Heiner Goebbels: Walden / Rand Steiger: Introspective Trilogy / György Kurtág: Streichquartette
Heiner Goebbels: Walden
Der menschliche Faktor
„Walden“ (1998) war zunächst als eine Art Gegenentwurf zu den großstädtischen Bildern von „Surrogate Cities“ (1994) gedacht. Trotzdem wird man in Heiner Goebbels’ Zugriff auf Henry David Thoreaus einflussreicher Zivilisationskritik für „expanded orchestra“ keine kitschige Evokation einer Naturidylle finden. „Erweitert“ meint hier neben dem konventionellen sinfonischen Apparat ein multikulturelles Sammelsurium aus Sampler, Keyboards, E-Gitarren, Cymbalon, Didgeridoo, Koto, Harmonium, afrikanischen Perkussionsinstrumenten sowie selbst Entworfenem von Bob Rutman (Steel-Celli und Bow-Chimes), Fred Frith (Table-Gitarren) und Hans Reichel (Daxophon). So üppig wie die Klangfarben-Palette ist auch die stilistische Vielfalt dieses prinzipiell grenzenlosen Musik-Raumes. Versatzstücke aus Pop-Musik und Jazz werden ebenso verbaut wie Elemente außereuropäischer Musik und elektronische Grooves. Nur ganz selten kratzt die polystilistische Gemengelage dabei hart am weltmusikalischen Klischee vorbei, wenn in „The Ponds“ klassische Jazz-Rock-Linien mit Tabla-Rhythmen unterfüttert werden. Neben der angenehm unvorhersehbaren Form, die mit harten Schnitten immer neue gute Ideen bereit hält, ist es auch Bob Rutman zu verdanken, dass „Walden“ nicht Gefahr läuft, zum Crossover zu degenerieren. Er gibt als undomestizierter Erzähler und Lautaktivist die lockeren Impressionen der literarischen Vorlage mit derbem Charisma zum Besten. Das Ensemble Modern Orchestra sprüht unter der Leitung von Peter Eötvös nur so vor Energie. (ECM)
Heiner Goebbels: Walden
Beeindruckend, wie die „Introspective Trilogy“ des amerikanischen Komponisten Rand Steiger (*1957) im altehrwürdigen Streichquartett klangliche Immanenz und außermusikalisch getriggerte Expressivität verknüpft. „Undone“ (2017) entstand als Transformation von Befindlichkeiten, die das Erstarken des Autoritarismus in den USA ausgelöst hatten und ist zugleich melancholische Reflexion von Steigers jüdischer Herkunft. Die wachsende Unruhe verdichtet sich zu aufwühlenden Interaktionen und verliert sich in einer traurigen Weise der Bratsche als blicke der Komponist trübe zurück in die Kindheit. „Inward“ (2017) hingegen sucht Zuflucht im Klang an sich: Vibrierende Flächen, die sich extremem Bogendruck und elektronischen Erweiterungen verdanken, weichen allmählich einem kontemplativen, orgelartigen Klang. Das Finale „Rage/Resolve“ (2024) lässt mit brachialen Klang-Massierungen keinen Zweifel über die zugrunde liegende Gefühlswelt aufkommen, bevor ein erneuter Versuch gestartet wird, sich in einen Zustand melodischer Ruhe zurückzuziehen. Die Ambivalenz von Zorn und Eskapismus verleiht den Quartetten von Rand Steiger in der ungemein intensiven Handhabe des JACK Quartetts ihren besonderen Reiz. (Kairos)
Im Schaffen György Kurtágs hat das Streichquartett eine substantielle Rolle gespielt. Blickt man auf die Tracklist dieser ersten vollständigen Gesamteinspielung des Quatuor Béla, meint man vor einem riesigen kleinteiligen Mosaik zu stehen, wo alles mit allem zusammenhängt. Die vier großen Zyklen mit ihren oft nur Sekunden dauernden Miniaturen werden eingerahmt von den Hommagen und Widmungen an wichtige Wegbegleiter des Komponisten, oft Kleinode melancholischen Angedenkens. Der Faktor Mensch ist aber auch bei den Hauptwerken ein entscheidender Impulsgeber: Das Streichquartett op. 1 (1959) ist Zeichen einer existentiell-künstlerischen Krise und Kurtágs damaliger Psychoanalytikerin Marianne Stein gewidmet. In den explosiven Psychogrammen ist alles Kommende im Keim angelegt. Absolute Meisterwerke aphoristischer Poetik verkörpern die „Zwölf Mikroludien“ op. 13 (1977/78), die Kollege András Mihály zugeeignet sind. Das 15-teilige „Officium breve in memoriam Andrae Stervánsky“ op. 28 (1988/89) gedenkt der großen Webern-Affinität beider Komponisten, während die „Six moments musicaux“ op. 44 (1999–2005) eine stilistisch heterogene Nachricht an Kurtágs Sohn Gyurinak verkörpern, am Ende „in Janáceks Manier“. Das Quatuor Béla begegnet Kurtágs Detailreichtum mit einer Präzision und Konzentration, die jede Klangfaser, jede Farbnuance Ernst nimmt. Das kristalline Klangbild tut sein übriges. (bastille musique)
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