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1984 schlug der Argentinier Bernardo Maria Kuczer (1955–2023) bei den Darmstädter Ferienkursen ein wie eine Bombe

1984 schlug der Argentinier Bernardo Maria Kuczer (1955–2023) bei den Darmstädter Ferienkursen ein wie eine Bombe

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Akustischer Brutalismus

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Neue CDs neuer Musik, vorgestellt von Dirk Wieschollek
Vorspann / Teaser

1984 schlug der Argentinier Bernardo Maria Kuczer (1955–2023) bei den Darmstädter Ferienkursen ein wie eine Bombe. Der damalige Schüler Brian Ferneyhoughs hatte eine dreistündige elektroakustische Komposition gebastelt, die die ästhetischen Grundmauern der Ferienkurse gehörig ins Wanken brachte.

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„Civilización o Barbarie“ nannte er diese gnadenlos dichte, dreckige und laute Musik, die interessanterweise auch diejenigen beindruckte, die mit elektronischer Musik nicht gerade per Du waren. Nun hat NEOS erstmals sechs Abschnitte des insgesamt 21-teiligen Tonbandzyklus’ zugänglich gemacht – und die haben es in sich. Das fängt mit „Contre-rime“ noch relativ harmlos mit perkussiven Klängen an, die wie auf dem Schrottplatz eingesammelt scheinen, Teil eines hypnotischen Klangraumes, in dem es allerorten fiept, kratzt, knis­tert und hämmert. „Peripéteia III“ zerschreddert Motive, Melodien und Klangfarben als wäre jemand an den Reglern komplett durchgedreht. Die extreme Verdichtung der Texturen nimmt dann in „Ejercicio de aire“ und „Escenas-Miró“ Formen eines kaum noch steigerbaren akustischen Brutalismus an. Leider zog sich Kuczer schon 1999 völlig aus der Öffentlichkeit zurück und werkelte nur noch für sich: Gedichte, Zeichnungen, Digitalkunst und eigenhändig programmierte Computermusik. Das hier unter der Rubrik „Digital Sounds“ ausgewählte, zwischen 2014 und 2020 entstandene Material klingt jedoch vergleichsweise blass und unverbindlich. Es wäre allerdings schwer interessant, mal Kuczers als unspielbar geltende Instrumentalkompositionen zu beackern! Wer wagt es? (NEOS)

Dass das Ensemble Modern aus bemerkenswert wandlungsfähigen Solisten besteht, merkt man allerspätes­tens dann, wenn seine Mitglieder in der hauseigenen CD-Reihe ihre persönlichen Visitenkarten abgeben: Ein klangintensives Solo hat EM-Klarinettist Jaan Bossier unter dem Motto „draad“ eingespielt, das die ganze Bandbreite zeitgenössischen Klarinettenspiels abdeckt. In „Holz“ (1999/2004) setzt Enno Poppe kleine Motivbausteine immer anders zu einer sprunghaften, in Wiederholungsschleifen mäandernden melodischen Linie zusammen. In die entgegengesetzte Richtung drängt Mark Andres „Atemwind“ (2016/17), wo titelgemäß viel Luftgeräusch seine Wirkung entfaltet, aber auch filigranste perkussive Techniken und ausdifferenzierte Multiphonics. Sehr schön auch die „Ommagio a Luigi Nono“ für Bassklarinette und Live-Elektronik (2002/11) von Klaus Burger, der bei Nonos „Prometheo“ einst die Tuba spielte. Der dunkle Klangraum fächert sich ganz allmählich aus elementaren Klanggebungen auf. (Ensemble Modern Medien)

Die Edition zeitgenössische Musik erfreut allen Krisen zum trotz mit einer hohen Schlagzahl an Neuveröffentlichungen. Aktuell ist es Misha Cvijovic, deren kompositorische Entwicklung hier Stück für Stück nachvollzogen wird. Noch recht konventio­nell geht es im Orchester-Diptychon „The Faces of Persephone“ (2012/14) zu, wo Feldman’sche Farben leuchten und nicht allein die asymmetrische Rhythmik Bartók heraufbeschwört. Die zerbrechliche Textur des Streichquartetts „Tikkum Olam“ (2016) hingegen atmet Webern’sche Flüchtigkeit. Kaleidoskopartige Klanglandschaften für vielfarbig besetzte Kammerensembleformate präsentiert das Ensemble Musikfabrik in „Cirque du Soleil“ (2017), „Penumbra“ (2019) und „Carbon“ (2022/23) zwischen fragmentarischer Gestik und impulsiver Interaktion. Die Corona-Zeit hat ihre Spuren hinterlassen in „Emotional Logic – Anger“ (2020/21), ein geräuschintensives Sextett mit lyrischen Einsprengseln. Die letzten beiden Stücke schlagen jedoch eine völlig andere Richtung ein: Synthesizer-Fachmann Sebastian Berweck multipliziert das Minimoog-Solo von „Iktsuarpok“ (2021/22) per Tape zum Quartett und findet über leise mikrotonale Flächen zu wummernden Klangmassierungen. „Incandescent“ (2021) schickt einsame Trompetenklänge in einen halligen Klangraum, für den analoge Synthesizer und Elektronik verantwortlich zeichnen. Statik und Energie bedingen sich hier gegenseitig. (Wergo/Podium Gegenwart)

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