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vlnr Martin Häßler (Graf Liebenau als Zorro verkleidet), Kathrin Göring (Irmentraut), Elissa Huber (Marie Stadinger) und das Ballett der Musikalischen Komödie. Foto: © Kirsten Nijhof
vlnr Martin Häßler (Graf Liebenau als Zorro verkleidet), Kathrin Göring (Irmentraut), Elissa Huber (Marie Stadinger) und das Ballett der Musikalischen Komödie. Foto: © Kirsten Nijhof
 
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Wirtschaftswunder-Biedermeier: Mit „Der Waffenschmied“ startete das Leipziger Festival Lortzing26

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Das Leipziger Festival Lortzing26 hat mit Erfolg begonnen. Hier verbrachte der bis Ende des 20. Jahrhunderts auf Deutschlands Spielplänen gut präsente Albert Lortzing seine glücklichsten Jahre. Bis 3. Mai richten die Musikstadt und Oper Leipzig eine breite Lortzing-Werkschau als Höhepunkt der Intendanz von Tobias Wolff aus, der ab kommender Spielzeit das Staatstheater Braunschweig leiten wird. Wolffs erste Leipziger Premiere war Lortzings „Undine“, seine letzte ist Lortzings „Regina“. Und gestern gab es das frühere Hitstück „Der Waffenschmied“ in der Musikalischen Komödie und folgte damit einer Produktion der Leipziger Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ im Januar 2026.

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Lortzings „Hans Sachs“ in der Inszenierung von Rahel Thiel schaffte es doch nicht zum Festival wie geplant, doch der neue „Waffenschmied“ kann sich bestens sehen lassen. Zum einen nahmen das Orchester der Musikalischen Komödie und ihr Chefdirigent Michael Nündel das Dialogstück ernst, befreiten es von den ungerechtfertigt als Nichtigkeiten bezeichneten Spielopern-Leichtigkeiten und beließen es im sinfonisch-liedhaften Geordneten zwischen sanfter Sozialkritik, solidem Aufbruch und kleinem Glück. Das war schon eine ganze Menge. Denn Lortzing-Stücke sind durch falschen Klamauk und zu gewichtigem Ernst noch viel mehr gefährdet als die italienischen und französischen Opernkomödien aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In der DDR rühmte man Lortzing als Gesinnungsgenossen der frühen Sozialisten, in der BRD hielt man ihn mit betulichen bis langweiligen Inszenierungen klein. Also was nun? Das Eine und das andere stimmen nur zum Teil. Aber Interpretationsüberfrachtung schadet Produktionen von Lortzing-Opern so heftig wie ausnüchternde Sachlichkeit. 

Die gern für Komödien verpflichtete Regisseurin Sonja Trebes entging all diesen Fallen, weil sie in „Der Waffenschmied“ für Nostalgie, Wunschdenken, das allzu Menschliche und am Ende eine durch Übertreibung erst recht bodenständige Lösung fand. Trebes’ Textveränderungen griffen den originalen Kern der in Wien 1846 uraufgeführten Oper nicht an und bewahrten die Haltung auch bei ihrer Versetzung ins Biedermeier des 20. Jahrhunderts. Dieses kommt bei Trebes in etwa dem langsamen Ende des westdeutschen Wirtschaftswunders gleich, wo weiße Servierschürzen noch gleichberechtigt neben riesigen Mobiltelefonapparaturen zum Alltag gehörten. Vorbilder aus deutschen Filmkomödien und der Traumfabrik Musical sind erkennbar, wurden von Trebes, Ensemble, Chor und Ballett allerdings wunderbar geschliffen und idealisiert. Bühnen-Piraten und Showfiguren mischen sich in Tagträume, welche nach einer echt bedrohlichen Situation ganz knapp noch wahr werden. Wohlweislich, nachdem das Lied vom Reisen und das Erinnerungslied der Titelfigur vom „Jüngling mit lockigem Haar“ instrumental auskargen und bis auf die gerade noch erkennbaren Melodie-Reste verschwinden. Was für eine Botschaft setzte Trebes: „Wenn Redlichkeit käme als Waffenschmied“. Am Beginn forderten drei von einer Person in schwerer Rüstung herbeigetragene Signets: Keine Handys! Keine Kameras! Keine Schwerter! 

Der Handwerksbetrieb des Waffenschmieds Hans Stadinger – von Dirk Becker mit Milchglasfenstern und Holzkassetten ausgestattet – steckt noch tiefer in den roten Zahlen als in der Vergangenheit. Auch die grauen Kittel und anderen Kostüme von Uta Meenen zeigen, dass man um 1980 zwischen Biederkeit und vager Aufbruchsstimmung lavierte. Der Graf von Liebenau, der in Gestalt seiner selbst und zugleich in Verkleidung als Geselle Konrad der Cheftochter Marie den Hof macht, erweist sich als Investor aus der Rüstungsindustrie, dem seine Frau schließlich den Profitmaximierungszahn zieht. Anstelle einer effizient optimierten Waffenproduktion soll es jetzt um bezahlbaren Wohnraum für alle gehen. Gerade weil bei Trebes gut gemeinter Geschäftsgeist in solide Naivität mündet, wird Lortzing vom ihm offenbar nicht gut tuenden Bühnenrealismus befreit, am belächelten Wunschdenken seiner Opernschlüsse gepackt und Musiktheater damit gegen Spaltung und Kriegsgefahr von seiner utopischen Seite genommen. Sozusagen historisch informierter Lortzing ohne Zertrümmerungswut.

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Elissa Huber (Marie), Martin Häßler (Graf von Liebenau). Foto: © Kirsten Nijhof

Elissa Huber (Marie), Martin Häßler (Graf von Liebenau). Foto: © Kirsten Nijhof

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Es ist immer wieder erstaunlich, wie viele Gäste die Oper Leipzig herbeischafft für ein Partienspektrum, was ohne weiteres aus dem Ensemble eines derart großen Hauses besetzt werden könnte. Fünf Gäste bei sieben Partien wäre früher bei der einstigen Repertoiresäule Lortzing von Hof bis Hannover undenkbar gewesen. Andreas Rainer wurde auf den Gastwirt Brenner angesetzt. Kathrin Göring bringt die Partie der Irmentraut mit dem Präzisionscharme einer Kammerschauspielerin zum Glänzen. Göring liefert eine wunderbare Etüde darüber, wie Frühfeminismus, ehrbare Durchtriebenheit und Männerspaß bestens zusammengehen – am besten beim Wäscheaufhängen. Der Bariton Martin Häßler macht schwerlich verständlich, was eine Frau wie die selbstbewusste und ihr Wunschdenken durchaus reflektierende Marie an ihm finden kann. Von Häßler gibt es weder den bergeversetzenden Verführerton noch die Kraftpranke des Wirtschaftsmagnaten zur Usurpation von Stadingers Betrieb. Für die Folgevorstellungen bleibt da noch viel Potenzial. Stimmlich kämpft Sven Hjörleifsson, obwohl das erste Lied gestrichen wurde, erfolglos gegen Erinnerungen an große Vorbilder wie Fritz Wunderlich. Auf Lortzing-Starniveau agiert wie Göring auch Elissa Huber, die eine selbstbewusste wie ökonomisch kundige Marie mit dem vokalen Gewicht einer „Traviata“ gestaltet. Felix Lodel veredelt den gern als Knallcharge genommenen Ritter Adelhof zum attraktiven wie feinhumorigen Publikumsliebling. Als Stadinger kommt Uwe Schenker-Primus, der im Ensemble des DNT Weimar eine riesiges Spektrum vom lyrischen Bariton bis Charakterbass abdeckt. Sein Stadinger ist ein Mann mit vielen Facetten aus fürsorglichem Patriarchat, polternden Autoritätsanwandlungen und dann dem durch die Melodik zu ehrlicher, versteinernder Melancholie vordringenden Lied. Mathias Drechsler hat sich um die Chöre gekümmert. Diese machen alles richtig und kommen bei diesem persönlichkeitsstarken Soloensemble nicht ganz so in den Fokus wie in anderen Inszenierungen. Ein toller „Waffenschmied“ also, weil er die Werksubstanz aus der Entstehungszeit mit Ernst und Sympathie für unsere Gegenwart aufbrezelt und nicht durch Denunziationen beschädigt. Ideal also für ein Festival, bei dem es auch ein Beispiel wie „Undine“ gibt, wie man an Lortzing fulminant scheitert. Vielleicht sollte Lortzing gerade deshalb ins Repertoire zurück, weil es bei ihm keine Rezepte zur erfolgreichen Gestaltung gibt und deshalb im derzeitigen Kulturklima immer ein größeres Restrisiko als im Musiktheater sonst besteht. Auch unter diesem Aspekt sollte man sich über den Erfolg des „Waffenschmied“ und des Ensembles freuen.

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