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Szene aus „Malina“. Probenfoto: Fernando Fath

Szene aus „Malina“. Probenfoto: Fernando Fath

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Vielschichtige Beziehung zwischen Ich und Malina

Untertitel
Ingeborg Bachmanns Schlüsselwerk als Oper bei den Schwetzinger SWR Festspielen
Vorspann / Teaser

„Es war Mord.“ Die letzten Worte von Ingeborg Bachmanns einzig vollendetem, autobiographisch gefärbtem Roman „Malina“ aus dem Jahr 1971 gehören zu den berühmtesten Schlusssätzen der Literatur. Die namenlose Ich-Erzählerin verschwindet in einem Riss in der Wand. Wurde sie getötet? Ist sie am Patriarchat untergegangen? Hat sie nur ihre Stimme verloren und auf Malina, ihr männliches Alter Ego übertragen? Gerade die Offenheit und der Assoziationsreichtum, aber auch die Musikalität von Bachmanns Sprache veranlassten die Librettistin Tina Hartmann und das Komponistenduo Karola Obermüller und Peter Gilbert, daraus eine Oper zu machen, die nun die 74. Schwetzinger SWR Festspiele eröffnete: atmosphärisch dicht, melodiös, rätselhaft.

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Alles ist Bachmann, was gesungen und gesprochen wird. Es gibt keine durchgehende Handlung, sondern eine sprunghafte Aneinanderreihung von Alltagsszenen, Selbstreflexionen, Märcheneinsprengsel und Alpträumen. Wie der Bewusstseinsstrom der Erzählerin reißt auch die Musik nicht ab. Klangflächen verbinden die Bilder miteinander, dumpfe Schlagzeugrhythmen tragen in Übergängen den Puls der Protagonistin weiter. Die Musik von Karola Obermüller und Peter Gilbert kann in diesem Auftragswerk des Theaters Aachen auch mal illustrativ sein, wenn ein im Video (Fabio Stoll) angedeuteter Geschlechtsakt mit penetranten Repetitionen im Orchester untermalt wird. Immer wieder verwenden die beiden Oktavklänge, die sich zu scharfen Dissonanzen verschieben und wieder zurück in die Konsonanz gleiten: ein hörbares Zeichen für die spannungsreiche, vielschichtige Beziehung zwischen Ich und Malina, die sich am Ende in der Vereinigung auflöst. Larisa Akbari schenkt der Hauptfigur Ich mit ihrem flexiblen Sopran viele Zwischentöne.

Valer Sabadus ist mit seinem androgynen Countertenor eine ideale Besetzung für Malina, wenn er mit einem kühlen Lächeln die Melodien belebt, und doch ganz konturenlos bleibt. Regisseurin Franziska Angerer unterstützt diese Ungreifbarkeit, indem sie ihn an verschiedenen Orten im Zuschauerraum des Schwetzinger Schlosstheaters positioniert. Der Bariton Micah Schroeder als cooler, zynischer Liebhaber Ivan, die Koloratursopranistin Jelena Rakić als höhensichere Prinzessin im schwarzen Kleid und der Tenor Ángel Macías als etwas forciert singender Prinz komplettieren mit den Kindern Melissa Zingsem (Béla) und Bela Scheuritzel (András) das Solis­tenensemble. Was die vielen gesprochenen Texte angeht, erreicht die Premiere leider nicht das sängerische Niveau. Sie wirken oft wie auswendig gelernt, werden teilweise nicht akzentfrei gesprochen und entfalten wenig Präsenz. Auch das Sinfonieorchester A­achen, das erstmals in Schwetzingen im Graben sitzt (nächstes Jahr soll wieder das SWR Symphonieorchester spielen), hat unter der Leitung von Chanmin Chung Luft nach oben. Gegenüber den Solisten ist es tendenziell zu laut, manchen Details vor allem im Schlagzeug fehlt es an Raffinesse und Klangqualität. Stärker agiert das Orchester, wenn sich Melodien in den Holzbläsern oder dem Solocello entfalten. Auch die Koordination mit den Gesangsstimmen und dem aus Lautsprecherboxen eingespielten Chor des Theaters Aachen gelingt ausgezeichnet.

Enorm plastisch klingt das Orchester im zweiten Kapitel „Der dritte Mann“, wenn zu Alpträumen von Gaskammer, Gewalt und Missbrauch Glissandi den Boden unter den Füßen wegziehen. Auch szenisch spielt Blut eine große Rolle (Bühne und Kos­tüme: Pia Dederichs). Ein Spiegel als Symbol für Selbstreflexion, Blumen mit Augen – die expressive Darstellung passt gut zur bildhaften Sprache von Ingeborg Bachmann, die am 25. Juni 2026 ihren 100. Geburtstag gefeiert hätte.

Nach den elektronisch eingespielten Worten „Es war Mord“ summt die Prinzessin weiter. Zarte Wassertropfen und Gongs entfalten eine friedliche Stimmung. Nach all dem Dunklen schimmert Licht in das allmähliche Verstummen. Eine tiefe Ruhe ist zu spüren, ehe das erste Klatschen die Spannung bricht.

  • Folgevorstellungen am Theater Aachen: 2./8. Mai, 6./25. Juni 2026. „Malina“ im Radio: SWRKultur, 27. Juni, 20.03 – 23.00 Uhr.
  • Das Festival dauert bis 23. Mai 2026. Infos unter www.swr.de/schwetzinger-swr-festspiele

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