In unregelmäßig regelmäßigen Abständen widmet sich das Stuttgarter Ensemble Aventure der lateinamerikanischen neuen Musik und hat dabei so manchen Schatz gehoben (darunter Coriún Aharunián). Hilda Paredes ist zwar 1979 als 21-Jährige nach London gegangen, war ihrer kulturellen Heimat Mexiko jedoch zeitlebens eng verbunden und hat die indigene Musik präkolumbianischer Kulturen als wichtige Inspiration empfunden, ohne sie selbst eklektisch zu stilisieren. Ihre Musik lebt von einem breiten außermusikalischen Inspirationsfeld zwischen Literatur, bildender Kunst und politischer Realität.
Hilda Paredes: Altazor - WERGO
Faszination und Verlorenheit
Das Monodram „Altazor“ (2011) widmet sich der dichterischen Vorlage des Surrealisten Vicente Huidobro mit live-elektronischen Klangerweiterungen und einer großen Bandbreite vokaler Artikulationen. Bariton Guillermo Anzorena verleiht dieser dramatischen Erzählung über Sprachverlust und Orientierungslosigkeit suggestive Anschaulichkeit. Als polyphoner Dschungel für sechs Instrumente kommt „Siphonophorae“ (2016) daher. Die komplexen Wachstumsprozesse gehen auf eine Skulptur von Thomas Glassford zurück. Dass Hilda Paredes’ Klanggestaltung insgesamt eine geradezu skulpturale Haptik auszeichnet, beweist auch die Raumkomposition „Epitafio“ für Kammerensemble und Elektronik (2021), ein Requiem für Paredes’ Mutter. (Wergo)
„Dépaysement“ ist ein Begriff im Französischen, der ein Gefühl des Fremdseins zwischen Faszination und Verlorenheit beschreibt und nicht von ungefähr hat Yongbom Lee, 1987 in Seoul geboren, später in London und Sydney, jetzt in Leipzig aktiv, eines seiner Stücke so betitelt. Als Grenzgänger zwischen den Kulturen ist er auch ästhetisch an den Zwischenräumen und Ambivalenzen der Wahrnehmung interessiert: dazu verbindet er Elektronik und Instrumentalklang, Konstruktion und Spontaneität, Statik und Bewegung zu bemerkenswert differenzierten Klangräumen. „Ich möchte eine Sensibilität für dasjenige entwickeln, was über das binäre Denken hinausgeht“, betont Lee. Oft kommt das als innerlich bewegtes, am Ende aber schwer berechenbares Kontinuum mit überraschenden Beleuchtungswechseln daher: „Stasis Field“ für Ensemble und Sampler (2023) beginnt als vibrierende Klangfläche, in der sich allmählich melodische und harmonische Konturen etablieren. Darin werden feine Geräuschschattierungen ebenso produktiv wie Spurenelemente tonaler Harmonik. Lees Interesse am ästhetischen Potential neurobiologischer Vorgänge schlägt sich in „Continuous Deformation“ für Violoncello und Elektronik (2024/25) nieder. Hier werden die Gehirnströme der Cellospielerin in ein Klangkontinuum übertragen, dessen Intensität stetig anwächst, bevor melodische Synthesizer-Partikel das Geschehen unvermittelt wieder in eine ganz andere Richtung bewegen. Von Yongbom Lee wird man noch Einiges hören! (Wergo/Podium Gegenwart)
Die aktuelle Ausgabe der musica viva-Reihe erfreut mit zwei selten eingespielten Orchesterwerken Helmut Lachenmanns. Kein Wunder, denn nicht viele Tubisten auf dieser Welt dürften Lachenmanns „Harmonica – Musik für großes Orchester mit Tuba“ (1981–83) gewachsen sein. Was Solist Stefan Tischler und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Leitung von Simon Rattle hier aber zuwege bringen, darf man ohne Übertreibung als furios bezeichnen! Mit hörbarer Energie werfen sich alle Beteiligten in die skurrile Überdrehtheit dieser Partitur, die manchmal Züge eines anarchischen Scherzos annimmt. Flüchtigste Manifestationen der Klanggebung sind dabei ebenso gefragt wie rhythmische Prägnanz. In zwei „Kadenzen“ geistern ziselierte Luft-, Atem- und Mischklänge von Instrument und Stimme über metronomartig tickenden Rhythmus-Schleifen. Ganz anders, aber nicht minder beeindruckend, nimmt hier „Klangschatten – Mein Saitenspiel“ (1972) unter dem Dirigat von Matthias Hermann Gestalt an. 48 Streicher und 3 Konzertflügel lassen es im wahrsten Sinne des Wortes Krachen: Kantige Tutti-Schläge zerschießen einen Klangraum, indem die „Schatten“ genauso wichtig werden wie die klingende Materie. (BR Klassik)
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