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Amerikanische Jazz-Botschafter in Paris

Untertitel
Jazzneuheiten, vorgestellt von Marcus A. Woelfle
Vorspann / Teaser

Mit seinen aufwändig kuratierten CD-Boxen führt das französische Label Frémeaux & Associés beispielhaft vor, wie man mit einer vorzüglichen Auswahl an Künstlerpersönlichkeiten Denkmäler setzt, die es verdient haben. Das aufgeschlossene Paris war für amerikanische Jazzmusiker oft die beste Anlaufstelle.

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Jimmy Gourley übersiedelte 1951 nach Frankreich, wo er abgesehen von den Chicagoer Jahren 1956/57 bis zu seinem Tod im Jahr 2008 wirkte. Das Bes­te seines Schaffens wurde unter dem Titel „Un Américain à Paris. 1951–2002“ auf drei Silberlingen zusammengetragen. In Frankreich war man zwar durch Django Reinhardt gitarristisch verwöhnt, doch Gourley brachte etwas Neues mit, den coolen Stil seines Freundes Jimmy Raney, das gitarristische Pendant zu den Tenorsaxophonisten der modernen Lester Young-Schule. Für ihn und die Homogenität des Gruppenspiels war es ein Glücksfall, dass er in Frankreich die Gelegenheit hatte, mit einigen von ihnen Aufnahmen zu machen, so mit Stan Getz, Zoot Sims und Lester Young selbst. Ebenso bemerkenswert sind die Aufnahmen mit dem führenden Cool-Jazz-Altisten Lee Konitz, der ihm als Schulfreund geraten hatte, Berufsmusiker zu werden. Man hört Gourley überhaupt mit vielen Riesengrößen, darunter Schlagzeuger wie Kenny Clarke oder Roy Haynes und Trompeter wie Clifford Brown oder Louis Armstrong. Die Aufnahmen ab den 70er-Jahren, in denen Jimmy Gourley gelegentlich singt, zeigen eine deutliche Abkehr von seinem bewährten coolen Stil zu bluesigerem, härterem, extrovertierterem, von Wes Montgomery beeinflusstem Spiel, sind allerdings nicht alle auf dem Niveau des Frühwerks. (Frémeaux & Associés)

Die „Sélection d’Alain Gerber 1947–1958“ mit Klangjuwelen des Altsaxophonisten Sonny Criss, der in den 60er- Jahren in den Pariser Clubs die Anerkennung fand, die ihm in Los Angeles verwehrt geblieben war, macht chronologisch vor diesem Lebensabschnitt halt. Doch seiner Frankreichverbindung verdankt er wohl den Einsatz des Kompilators Gerber, der auch einen Musikerroman über Criss vorgelegt hat. Dafür eignet sich eine tragische Persönlichkeit wie Criss, der nach lebenslangem Kampf gegen sein Alkoholproblem 1977 freiwillig in den Tod ging. Seine Musik selbst hat eigentlich nichts Tragisches. Sie ist kraftvoll und ausdrucksstark, echt und vital, springt einen allerdings mit einer Dringlichkeit an, als ginge es mit jedem Ton um seine Existenz. An der West Coast, wo weiße Musiker, coole weiche Sounds und ausgefeilte Arrangements dominierten, wirkte er fast wie ein Fremdkörper. Er war Afroamerikaner, ein Bebopper reinsten Wassers, der keine kommerziellen Kompromisse einging. Minutiöse Arrangements schrieb der Vollblutimprovisator nicht. Seine Töne purzelten explosiv und intensiv aus seinem Altsaxophon. Seine Musik hatte den Stallgeruch des Blues und die Hollywoodstudios sah er nur von außen. Seinen kochenden Kleingruppenjazz hätte man in New York oder Chicago verortet. Bereits in den 40er-Jahren sprach er als einer der ersten Altsaxophonisten einen eigenen Dialekt in der von Charlie „Bird“ Parker geschaffenen Sprache des Bebop-Altsaxophons, als sie von den meisten jüngeren Kollegen erst einmal schülerhaft-imitatorisch verdaut wurde. Zwei Aufnahmen in dieser Anthologie aus einer Jam Session erlauben sogar einen Vergleich mit seinem musikalischen Vater, dem Übervater des modernen Jazz. 1952 trat er ihm mit Autorität auf gleicher Augenhöhe gegenüber. Spielte Bird bewusst mit einem trockenen Sound, womit er sich von der Tradition absetzte, so fesselte Criss mit einem stark vibrierenden, glänzend herausschwingenden Klang, der sowohl die Nähe zum R&B als auch zu älteren Meistern wie etwa Willie Smith zeigte, deren Klangreichtum und Volumen er in eine Moderne rettete. (Frémeaux & Associés)

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