Nach der deutschen Erstaufführung in Aachen (2014), dann in Gießen (2022) und jetzt in Erfurt erweist sich Charles Wuorinens Oper „Brokeback Mountain“ definitiv als konkurrenz- und wertbeständig neben dem Kinofilm aus dem Jahr 2005. Die bewusst spröde Partitur mit dem Libretto von Annie Proulx nach ihrer Erzählung ersteht am Theater Erfurt mit beeindruckender Achtsamkeit für menschliche Details im riesigen Bühnenraum. Jakob Peters-Messer inszenierte. In den Hauptpartien überwältigen Mate Sólyom-Nagy als Rancher Ennis del Mar und Michael Smallwood als Rodeoreiter Jack Twist.
Brokeback Mountain | Ks. Máté Sólyom-Nagy, Michael Smallwood, Luzia Ostermann. Foto: Lutz Edelhoff
Im Leidensdruck schwulen Begehrens: Charles Wuorinens Oper „Brokeback Mountain“ in Erfurt
Das Orchester schwillt an zu einem schmerzhaften Crescendo. Darauf verströmt Ennis del Mar mit einem gewaltigen, alle Dämme brechenden Kraftpaket-Schlusston alle Emotionen, zu denen er sich vor dem Unfalltod seines Geliebten Jack Twist nicht durchringen und äußern konnte. So endet die Oper nach dem als Erzählung und Kinofilm legendären Sujet „Brokeback Mountain“.
Annie Proulx setzte in ihrer 1997 erschienenen Erzählung und in ihrem Libretto eine Studie in knappen Worten und Szenen. Bis zu Ennis’ Schlussaufwallung ist auch Charles Wuorinens Vertonung ein spektakelfreies und deshalb imponierendes Musikdrama der ausgekargten Klänge – mit nur ganz wenigen Zwiegesängen und noch weniger Exaltationen. Eine Oper der Sprachlosigkeit: Jack Twists Satz „Ich bin nicht schwul!“ findet keine Erwiderung in einer Gaypride-Korrektur und entfaltet so den weitaus größeren Leidensdruck.
Jakob Peters-Messer hat die subtile Vielfalt der Unfähigkeiten zu einer Sprache des Fühlens in diesem Sujet erkannt, Hermes Helfricht für die wirklich gute Leistung des Philharmonischen Orchesters Erfurt auch. So entstand ein zutiefst beeindruckender Abend auf den schneeweißen Flächen der Stufenpodeste für den symbolisch allgegenwärtigen Brokeback Mountain in Wyoming. Dessen Einsamkeit setzt zwar Triebe frei, hat aber für die rasante Eskalation durch das „So-Sein“ des Hauptpaars weniger Bedeutung als im Film. Wuorinens Klänge sind oft wie schartiges Eis, bleiben fragmentiert und wie Gerüste, über denen die Figuren in ihren rezitativischen bis ariosen Phrasen weniger zielorientiert als tastend nach Sinn und Form ihres Lebens suchen. Die beiden Frauen sind wie in Bildern Edward Hoppers Hülsen naheliegender Sozialfassaden und durchschnittlicher Wünsche, deren Leid und Frustration Peters-Messer desto klarer konturiert. Ennis’ Frau Alma erleichtert sich durch die Scheidung kaum. In Daniela Gerstenmeyers klarem Sopran fusionieren Statuswünsche und Frustration. Erst der verstorbene Macho-Vater Hogboy (Kakhaber Shavidze) steckt Jacks tougher Karrierefrau Lureen in einer Traumvision die Wahrheit über Jacks Veranlagung: Bei Marlene Gaßner wird Glut verständlicherweise zu Eis.
Es ist in erster Linie ein enorm fordernder und großartiger Abend für den Bariton Mate SóIyom-Nagy als Rancher Ennis del Mar und den Tenor Michael Smallwood als Rodeoreiter Jack Twist. Sie agieren mit emotionaler Konzentriertheit und packender Vokalenergie. SóIyom-Nagy und Smallwood sind im ersten Teil bei der allmählichen Annäherung und dann explosiven Leidenschaft zurückhaltend und subtil. Pascal Seibicke kostet auf der riesigen Bühne des Theater Erfurt jeden Kubikzentimeter Leere aus. Die Accessoires der US-amerikanischen Lebensrealität werden zu Requisiten, an denen sich die heterosexuellen Figuren festhalten müssen. Sehr spät kommt der Opernchor auf die Bühne, wächst für Ennis mit dem Tod Jacks zu einem unerreichbaren und ihn ausstoßenden Kollektiv. Markus Baisch hat die wenigen, aber wichtigen und dabei lemurenhaften Einsätze einstudiert.
Die überwiegend in dunklen Farben gehaltene Welt des männlichen Liebespaars und der pointierte Realismus ihrer Lebenswirklichkeit gerät erst am Ende mit Ennis’ Besuch bei den Eltern Jacks (Katja Bildt und Jörg Rathmann) zur unversöhnlichen Synthese aus kantiger Verdrängung und vagem Mitgefühl. Auch hier setzt die Regie mitunter so feine Gesten, dass sie unter den Textilien eher ahnbar als sichtbar sind. Während der Film mit Nähe zwischen Akteuren und Kamera arbeitet, nutzt die Erfurter Inszenierung die große Entfernung zwischen Publikum und Bühne. Das bedeutet, dass sich SóIyom-Nagy und Smallwood häufiger mit vokaler Härte und deklamatorischer Deutlichkeit attackieren als in physischer Zartheit. Wuorinens Instrumentation amputiert Versöhnlichkeit. Das wird desto deutlicher spürbar, je bemühter Helfricht Wohlklang setzen will, was Wuorinens Vertonung jedoch nur sekundenweise ermöglicht.
An einer Stelle der Erzählung steht die lapidare Feststellung: „Nichts war zu Ende, nichts fing an, nichts war geklärt.“ Die Erfurter Produktion agiert ähnlich konsequent. Sie moralisiert nicht, sie appelliert nicht und sie setzt keine naiven Kritikmarken aus einer Gegenwart, die viele und dabei noch längst nicht alle Ausgrenzungen gegen queere Lebensformen überwunden hat. Intensiv bewegter Applaus.
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