Es ist ein Kreuz mit den Opern von Georg Friedrich Händel. Wer sich im Opernführer die Handlung zu Gemüte führt, erlebt spätestens nach der zehnten Zeile Ernüchterung: Das Ganze ist komplett wirr und die Beziehungen des Personals untereinander sind kaum zu durchblicken: Wer mit wem gegen wen?
Georg Friedrich Händel, Alcina am Landestheater Detmold. Foto: Jochen Quast
Vorhang auf für die Diven – Händels „Alcina“ am Landestheater Detmold
Aber so ist es eben. Sieht man dann aber eines dieser Werke auf der Bühne, fallen schnell alle Zweifel ab und man kann der Geschichte, die da erzählt wird, problemlos folgen. Bei Händel sind es die Musik, die Arien oder Orchesterintermezzi, in denen sich Emotionen, ja tiefe Gefühle offenbaren. Händel spürt stets tief in seine Figuren hinein und stattet sie mit einem ganz individuellen Fingerabdruck aus. Genau deshalb ist die Handlung weniger entscheidend. Die Zuhörenden und Zuschauenden können sich von Sentiment zu Sentiment treiben lassen und die jeweilige Seelenverfassung der Handelnden nachvollziehen, nachfühlen. Das ist auch im Landestheater Detmold so, in dem Felix Schrödinger „Alcina“ inszeniert, eine der Zauberopern Händels. Schrödinger spürt den Stimmungen der Musik genau nach und taucht die Protagonist:innen in ihr je eigenes Licht. Dazu dient ihm das von Eva-Maria van Acker ersonnene Bühnenbild: Ein riesiges, schleierartiges Tuch hängt vom Schnürboden herab und wird in ständig sich veränderndes Licht getaucht. Das Tuch ist dichter als Gaze und kann so Geheimnisvolles andeuten. Es ist auch so flexibel und beweglich, dass unterschiedlichste Gefühlswelten mit und unter ihm realisiert werden können. Das ist alles hübsch und tauglich; ein paar mehr Statements zu Händels Operngeschehen hätte man aber womöglich doch erwarten können. Außerdem bleiben einige Bilder unergründlich. So treten die Damen und Herren des Opernchores mit mumifizierten (?) Köpfen als Untertanen auf Alcinas Insel auf und poppen – getreu des Mottos der Herrscherin, die Lust als Maxime ausgibt – munter drauflos, Oralverkehr inbegriffen. Warum sie das als Untote tun, bleibt letztlich unergründlich.
Die langjährige Pflege des Ensembles zahlt sich da doppelt und dreifach aus
All’ diese Invektiven treten aber in den Hintergrund, da der Abend musikalisch zur Sternstunde gerät. Denn offensichtlich kann sich ein eher kleineres Haus wie das Landestheater zwei Primadonnen leisten. Die langjährige Pflege des Ensembles zahlt sich da doppelt und dreifach aus. Es ist einfach bemerkenswert, auf welche selbstverständliche Art Emily Dorn und Lotte Kortenhaus den Abend „schmeißen“. So stellt man sich die Uraufführung im Jahr 1735 vor: Ein Kampf der Sopranistin mit dem Alt-Kastraten um die Publikumsgunst entbrennt. Damals hat es sicher noch Dacapo-Rufe gegeben. Die bleiben heute natürlich aus. Nicht dagegen die Faszination darüber, wie Dorn und Kortenhaus den Abend zu dem ihren gestalten: Dorn glänzt in der Titelrolle mit verzweifelten, flackernden Spitzentönen, als sie ihre Macht zu verlieren droht. Lotte Kortenhaus ist Ruggiero, löst sich langsam von Alcina und kehrt zu seiner alten Liebe Bradamante zurück. Das vermittelt sie in samtweichen Tönen innerer Zerrissenheit.
… in samtweichen Tönen innerer Zerrissenheit …
Dorn und Kortenhaus haben um sich herum aber auch vier Kombattant:innen, ohne die der Abend musikalisch nicht hätte gelingen können. Ricardo Llamas Márquez als Ratgeber Melisso offenbart stimmlich tiefgründende Weisheit. Marianna Nomikou und Stephen Chambers als Morgana und Oronte verkörpern herzallerliebst ein Paar, das erst nach großem Zweifel und vielen Irrungen zusammenfindet. Eine Wucht ist auch Dara Savinova als Bradamante. Sie erobert sich – als Mann verkleidet – ihren Geliebten Ruggiero zurück. Savinova legt dabei viel Selbstbewusstsein, aber auch unendliche Traurigkeit in ihre Stimme. Ein absolut überzeugendes Rollenportrait.
Claudio Novati leitet das Symphonische Orchester des Landestheaters vom Cembalo aus. Er sorgt dabei für eine sehr gute Koordination zwischen Bühne und Orchestergraben und für eine Rundung des Abends, auch wenn Händels Musik hier und da noch etwas zupackender, zugespitzter und damit noch dramatischer hätte ausfallen dürfen. Das Premieren-Publikum ist schwer begeistert. (Die Alcina wird zu Beginn der nächsten Saison wieder aufgenommen und etliche Male gegeben.)
- Weitere Termine: 19. 6.; ab 30. 9. 2026
- https://www.landestheater-detmold.de
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