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Peter Gülke: Menschen. Zeiten. Musik, Bärenreiter/Metzler, Kassel/Berlin 2026, 300 S., Abb., € 39,99, ISBN 978-3-662-72777-5

Peter Gülke: Menschen. Zeiten. Musik, Bärenreiter/Metzler, Kassel/Berlin 2026, 300 S., Abb., € 39,99, ISBN 978-3-662-72777-5

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„Wenn eine Sach’ ein End’ hat“

Untertitel
Mit „Menschen. Zeiten. Musik“ hat der Autor Peter Gülke einen kreativen Schlusspunkt gesetzt
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Peter Gülke: Menschen. Zeiten. Musik, Bärenreiter/Metzler, Kassel/Berlin 2026, 300 S., Abb., € 39,99, ISBN 978-3-662-72777-5

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Was bleibt? Eine Frage, die sich zumindest nachdenklich reflektierende Menschen häufiger stellen, wenn sie ein gewisses Alter erreicht haben und Lebensbilanz ziehen. Der 1934 in Weimar geborene Dirigent, Musikwissenschaftler und Autor hat sich dies schon öfter gefragt und dazu geäußert, schließlich wurde er in verschiedene politische Systeme geworfen und hat als Musiker an unterschiedlichsten Stationen gewirkt. Immer wieder trat er auch als Autor in Erscheinung, die jüngste Publikation „Menschen. Zeiten. Musik“ muss nun als sein Vermächtnis betrachtet werden, denn Peter Gülke ist Ende April – wenige Tage vor seinem 92. Geburtstag – in Weimar verstorben (unser Nachruf auf Seite 34).

In gewohnt beredtem Ton zieht dieses erst im Januar abgeschlossene Buch Bilanz, unternimmt Streifzüge durch die Musik und Ausflüge in andere Künste. Schonungslos bis persönlich enttäuscht gerät der Blick auf den Zustand der Welt: „Der US-Präsident lügt, dass es kracht, Putins ,militärische Spezialoperation‘ setzt Hitlers ,seit 5.45 Uhr wird zurückgeschossen‘ fort, sein Land hält still, liefert junge Leute frei Haus zum Verheizen, ausgewiesene Auftragsmörder empfängt er brüderlich umarmend. Ulbrichts Rede vom ,antifaschistischen Schutzwall‘ fast eine schüchterne Vorübung!“

Als wacher und kritischer Zeitzeuge hat Gülke globale Bellizismen verfolgt und verurteilt. Bei der Lektüre mag man sein Kopfschütteln über solch­ fatale Entwicklungen spüren: „Was hülfe es, obwohl nur folgerichtig, dem Maximalismus verhöhnter Menschlichkeit humanen Maximalismus gegenüberzustellen, zu fragen, ob Würde, Auftrag des Menschseins nicht schon mit einem einzigen verwundeten Kind verwirkt seien, die Verantwortlichen sich endgültig außerhalb ihresgleichen stellten!“

Wahrnehmen ist bei Peter Gülke mit gründlichem Nachdenken und wohlüberlegter Stellungnahme verbunden. Sein Blick auf „Menschen. Zeiten. Musik“ ist weniger von Altersmilde denn vom Erfahrungsschatz eines reichen – an Höhen und Tiefen auch abwechslungsreichen – Lebens geprägt. Diesen nur scheinbar ungeordnet wirkenden Texten stellt er selbstzweifelnd die Frage voran, „Will ich mich vor mir selbst wichtig machen?“ und antwortet sogleich „Es gibt freundlichere Begründungen: Dass Rechenschaft zu gewissenhaft gelebtem Leben gehört; dass Schreiben neben Musizieren zur Elementarbeschäftigung geworden ist, Formulieren, der Ringkampf mit Worten, Begriffshülsen, mit der Syntax; Erkundungen, wo diese und erhoffte Ausdrucksnuancen zusammenkommen und wo nicht; dass ich schreibend mir Gesellschaft leiste.“

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Peter Gülke: Menschen. Zeiten. Musik, Bärenreiter/Metzler, Kassel/Berlin 2026, 300 S., Abb., € 39,99, ISBN 978-3-662-72777-5

Peter Gülke: Menschen. Zeiten. Musik, Bärenreiter/Metzler, Kassel/Berlin 2026, 300 S., Abb., € 39,99, ISBN 978-3-662-72777-5

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Es sind aber keine Selbstgespräche, die der Musikprofessor da zusammentrug und dem Verlag übergab. Es sind gut hundert mehr oder minder kurze Betrachtungen eigenen Wirkens, des Begegnens mit Zeitgenossen und der Rückblicke in sehr persönlichen Nachrufen. Dabei sah er sich stets als gesellschaftliches Wesen, denn: „Kommunikation hat mit Aufmerksamkeit, diese mit Intelligenz zu tun, Vereinzelung mit Verblödung.“

Geradezu aphoristisch verdichtete Überlegungen sind mit großem Vergnügen zu lesen, ebenso wie profunde Abhandlungen zu ausgewählten Komponisten und deren Schaffen. Zu Arnold Schönbergs Opus 11 etwa, zu Alban Bergs Violinkonzert, zu Tschaikowskis Sinfonien und zum „Rosenkavalier“ von Richard Strauss. Letzten zitierend, meinte er, wir sollten froh sein, nicht zu wissen, „wenn eine Sach’ ein End’ hat“.

Gülkes musikwissenschaftliche Thesen sind freilich keine Ausflüge ins Oberseminar, allenfalls aus gründlicher Analyse gespeiste Expertise eines umfassend gebildeten Praktikers, der als direkter Nachfahre der Familie Vulpius – Goethes Schwager Christian August war sein Ururgroßvater – ebenso kenntnisreich zur Musik als auch über Literatur und Bildende Kunst schreibt. Er würdigt Bach und Brecht sowie Michelangelo, Turner und Schostakowitsch, kommt noch einmal mit Künstlerfreund Alfred Brendel und hochgeschätzten Komponisten wie Péter Esterházy, Aribert Reimann und Wolfgang Rihm ins Gespräch. Stets zeigt er wohltuend Haltung, so auch in seiner Kritik am Weimarer „Dichterfürsten“, der sich nach all den Völkerschlachten nicht genierte, neben Napoleon und anderen Potentaten aufzukreuzen: „Um sie herum dienern, schmeicheln, schwänzeln Europas Fürstenhäupter, haschen nach einem Lächeln, dem Wohlwollen des Usurpators.“

Peter Gülke nimmt wirklich kein Blatt vor den Mund, schildert den Verlust geliebter Menschen, insbesondere den seiner geliebten Frau, und eigene Altersgebrechen, verbindet Zeitkritik mit Lebensbilanz.

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