Zum 100. Geburtstag des unvergleichlichen Morton Feldman sind einige feine Veröffentlichungen erschienen +++ Walter Zimmermann kannte Feldman noch persönlich und offenbart in seinem ‚Spätwerk‘ ebenfalls eine ertragreiche Fokussierung auf den klanglichen Augenblick, wenn auch in fasslicheren Dauer +++ Die Musik von Márton Illés verkörpert so ziemlich das Gegenteil von dem, wofür Morton Feldman und Walter Zimmermann einstehen
Musik von Márton Illés
Fülle, Leere, Körperlichkeit
Zum 100. Geburtstag des unvergleichlichen Morton Feldman sind einige feine Veröffentlichungen erschienen. Eine besonders schöne ist Florence Millet und dem JACK Quartet mit der Interpretation von „Piano and String Quartet“ (1985) geglückt: ein 80-minütiges Ein- und Ausatmen von Klang, wo beharrliche Klavier-Arpeggien im Verbund mit trüben Dämpfer-Klängen des Streichquartetts im durchgehenden dreifachen Pianissimo Zeit und Raum suspendieren. Tempomäßig liegt das im Vergleich mit bisherigen Aufnahmen ungefähr im mittleren Bereich, dennoch entfalten Feldmans zeitlupenartige Variationsprozesse hier substanzielle Gelassenheit und am Ende fast klaustrophobische Tristesse. Einen nicht zu unterschätzenden Anteil an der eindringlichen Wirkung des Ganzen hat die kluge Aufnahmetechnik. Sie weiß die sakrale Akustik des Aufnahmeortes (Immanuelskirche Wuppertal) zu nutzen und bildet gleichzeitig durch sehr nahe Mikrofonierung des Klavieres das Akkordmaterial mit kristalliner Schärfe ab. Nur so können die für das Stück konstitutiven Klavier-Resonanzen zur Geltung kommen, ohne in allgemeiner Verhallung zu verschwimmen. Klarheit und Zerbrechlichkeit geben sich in dieser beeindruckenden Einspielung die Hand. (bastille musique)
Walter Zimmermann kannte Feldman noch persönlich und offenbart in seinem ‚Spätwerk‘ ebenfalls eine ertragreiche Fokussierung auf den klanglichen Augenblick, wenn auch in fasslicheren Dauern. Eine Konzentration auf wesentliche Ausdrucksmomente bestimmen auch seine Stücke für Viola solo. Das zweiteilige „Die Sorge geht über den Fluss“ sublimiert reale Lebenssituationen ohne sie vordergründig expressiv zu verdoppeln: Teil I (1993) ist eine Trauermusik zum Tode des befreundeten Dramaturgen Stefan Schädler, mit reduzierten Klangsetzungen, die von langen Denkpausen unterbrochen werden. Auch Teil II (2000) geht ganz aus der Dialektik von „Fülle und Leere“ hervor, ist jedoch als tagebuchartiger Reflex eigener Krankheit und Genesung klangfarblich und gestisch wesentlich vielfältiger und sprunghafter gearbeitet. Spurenelemente alter Musik kommen dabei regelmäßig zum Vorschein. In „Taula“ (2003) steckt das in einer Scheinpolyphonie, die Bassregister und ätherische Flageolettklänge zusammendenkt. Das Brüchige und Verletzliche ist ein elementarer Wesenszug dieser monodischen Stücke und das führt in den „Quatro Coronati“ (1999) neben differenzierten Mischklängen auch zum Einsatz einer betont „unakademischen“ Stimme, die das Saitenspiel begleitet. Auf einer geradezu rituellen Fortspinnung kleiner Motiv-Bausteine beruht das abschließende „Sha-Ma-Yim – Skies“ (2016), das sein begrenztes Material in variierten Loops immer wieder neu und anders weiterdenkt. Bratschistin Julia Rebekka Adler gelingt hier Außerordentliches: eine gewissermaßen hellwache Kontemplation, die jede Klanggestalt feinnervig und tiefenperspektivisch durchdringt und dabei das große Ganze eindringlich vor Ohren führt. (Neos)
Musik von Márton Illés
Die Musik von Márton Illés verkörpert so ziemlich das Gegenteil von dem, wofür Morton Feldman und Walter Zimmermann einstehen: extreme Körperlichkeit des Klangs unter der Prämisse „psychophysisch-gestischer“ Energie. Die eingespielten Stücke für Streichinstrumente könnten das nicht prägnanter demonstrieren, zumal der taktile Habitus von Illés’ Klängen bei Patricia Kopatchinskaja natürlich denkbar gut aufgehoben ist. So entstehen in Solokonzerten wie „Vint-tér“ für Violine und „Sirt-tér“ für Violoncello (Nicolas Altstaedt) hypernervöse, impulsive Klangräume mit aufgeregten, manchmal ekstatischen Erzählungen der Solist:innen, in denen das Orchester als kommentierende Erregungs-Maschine fungiert. Sehr gelungene Dialoge von Violine und Elektronik offenbaren die „Three Sketches“, in denen Kopatchinskaja sich nach allen Regeln der Kunst austoben darf: Rasiermesserscharfe Expressivität mit reißenden Glissandi und gleißenden Obertonspektren verbinden sich mit der Live-Elektronik zur „Supergeige“, die am Ende zum Tanz auf dem Vulkan aufspielt. (Alpha)
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