Musik als Vibration, Musik als Bewegung, Musik als optisches Signal: Wie das Kollektiv ox&öl in Kollaboration mit der Choreografin Lee Méir in „Hidden Heartache“ die nicht-hörende Perspektive zum Gegenstand eines Musiktheaters machte, zählte zu den Lichtblicken der ersten Münchener Musiktheater-Biennale unter den neuen Leiterinnen Katrin Beck und Manuela Kerer.
V01CES//B0D1EZ. Foto: Cordula Treml
Zwischen Ritual, Identitätssuche und KI-Dystopie
Auch wenn die Klavierstücke von Ailís Ní Ríain und Julie Herndon nicht durchweg überzeugten, machten die Performerinnen – darunter die wunderbare Simone Keller an Flügel, Klavier und Toy Piano – doch sensibel für das, was alles mitschwingt, wenn wir Musik erleben; und für jene, die Musik anders, nicht klingend wahrnehmen.
Trotz textlicher Schwächen berührend und schlüssig war überdies die Produktion „Endlich“, in der Asia Ahmetjanova und Franziska Angerer die Unerbittlichkeit des Altwerdens und Sterbens thematisierten. Sieben nackte Alte, die nach und nach der Tod ereilen wird, dürfen zuvor noch zu ihrer Lieblingsmusik tanzen und summen, wobei die Laiendarsteller:innen dieser radikalen Zurschaustellung gebrechlicher, aber nach wie vor anmutiger Körper auf beeindruckende Weise Würde verleihen. Begleitet wird dieses Todesritual von ätherisch-geheimnisvollem Nornengesang und fein austarierten Klängen eines Instrumentalensembles (ausgezeichnet: das Ensemble Mosaik unter Leonard Weiss).
Politisch konkret wurde es mit dem Doppelabend „V01CES//B0D1EZ“. Blickte man auf die Videoeinblendungen (Textilfabriken, Protestdemos, Drohnenkrieg…), so kamen einem die Texte, die Hans Werner Henze vor über 50 Jahren in seinem Liedzyklus „Voices“ vertonte, erschreckend gegenwärtig vor. Von Sänger:innen der August Everding Theaterakademie und dem Münchener Kammerorchester unter Bas Wiegers exzellent dargeboten, machten die Auszüge Lust, diesen Zyklus einmal wieder komplett zu hören. Zum 100. Geburtstag Henzes und zur 20. Ausgabe der von ihm gegründeten, 1988 erstmals ausgetragenen Biennale lag es nahe, sich mit seinem Schaffen auseinanderzusetzen. Eine Auswahl von acht Liedern aus dessen „Voices“ nahm der thailändische Komponist Piyawat Louilarpprasert, der auch ein Stück für junges Publikum beisteuerte (siehe nmz Online), zum Ausgangspunkt von „R3SIST4NC3 B0D1EZ“. Darin lässt er nach anfänglichen Berührungsängsten und Programmierfehlern einen humanoiden Roboter das Kommando übernehmen. Mit Clownsmaske steht der am Ende auf der rotierenden Bühne, neben ihm auf dem Boden ein Amazon-Bote, der sich zu Tode gearbeitet hat. Die Musiker setzen sich dazu „Make Klassenkampf great again“-Käppis auf. Musikalisch nennenswert war in diesem Halbstünder am ehesten noch das Blasen auf den kartonweise an die Musiker ausgelieferten „Shrimps“ (zu überschaubarer Klangentfaltung fähige Plastikröhrchen).
In der Doppelanlage war das aber immerhin klar konzipiert – im Gegensatz zu dem, was Zara Ali ihrem Publikum in „Codeborn“ zumutete. Darin wird ein Informatiker zum Versuchskaninchen einer KI. „Künstliche Intelligenz hat definitiv das Potenzial zum Erhabenen“, hatte die Komponistin vorab zu Protokoll gegeben. Was sich in der einmal mehr düster vernebelten Muffathalle zwischen KI-generiertem Textkauderwelsch, Elektroniktumulten und kaputtem Purcell abspielte, entzieht sich der Beschreibung. Wenn das Erhabene künftig so aussieht und klingt, sind wir geliefert.
Einige reizvolle Passagen bot immerhin die Einbeziehung traditioneller südafrikanischer Spieltechniken in Monthati Masebes Identitätsfindungs-Stück „Isithunzi“, das sich jedoch dramaturgisch als völlig unzulänglich erwies. Das Amüsement über Yuri Umemotos Geisterklamauk „crypt_“ wiederum konnte selbst der brillante Counter Sean Bell (als Komponist mit Vaterkomplex) nicht länger als eine halbe Stunde aufrecht erhalten. Zu vorhersehbar war nach kurzer Zeit die Provokation, die darin bestand, dass die fiepsige, offenbar KI-generierte Stimme der über drei Bildschirme flimmernden Anime-Komponistenfreundin banale Sentenzen über einem ironisch nur notdürftig gebrochenen Neoklassik-Teppich ins Endlose wiederholte.
Wer gehofft hatte, ein Wettbewerbsformat (Thema: Martial Arts) würde die schon in früheren Biennale-Ausgaben oft überschaubare Trefferquote gelungener oder wenigstens diskussionswürdiger Produktionen erhöhen, sah sich leider enttäuscht. „Xochiyaoyotl“ von Maximiliano Soto Mayorga entpuppte sich als eine die 50 Minuten Spieldauer nur rudimentär musikalisierende Beschwörung aztekischer Kampfkunst-Rituale mit dürftigen Textanteilen.
So bewegte sich die Biennale musikalisch unauffällig zwischen Ritual, Identitätssuche und KI-Dystopie. Vielversprechende neue Stimmen für das Musiktheater haben Katrin Beck und Manuela Kerer bisher leider nur bedingt entdeckt. Auf ein neues in zwei Jahren.
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