Joseph Horowitz: Dvořáks Prophezeiung und das Schicksal der Schwarzen klassischen Musik in den USA, Wolke Verlag Berlin 2025. 268 S., € 34,00, ISBN 978-3-95593-267-1
Joseph Horowitz: Dvořáks Prophezeiung und das Schicksal der Schwarzen klassischen Musik in den USA, Wolke Verlag Berlin 2025. 268 S., € 34,00, ISBN 978-3-95593-267-1
Weiterhin unerhörte Klangwelten
Derzeit erscheinen erste Einspielungen von „schwarzer Klassik“ – doch Louis Moreau Gottschalk? George Chadwick? Arthur Farwell? Vielleicht am ehesten noch Harry Thacker Burleigh – er war nämlich Assistent von Antonin Dvořák, als Schwarzer! Und eben Dvořáks Amerika-Aufenthalt von 1892 bis 1895 nimmt Autor Joseph Horowitz als zentralen Ausgangspunkt seiner engagiert anklagenden Abrechnung mit dem US-amerikanischen Musikhorizont. Mehrfach zitiert Horowitz Dvořáks Prophezeiung aus dessen Zeit in New York im Jahr 1893, dass eine „bedeutende und erhabene Schule“ der klassischen amerikanischen Musik auf Amerikas Negro-Melodien aufbauen werde. Diese Aussage war damals in aller Munde: „einflussreich und umstritten“ – und Horowitz fügt hinzu „klug, mitfühlend – und naiv“. Denn auf gut 250 Seiten führt er dann aus, wie Amerikas klassische Musik „weiß“ blieb, dass es Integrationshürden gab und gibt, institutionell und ästhetisch. Ganz anders als bei der Adaption in der Literatur kann hier von struktureller Amnesie gesprochen werden.
Joseph Horowitz: Dvořáks Prophezeiung und das Schicksal der Schwarzen klassischen Musik in den USA, Wolke Verlag Berlin 2025. 268 S., € 34,00, ISBN 978-3-95593-267-1
Für den euro-zentrierten Leser wird ein erfreulich weiterbildender Bogen ausgeschritten. Da gibt es eine vielfältige Frühgeschichte vom Musizieren in der Sklaverei. Herausragen die ab 1871 auftretenden und dann von Mark Twain geförderten „Jubilee Singers“, die Spirituals und erste Balladen in den Liederschatz des ganzen Landes einführten. Dvořáks eigene Verwurzelung in seiner nationalen Musikkultur ließ ihn dann aber begeistert nach amerikanischer Volksmusik suchen – die „Schwarzen Klagelieder: es war Liebe auf den ersten Blick.“ Dennoch verfällt die maßgebende weiße Oberschicht dann dem europäischen Starkult: Seidl, Mahler, Toscanini et cetera. Womöglich ist der frühe Tod von George Gershwin ein fataler Einschnitt. Zwar komponieren in der Zeit nach Dvořák ein Nathaniel Dett, William Grant Still, eine Florence Price und Margaret Bonds; Horowitz stellt vor allem William Dawsons „Negro Folk Symphony“ von 1934 heraus. Der „braindrain“ von Begabungen in die Musik- und Theaterlandschaften Europas, insbesondere Deutschlands begann und hält an. Vermittelnde „Grenzgänger“ wie Kurt Weill, Marc Blitzstein und Leonard Bernstein wirken, dennoch bleiben die Bemühungen von Aaron Copland, Virgil Thomson und vor allem Bernstein zwar verdienstvoll, ändern aber die Problematik nicht fundamental: der von Schriftstellerin Toni Morrison konstatierte „American Africanism“ bleibt noch marginal. Horowitz sieht parallel zu Europa, dass die Moderne in „entrückte Höhen“ geführt hat, verliebt in Highbrow-Konzepte – und darüber den liebvollen Blick in die eigene bedeutende Vergangenheit verlor. So kann der deutsche Musikfreund vorläufig nur Coleridge-Taylors „Hiawatha“, einiges von Virgil Thomson und Florence Prices „Symphony Nr. 3“ sowie ihre Suite „Mississippi River“ auf CD anhören – in Konzertprogrammen ist kaum etwas zu entdecken. Joseph Horowitz’ kämpferisch gehaltvolles Buch sollte Musizierende und vor allem Orchesterdramaturgen wie Dirigierende anregen.
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