Stephan Mösch: Bayreuth als Theater. Auf dem Weg zu einer Festspielgeschichte, Bärenreiter/Metzler, Kassel/Berlin 2026, 674 S., Abb., € 49,99, ISBN 978-3-7618-2649-2
Stephan Mösch: Bayreuth als Theater. Auf dem Weg zu einer Festspielgeschichte, Bärenreiter/Metzler, Kassel/Berlin 2026, 674 S., Abb., € 49,99, ISBN 978-3-7618-2649-2
Facetten-Fülle und Gesamtkunstwerk
Der Buch-Titel ist ungewollt zweideutig: neben aller Realität gab und gibt es um Bayreuth immer wieder „Theater“, von kultur-politisch bis yellow-pressig. Doch Stephan Mösch schreibt nach seinen rund 50 Jahren in und mit dem Gesamtkomplex Bayreuth ein gewichtiges Buch über Wagner, den Festspielort und die Aufführungen von 1876 bis in die letzten Jahre. Sein umfangreicher Band kann auch kapitelweise gelesen werden – als aktuelles Nachschlagewerk dienen. Die Ausführungen sind mit zahlreichen Anmerkungen, Notenbeispielen und Interpretations-Analysen belegt, erläutert und vertieft; Quellen-, Literatur- und Personenverzeichnisse erleichtern das Nachschlagen und Suchen. Fast jedes Lese-Interesse sollte hier etwas Gehaltvolles und Weiterführendes finden.
Kleine Einschränkungen vorweg: Mösch will wohl auch der professoralen Wissenschaftsetage genügen und so greift er im Stil und Vokabular mehrfach hoch; gelegentlich scheinen Kapitel wie das zu „Holländer im Vergleich“ nur schwerlich über ein „erlesen“, eher schon am Klavier nachvollziehbar zu sein.
Doch bei weitem überwiegen gute Lesbarkeit, der Blick auf neue Aspekte und interessante Details. Zentraler Ausgangspunkt ist dabei Wagners einstiges Ziel, zum Kulturkern der Nation zu werden, also das hereinzunehmen, was schöngeistige Wagnerianer so gerne ausblenden: Wagners „Keiner kann dichten, ohne zu politisieren“ – also seine Auflösung aller Politik durch die Kunst. Mösch bettet in die gut 150 Jahre Bayreuth-Geschichte durchweg Bezüge zur Zeitgeschichte ein. Auch die Sicht auf Werkinhalte geht von den politischen Einordnungen in Shaws „Wagner-Brevier“ und Bermbachs Wagner-Analysen aus. Möschs Buch will keine summarische Festspielgeschichte sein. Ihm geht es um „Sinnhorizonte“, also um das Zeitbewusstsein der Festspiele, dann um Strukturen und ihren Wandel, also um Institutionen und Experimente und schließlich um die Besonderheit der ästhetischen Erfahrung in Bayreuth.
Stephan Mösch: Bayreuth als Theater. Auf dem Weg zu einer Festspielgeschichte, Bärenreiter/Metzler, Kassel/Berlin 2026, 674 S., Abb., € 49,99, ISBN 978-3-7618-2649-2
Schon diese Theoreme bringen neue und andere Sichtweisen auf Realitäten der Bayreuther Bühne. Zusätzlich wertet Mösch die seit 2016 zugänglichen Dokumente der „Zustiftung Wolfgang Wagner“ aus, was viele Details zu den Jahren nach 1945 bringt – speziell dann zu Wolfgangs Rolle als „Impresario“ ab 1966. Auch die vermeintlich durchanalysierten Aspekte des „Jahrhundert-Rings“ von 1976 bekommen Ergänzung: Anhand des erst seit 2022 veröffentlichten Arbeitsbuchs von Regisseur Patrice Chéreau wird sein interpretatorisches Ringen deutlicher – und die bislang unterbelichtete Rolle seines Philosophie-Freundes André Glucksmann, also über die Kapitalismus-Kritik à la Shaw und über die von Georg Lukács offengelegte Gefahr irrationalistischer Weltanschauung hinaus: die Linie der „manipulierten Humanität“ mit Wotan als verbrecherischem Machtzentrum, alles gipfelnd in der „großen Maschinerie der modernen Macht“ – mit der stummen Chor-Schlussfrage: „Und wie weiter?“
Parallel findet der Musikfreund anschaulich differenzierte Dirigentenporträts, beginnend mit den Partitur-Notaten Felix Mottls. Von Furtwängler über „Kna“ bis zum Ruhepol Boulez wird über alle Kollegen wie Keilberth-Sawallisch-Stein-Kleiber hinweg durch viele Einzelheiten klar, wie überlegt Karajan schon von den 1950er Jahren an seine egozentrische „Klang & Medien-Fabrik“ aufbaute, was zu „Wagner in Salzburg“ führen musste. Erhellendes findet sich unter der Überschrift „Instanz und Prellbock“ zum Festspielchor insbesondere in den legendären Jahrzehnten unter Wilhelm Pitz, dessen uneitel-genaue Tagebücher Mösch auswerten und zitieren durfte. Die Einflüsse von EMI-Chef Walter Legge werden erkennbar. Natürlich fehlen auch alle prägenden Sängerpersönlichkeiten nicht.
Bezüglich der Inszenierungen zeigt Mösch an Wieland Wagners Arbeiten bis 1965, wie werknah und dennoch weit ästhetische Horizonte eröffnet wurden – trotz dessen oft schwierigen Persönlichkeit. Der DDR-Innovationsschub durch Götz Friedrich, nach Chéreau dann abermals durch Harry Kupfer wird jenseits aller zeitbedingten Proteste deutlich. Rundende Schlaglichter fallen auf Christoph Schlingensief und Frank Castorf.
In seiner gelungenen Durchleuchtung von gut „150 Jahren Bayreuth“ hat Mösch klar die Vereinnahmung dieses Kultur-Leuchtturms durch nationalistische Politik benannt. Zu Recht stellt er den ab 1946 tätigen Bayreuther Kulturamtsleiter Karl Würzburger heraus, der schon 1949 die Realität benannte: „Der Faschismus ist gewiss nicht tot, […] er ist […] außerordentlich geschickt getarnt. Und wenn mich nicht alles trügt, gehört es zu seinen gefährlichsten Künsten, dass er uns immer wieder verleitet, ihn unter dem Namen „Faschismus“ herumlaufen zu lassen, statt ihn täglich in der Gestalt der Lüge zu entlarven.“ Angesichts aktuell-rückschrittlicher Forderungen nach „deutschen Spielplänen in deutschen Theatern“, angesichts der soeben erfolgten Streichung des Demokratie-Festvortrags in Bayreuth weisen Möschs Seiten entlarvend hell ins Jubiläumsjahr 2026.
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