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Brigitta Muntendorf: „Trilogie für zwei Flügel“ (2014–18)

Brigitta Muntendorf: „Trilogie für zwei Flügel“ (2014–18)

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Furor der Überforderung

Untertitel
Neue CDs neuer Musik, vorgestellt von Dirk Wieschollek
Vorspann / Teaser

Das Label bastille musique hat sich in den letzten Jahren zu einer der bemerkenswertesten Adressen für die Musik des 20. und 21. Jahrhunderts entwickelt. Manch denkwürdige Veröffentlichungen wie das Gesamtwerk Christophe Bertrands oder die „Chemins“ von Luciano Berio sind zu verzeichnen. Meilensteine der Nachkriegs­avantgarde werden ebenso vor der Vergessenheit bewahrt wie so manche Sternstunde der Gegenwartsmusik dokumentiert. Dieser doppelten Linie ist sich bm mit den jüngsten Veröffent­lichungen treu geblieben:
 

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Das Ensemble Schwerpunkt hat Iannis Xenakis’ Kammermusik mit Bläsern eingespielt und sich dafür als reines Blechbläserensemble mit illustren Gäs­ten verstärkt: Lorenzo Saulès (Klavier), Edicson Ruiz (Kontrabass) und Dirk Rothbrust (Schlagzeug). Häufig genug kommt dies interpretatorischen Kraft-Akten am Rande des Spielbaren gleich. Somit findet hier eine furiose Neubegegnung mit „Eonta“ (1963/64) für Klavier, zwei Posaunen und drei Trompeten statt: ein unglaublich intensives Stück, das mit einem haarsträubend virtuosen Klavierpart den Habitus der seriellen Musik einem Bläserpart gegenüberstellt, der immer andere Farben und Formen ausprägt, mal flächig untermalend, mal mit kreischender Aggressivität. Die Entfesselung und gleichzeitige Kontrolle von Energie ist ein wesentlicher Motor von Xenakis’ mathematisch fundierten Klangprozessen, deren oft wenig beachtete theatralische Aspekte regelmäßig überraschen. Die prekäre Beziehung von Individuum und Kollektiv wird in „Eonta“ als performative Raumkomposition mit mobilen Musikern umgesetzt. Auch „Khal Perr“ für Bläser und Perkussion (1983) verkörpert geradezu ein Hör-Theater am Rande des Rituals, wo Rothbrust das Kunststück fertig bringt, den eigentlich für zwei Spieler konzipierten Schlagzeug-Part allein hinzulegen. Thematisch etwas aus dem Rahmen fällt das wuchtige Kontrabass-Solo „Kheras“ (1972), das ruppige Rhythmus-Entladungen schwerelosen Oberton-Feldern gegenüberstellt. Klasse gespielt! (bm)

Dass bastille musique erfreulich wenig von stilistischen Schubladen hält, beweist die Eigenproduktion mit SDLW. Keine Abkürzung neuer Geschlechteridentitäten, sondern Kürzel von vier Musiker*innen, die sich zusammengefunden haben, um den Grenzbereich von Improvisation und Komposition auszumessen. Ist das Jazz? Ist das Neue Musik? Ist das nichts von beidem? Die Antwort bleibt angenehm unklar, wenn Tamara Stefanovich (Klavier), Christopher Dell (Vibraphon), Christian Lillinger (Schlagzeug) und Jonas Westergaard (Kontrabass) hier einen wahren Quartett-Furor entfachen. Ausgehend von wenigen Absprachen bricht sich eine impulsive, explosive Musik Bahn, die auf Aspekte der klassischen Avantgarde ebenso zurückgreift wie auf Improvisationspraktiken des progressiven Jazz. Stücke wie „Beograd“, „Montbrison“, „Darmstadt“ oder „New Cologne“ entwickeln dabei im temporeichen Zuspiel der Bälle eine furiose Ereignisdichte und Bewegungsenergie. Die bemerkenswerte Transparenz dieser hyperaktiven Vielstimmigkeit fußt neben dem organischen Zusammenspiel der Beteiligten auf einem Klangbild von kristalliner Klarheit. (bm)

Die Grundlagen und Mechanismen musikalischer Kommunikation sind ein gewichtiges Thema auch bei Brigitta Muntendorf, oft in hybriden Settings von Klang und Bild. Ihre „Trilogie für zwei Flügel“ (2014–18) ist eine Reflexion von Aspekten performativer Selbstinszenierung im Modus Klaviervirtuosität, vom Duo GrauSchumacher mit überragender Präzision und Energie umgesetzt. Zumal akrobatisches Multi Tasking gefragt ist: „Key of Presence“, „KreisIncrease“ und „Key of Absence“ vermischen instrumentale und elektronische Klänge, Sprache, Musik und Theater zu einer Hybris, die die Flüchtigkeit der Materie inszeniert und im Dialog mit der Musikgeschichte auch selbstreflexiv ironisiert. Die filmische Weiterentwicklung der Trilogie im „Theater des Nachhalls“ (2019/20) gewinnt aus der Körperpräsenz der Interpreten nochmal einen ganz eigenen Charme und führt die hochvirtuosen Zwiesprachen von Andreas Grau und Götz Schumacher in offene Räume des Abstrakten und Absurden. (bm; CD und Blu-ray)

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