Die Lage des Augsburger Stadttheaters ist gekennzeichnet durch das schwindelhaft hohe Defizit von über 800 000 M., welche Summe ein Drittel des städtischen Gesamthaushaltdefizites ausmacht und mehr als z. B. für die öffentliche Wohlfahrtspflege ausgegeben wird. Daß hier nicht der Raum ist, die notwendigsten Neuregelungen anzugeben, die diesen katastrophalen Verhältnissen Abhilfe schüfen, ist klar.
Neue Musik-Zeitung – Vor 100 Jahren
Vor 100 Jahren: Musikbriefe – Augsburg
Im übrigen wäre die Kritik auch gar nicht bereit, mit einer derartigen erneuten Hilfsaktion die von der Stadt und anderen maßgebenden Personen geübte Ignorierung ihrer Mitarbeit zu beantworten. Sie überläßt die Änderung der untragbaren Zustände denen, die sie schufen und begnügt sich inzwischen mit dem Protest, den sie überhaupt nur mehr im Interesse der steuerzahlenden Bürger für alle Zukunft noch schärfer zum Ausdruck bringen wird. Vorläufig haben es die entschlußbestimmenden Kreise für gut befunden, das Theater trotz seiner unhaltbaren Lage auch für die nächste Spielzeit in „gleicher Form“, weil (so) zum „Gesamtbild der Stadt gehörend“, weiterzuführen. Damit auch haben sie auf die einfachste Art ihre Tätigkeit gegenüber der von ihnen gehandhabten Materie glänzend nachgewiesen und auch damit, daß sie gerade den jetzigen Zeltpunkt für günstig genug hielten, den bisherigen Direktor Carl Häusler zum Intendanten zu ernennen (statt schon vor 15 Jahren) und das Theater umzubauen, teilweise die technische Bühneneinrichtung, die sogar nun den längst von der Kritik geforderten Rundhorizont erhält, teilweise auch den Zuschauerraum. So erhält nun das Theaterleben ein neues Kleid und hoffentlich auch ein anderes Gesicht, denn erst der Geist, der in ihm lebendig ist, wird seinen Erfolg bestimmen.
Ludwig Unterholzner, Neue Musik-Zeitung, 47. Jg., 2. September-Heft 1926
Ob man das endlich einzusehen beginnt? An Aufführungen sind aus der letzten Zeit zu melden die Erstaufführung der „Toten Stadt“ unter Kapellmeister Karl Tutein und der starken Regieführung Viktor Pruschas (Marietta: Maria Schreker–Berlin als Gast); der „Mikado“ in Opernbesetzung; desgleichen der „Boccaccio“, überdies in ausgezeichneter Neu-Inszenierung und Neueinstudierung, weshalb ihm auch nur zwei Aufführungen eingeräumt wurden, statt der 10 vollen Häuser, die er gebracht hätte! Weiterhin sind zu nennen „Tiefland“, in dem sich Mose Forbachs (Stuttgart) reife Leistung als Martha mit Max Krieners hervorragendem Sebastiano und Ludwig Epples Pedro zu einem fesselnden Ensemblespiel einten; und der „Freischütz“. Zu Ehren Webers und weil er es nötig hatte, war auf ihn viel Mühe und Sorgfalt verwendet worden, und so zählt seine Neueinstudierung und Neu-Inszenierung (nach Entwürfen von Leo Pasetti–München) unter Carl Häuslers Regie und der musikalischen Leitung Kapellmeisters Jos. Bach zu den besten Leistungen des Jahres, obgleich mit Ausnahme des tatsächlich überwältigend gestalteten Wolfsschluchtaktes durchaus nicht alles gelungen war. Nach einer Woche ausnahmslos geschlossener Vorstellungen endete die Spielzeit mit dem einmalig aufgeführten „Tristan“ in geschlossener Vorstellung. Ein Beweis, daß die breite Öffentlichkeit das Theater zwar bezahlen darf, aber nicht zu besuchen braucht, welcher Meinung nach sie übrigens auch ausreichend verfahren ist. Aus dem Konzertleben ist im übrigen ein spätes Sinfoniekonzert zu erwähnen, in dem Eugen Jochum, der schnell bekannt gewordene junge Dirigent mit seiner Ausdeutung der „Romantischen“ Sinfonie A. Bruckners (Nr. 4 in Es dur) von seiner außergewöhnlichen Begabung überzeugen konnte.
Ludwig Unterholzner, Neue Musik-Zeitung, 47. Jg., 2. September-Heft 1926
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