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Nikolaus Brass (Komponistinnen und Komponisten in Bayern, Bd. 70), hrsg. im Auftrag des Tonkünstlerverband Bayern e.V. im DTKV von Franzpeter Messmer, Allitera Verlag, München 2025

Nikolaus Brass (Komponistinnen und Komponisten in Bayern, Bd. 70), hrsg. im Auftrag des Tonkünstlerverband Bayern e.V. im DTKV von Franzpeter Messmer, Allitera Verlag, München 2025

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„Ich spreche mit meinen Hörern über das In-der-Welt-Sein“

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Ein neues Buch über den Komponisten Nikolaus Brass
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Nikolaus Brass (Komponistinnen und Komponisten in Bayern, Bd. 70), hrsg. im Auftrag des Tonkünstlerverband Bayern e.V. im DTKV von Franzpeter Messmer, Allitera Verlag, München 2025, 220 S., Abb., € 24,90, ISBN 978-3-96233-470-3

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In der Szene der neuen Musik ist er längst kein Unbekannter mehr. Er wird mit Aufträgen bedacht und seine Werke werden bei Festivals aufgeführt, von Rundfunkanstalten mitgeschnitten, gesendet und auf CDs veröffentlicht. Sein Werkverzeichnis umfasst über 130 Stücke, darunter sechs Bühnen und ein gutes Dutzend Orchesterwerke, viele Vokal- und Chorwerke, sowie zahlreiche Kammermusik, darunter allein sieben Streichquartette. Der heute 76-Jährige steht mitten im Geschehen und ist unvermindert produktiv. Dennoch blieb er ein Außenseiter. Warum das so ist, versucht der ihm gewidmete Band 70 der langjährigen verdienten Editionsreihe „Komponistinnen und Komponisten in Bayern“ zu erhellen.

Künstlerisches Leben

Die Buchreihe würdigte bisher Harald Genzmer, Günter Bialas, Fritz Büchtger, Hugo Distler, Karl Amadeus Hartmann, Werner Egk, Ruth Zechlin, Josef Anton Riedl, Franz Hummel, Peter Michael Hamel, Wilhelm Killmayer, Carl Orff, Enjott Schneider und viele andere, teils weltbekannte Größen, teils nationale Bekanntheiten oder eher regionale Erscheinungen. In diese Folge tritt mit Band 70 nun Nikolaus Brass. 1949 in Lindau am Bodensee geboren, wo er seit 2017 wieder lebt, studiert Brass zunächst Medizin, arbeitet als Psychiater und bis 2009 als Redakteur der Zeitschrift „Ärztliche Praxis“. Gleichzeitig studiert er Komposition bei Konrad Beyer in Berlin sowie privat bei Peter Kiesewetter und Helmut Lachenmann, dem er nach eigener Aussage sein „künstlerisches Leben“ verdankt. Brass besucht die Darmstädter Ferienkurse und begeisterte sich sowohl für die franco-flämische Mehrstimmigkeit der Frührenaissance als auch für Morton Feldman, von dem er in den von Helmut Rohm zusammengestellten „Biografischen Skizzen“ zu Anfang des Bandes gesteht: „dieses Feldman-Erlebnis hat mich niedergestreckt, weil ich dachte, das ist der, der die Musik schreibt, die ich eigentlich schreiben wollte“.

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Nikolaus Brass (Komponistinnen und Komponisten in Bayern, Bd. 70), hrsg. im Auftrag des Tonkünstlerverband Bayern e.V. im DTKV von Franzpeter Messmer, Allitera Verlag, München 2025

Nikolaus Brass (Komponistinnen und Komponisten in Bayern, Bd. 70), hrsg. im Auftrag des Tonkünstlerverband Bayern e.V. im DTKV von Franzpeter Messmer, Allitera Verlag, München 2025

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Brass war Vorsitzender der Münchener Gesellschaft für Neue Musik und ist Mitglied der Akademie der Künste Berlin sowie der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, deren Musikabteilung er vier Jahre als Direktor vorstand. Im Gespräch mit dem Herausgeber Franzpeter Messmer beschreibt sich der Komponist selbst als einen Verunsicherten, der an seiner musikalischen Begabung zweifelte wie überhaupt an der Bedeutung künstlerischen Handelns nach dem Zweiten Weltkrieg und dem totalen Bankrott der Zivilisation. Nicht zuletzt diese Skepsis ließ Brass Psychiater werden, weil er für Menschen nützlich sein wollte. Und kompositorisch machte ihn dieser Zweifel zu einem Suchenden, der erfrischend ehrlich gesteht: „Wenn man so dasitzt und komponiert, denkt man ja häufig, man spinnt.“

Brass verkündet keine neuen Trends, Ästhetiken oder gesellschaftspolitischen Agenden. Statt als Wegbereiter sieht er sich angesichts von Robotik, Globalität, Digitalität und Algorithmisierung der Lebensvollzüge als „historisch“, als „Rest“ oder „Überbleibsel“. Am 1. Januar 2020 notiert er in sein Arbeitstagebuch: „die jetzt anbrechenden 20er-Jahre sind nicht mehr mein Ort in der Zeit. Ich bin in einer Zeit angekommen, in der die Prägungen meines Lebens schon so gut wie nicht mehr gültig sind.“ Aufschlussreich an den im Frühjahr 2020 entstandenen Notizen „Leben in Zeiten der Seuche“ sind neben persönlichen Konfessionen auch Schilderungen von Konzerterlebnissen, Lektüren, Reisen, Naturbetrachtungen und dann der pandemiebedingte Verlust an öffentlich aufgeführter Musik und sozialen Kontakten.

Obwohl Suchender, fand Brass zu einer Art Personalstil, geprägt durch Körperlichkeit der Klangerzeugung, Differenzierung im Detail, expressive Linearität der Stimmführung, Gesanglichkeit, Organik der Entwicklung, Vorliebe für Chromatik und Mikrointervalle samt der dadurch entstehenden Aufrauhungen bis hin zu geräuschhaften Spiel- und Vokalpraktiken. Einige Aufsätze behandeln einzelne Schaffensbereiche: Max Nyffeler bespricht Brass’ Musiktheaterwerke, Helmut Rohm die Musik für Klavier solo und Hans-Peter Jahn die Vokalmusik. Hinzu kommen Beiträge von Interpretinnen und Interpreten über ihre Zusammenarbeit mit dem Komponisten sowie die von ihnen (ur)aufgeführten Werke: Sopranistin Irene Kurka, Akkordeonist Hans Maier, Bratschist Klaus-Peter Werani, Klarinettenduo Beate Zelinsky und David Smeyers sowie Kontrabassist Frank Reinecke, von dem allein vier Artikel stammen. In teils suggestiv-bildreicher Sprache werden regelrecht dramatische Werkdeutungen geliefert, doch fehlen zuweilen sachliche Analysen von Form, Stimmführung, Intervallstruktur, Harmonik, Rhythmik, Klangfarbe. Verzichtbar gewesen wären solch kryptische Spekulationen wie die von Reinecke zu „Void II“ (2006): „Janusköpfig erscheint das komplexe Echo des gewesenen Mörderlärms, widerhallend von der gläsernen Wand des Universums: beinahe schön.“

Abgerundet wird der informative Band mit Fotos von Familie, Lebensstationen, Kontakten und Konzertereignisse sowie Werkverzeichnis, Diskografie und Personenregister.

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