein weißes Waldvöglein tanzt herein. Siegfrieds Hornruf weckt den durch zwei Räume liegenden Drachen Fafner, dessen Todes-Blut Siegfried dann den Hinweis des Vögleins auf den Brünnhilde-Felsen verstehen lässt. Der zum Wanderer abgestiegene Wotan besucht mit einem knorrigen Holzstab ein letztes Mal die strahlend weiß aus einer anderen Welt stammende, aber blind gezeichnete Erda. Seine Begegnung mit Siegfried führt durch den verfallenden Walhall-Saal, wo Wotan ein letztes Mal zum dort zurückgelassenen Speer greift, den Siegfried zerschlägt. Dessen Weiterstürmen durch viele Räume endet am hereindrehenden Felsen, auf dem neben der schlafenden Walküre eine kleine Tanne emporgewachsen ist. Die erwachte Brünnhilde findet mit Siegfried dann im nächsten Raum auch ein ihrer Liebe gemäßes Bett.
Andreas Homoki: die Zürcher „Ring“-Inszenierung auf DVD
Zu Beginn der „Götterdämmerung“ können die Nornen kein einhegendes Urgesetz-Seil um diesen Felsen winden – ein unbeachtetes Menetekel – wie alle heute. Die Lebenswelt der dekadenten Gibichungen sind die einst edel gestylten, jetzt angegrauten Räume mit abblätternder Farbe. Gunter und Gutrune tragen roten Samt in Kontrast zu Hagens Schwarz über einem Kettenhemd. Siegfried bleibt im weißen Jackett wie im Jagd-Blouson ein Fremder, den Hagen am vorderen Rand niedersticht – so dass der Raum mit dem Liebesbett zu seinem seligen Todestraum hereindrehen kann. Nach dem unbebilderten Trauermarsch kehrt Brünnhilde zum Liebesbett zurück, wo sie dem für sie ewig lebendigen Siegfried begegnet, noch kurz mit den Rheinmädchen die Rückkehr des Goldes plant – und final Hand-in-Hand mit ihrem Helden in die hereinleuchtende Feuerglut davonstürzt. Als letzte Handlung schließen die Rheintöchter den Ring wieder ein – und zur eventuell letzten „Erlösungsmelodie“ drehen die leeren Räume des Beginns herein – eine Welt, in der die Menschen noch nicht „gehandelt“ haben.
Durch alle Bild-Fülle und -Macht hindurch hat Regisseur Homoki seine Protagonisten überlegt, mit vielen eigenen Zügen und in den Nahaufnahmen expressiv geführt (Bildregie Michael Beyer). Das musikalische Niveau ist hoch, auch wenn die größeren Häuser die Philharmonia Zürich klanglich übertreffen. GMD Noseda führt sehr sängerfreundlich, was Piano ermöglicht und mit auch gut sangbaren Tempi, ohne dass sich der mögliche rauschhafte Überschwang einstellt.
Der von Tomasz Konieczny (Wotan), Camilla Nylund (Brünnhilde), Klaus Florian Vogt (Siegfried), Daniela Köhler (Sieglinde), Eric Cutler (Siegmund) und Christopher Purves (Alberich) angeführten Sänger-Garde ist „Bühnenfestspiel“ zu attestieren. Zu einem erschwinglichen Preis ist damit ein „Zürcher Ring“ greifbar – mit einer eigenen Bilderwelt für den unverändert aktuellen Untergang…
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