Die Erfurter Produktion von Jake Heggies Pocketoper dauert doppelt so lange wie die Uraufführung in Seattle 2007. Und schon wieder sind wir fast 20 Jahre weiter in der Emanzipationsgeschichte von LGBTQIA+. Nur 13 Tage nach der Premiere von Charles Wuorinens Oper „Brokeback Mountain“ im großen Saal gelangte das Zwei-Personen Stück für Kammerensemble in der Studio.Box des Theaters Erfurt zur Premiere. Also zwei Musiktheater-Werke mit queeren Sujets, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Wichtig: „For a Look or a Touch“ ist explizit als Jugendstück ab 14 Jahren mit Vormittagsvorstellungen an Werktagen im Angebot.
For a Look or a Touch | Alessio Fortune Ejiugwo (Manfred), Daniel Minetti (Gad). Foto: Lutz Edelhoff
Zwei queere Opern in zwei Wochen: Jake Heggies „For a Look or a Touch“ als Jugendstück am Theater Erfurt
Sieben Jahre nach seinem Opernerfolg „Dead Man Walking“ bezog sich der US-amerikanische Komponist Jake Heggie mit dem Textdichter Gene Scheer auf wahre Begebenheiten aus dem Dokumentarfilm „Paragraph 175“ von Rob Epstein und Jeffrey Friedman sowie das im United States Memorial Museum in Washington D.C. aufbewahrte Tagebuch von Manfred Lewin (1922–1942) für seine Jugendliebe Gad Beck (1923–2012) . Heggies Musikdrama beinhaltet eine Reihe von Songs mit dem Appeal der wilden, kurzen 1920er und rauchig dunklen Lockungen. Wie Charles Wuorinens Oper „Brokeback Mountain“, derzeit ebenfalls im Spielplan des Theaters Erfurt, ist „For a Look or a Touch“ das Antibild eines mit melodischer Plakativität an die Emotionen appellierenden Melodrams. Die Songs sind für den lapidaren Stil Kurt Weills zu erotisierend, für den Cole Porters zu pathetisch und für eine amerikanische Show zu fordernd.
Mila van Daag hat das realistische Interieur gesetzt – abgewetzter Sessel, Schirmstehlampe, verblichene Decken und eine schon etwas ältere Küchenkombination, hinter der sich der Hausherr Intimitäten mit einem im Lauf der Zeit unter drastischen Bedingungen aus seinem Leben entschwundenen Lover fabuliert. Gad war offenbar während dessen dunkelster Zeit in Deutschland, als ein verhängnisvoller „Blick und eine Berührung“ genügten, um verhaftet, in einem Konzentrations- oder Arbeitslager interniert zu werden und von dort nur durch den Tod oder das Kriegsende herauszukommen. Immer wieder phantasiert der alte Gad von seinem jüdischen Liebhaber Manfred, der ihm in verschiedenen ikonischen Verwandlungen erscheint: als Drag Queen, als lasziver Androgyn, als Inkarnation männlicher Verführungskraft.
Der farbige Bariton Alessio Fortune Ejiugwo springt manchmal wie ein Faun mit den Umgangsformen eines Revuegirls, dann mit der Grandezza eines Königs der Nacht durch den Wohnraum. Oder er erscheint wie ein Geist, artikuliert sich mit aufgerissener Oberkleidung und intensiven Blicken. Saskia Kuhlmann zeigt in ihrer Regie queeres Selbstverständnis der alten und der mittleren Generation in den 1980er Jahren – etwas Glamour also in jedes Single-Appartement, starke körperliche Präsenz und vorsätzlich verräterische Accessoires. Daniel Minetti gibt die ärmlichere Variante des einsamen Collegeprofessors George Falconer in Christopher Isherwoods „A Single Man“. Als pädagogischer Fixstern blüht er im zweiten Teil des Abends voll auf.
Das Team geht mit dem Stück ziemlich frei um. Der am Klavier sitzende Dirigent Stefano Cascioli hat um Heggies dessen musikalische Sätze einen kleinen Strauß von Chansons und Schlagern gerankt – eigene Vertonungen von Rilke-Gedichten, Mischa Spolianskys „Lila Lied“, Charles Aznavours „Wie sie sagen“ und – mit liebevollem Widerspruch – „Over the Rainbow“. Das Publikum hat die Wahl: Ältere können mit dem Genre der Pocket-Revue-Melodramen von Diven im Karriereabendrot und schwarz-goldenen Erinnerungen vergleichen. Für die jüngeren Generationen wird „For a Look or a Touch“ zum Schnelldurchlauf einer queeren Emanzipationschronik aus der wilden Zeit ihrer Eltern und Großeltern. Nach dem Zweiten Weltkrieg folgen das Abtauchen in Angst, Trauma und Einsamkeit. Dann Stonewall und Christopher Street, der jähe Befreiungsinterruptus durch HIV mit Verwerfungen und Stigmatisierungen nach 1980 – bis zum Fall des §175.
Die beiden Männer auf der Bühne schaffen es mit hoher Präsenz, sinnlich und zugleich scheu zu sein. Die Ambivalenz zwischen Angst und explosiver Erotik, Spiel und Ernst mit den Codes der Außenseiter, das Changieren zwischen der erst Ende als positives Attribut betrachteten queeren Sensibilität und den provokativen Drag-Outriertheiten schaffen über der Didaktik auch psychologische Authentizität. Durch die pointierten Kontraste wächst der Abend über Glamourrevue, Betroffenheitsspektakel und Lehrplansoll hinaus. Ein jugendliches Publikum lernt also weitaus mehr als sich sagen lässt, weil es die Nöte und Bedrängnisse queerer Männer fast in Greifweite und ohne betuliches Leisetreten erlebt. Die vier Soloinstrumente Flöte, Klarinette, Violine und Cello, dazu Klavier setzen Farben von Salonmusik, wirken wie eine äußerst ungewöhnliche Gleichzeitigkeit von samtiger Fülle und harmonischen Löchern. Alessio Fortune Ejiugwo sendet mehr expressiven Nachdruck als baritonales Kuscheln und Daniel Minettis stellenweise spröde Diktion durchschneidet jede mögliche Nähe zur Larmoyanz. Insofern ist dieses wortreiche Stück tatsächlich eine Ergänzung zu „Brokeback Mountain“, dem Drama schwuler Sprachlosigkeit.
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