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Monk und Kirk, zwei Originalgenies live

Untertitel
Jazzneuheiten, vorgestellt von Marcus A. Woelfle
Vorspann / Teaser

Thelonious Monk, einer der Gründerväter des modernen Jazz, wurde bis in die frühen 1950er-Jahre wenig aufgenommen. Er galt als dissonantes Kassengift und verrückter Bürgerschreck. Sein Klavierspiel war voller Ecken und Kanten und seine harmonisch vertrackten Songs galten als schlicht nicht vermittelbar.

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 In den späten 50er-Jahren wurden seine Auftritte als Sensation gefeiert und Platten zeigten, welche Faszination von seiner Musik gerade live ausging. In den 60ern, während der Brandung des Free Jazz, stand der noch vor kurzem ausgegrenzte Vater der Avantgarde als großer Klassiker da: Im Vergleich mit dem stärkeren Tobak seiner neutönerischen Kinder erschien seine klar strukturierte Musik als gut nachvollziehbar, er selbst mit seinem Outsider-Gebaren sogar vermarktbar. Kein Wunder, dass man ihn in Europa begierig aufnahm! So entstanden Klassiker wie „Monk in France“ oder „Monk in Italy“. Als er am 8. März 1965 mit Pelzmütze und gelben Schuhen in Bremen in Erscheinung trat, musizierte er mit seiner seit einem halben Jahr festen Besetzung, was auf „Bremen 1965“ nachzuhören ist. Neben Charlie Rouse, seit 1959 sein kongenialer Partner auf dem Tenorsaxophon, gehörten dem Quartett der Bassist Larry Gales und der Drummer Ben Riley an. Vor allem im zweiten Teil des Konzerts musiziert jeder mit jener tranceartigen Sicherheit, mit der Yogis durchs Feuer gehen können. Nicht, dass Monk etwa neues Material vorgelegt hätte. Er präsentierte Standards – davon „Don’t Blame Me“ als faszinierendes Solo-Kleinod – sowie vier seiner ältesten Klassiker. „Rhythm-A-Ning“ ist in seinem packenden Swing, der Gelöstheit und dem Einfallsreichtum der Musiker wohl eine der besten seiner drei Dutzend Versionen! (Sunnyside)

Als Beitrag zur „Rahsaanaissance“ veröffentlichte Resonance Records gleich zwei Fundstücke des genialen Multiinstrumentalisten Roland Kirk. Die Tatsache, dass er zwei oder drei Saxophone gleichzeitig blasen und damit eine Saxophongruppe verkörpern konnte, nahm man eher als Artistik wahr. Doch er spielte jedes einzelne seiner Blasinstrumente bereits begnadet, viele davon wie Stritch und Manzello beherrschte der Tenorsaxophonist nebenher als (fast) einziger Jazzmusiker. So hörenswert „Vibrations in the Village“ mit New Yorker Aufnahmen von 1963 auch ist, wird es vom klangtechnisch weit besseren „Seek & Listen. Live At The Penthouse“ übertroffen. Er musizierte in Seattle 1967 an zwei Abenden mit seinen regulären Begleitern Rahn Burton (Piano), Steve Novosel (Bass) und Jimmy Hopps (Schlagzeug) – eine traumhaft eingespielte Band, ein grandios swingendes, kochendes Quartett. Am ersten Abend greift Kirk zu umwerfenden Gags. So hält er in „Alfie“ etwa einen Ton „ewig” aus, denn damals war die Zirkularatmung eine noch kaum bekannte, verblüffende Technik. Im „Mingus-Griff Song“ liefert sich Kirk ein Duett, besser gesagt, einen Saxophon-Battle mit sich selbst. Ist das Publikum erst einmal so vergnüglich geködert, kann sich Kirk erlauben, ihm weit Schrägeres vorzusetzen. Bei „Happy Days Are Here Again“ ist das Quartett auf einem irren Trip und klingt wie eine betrunkene Heilsarmeekapelle bei einer Hochzeit auf dem Lande. Als die amerikanische Nationalhymne eingestreut wird und alles in Kakophonie endet, ahnt man, dass dies ein sarkastisches Statement zum damaligen Vietnamkrieg sein könnte. Am zweiten Abend wurde Kirks unnachahmliche Flötenspielweise musterhaft festgehalten, wie sie zum Beispiel Ian Anderson prägte. Er summte und sang in sein Instrument, verabschiedete sich mit Vehemenz von allen klassischen Benimmregeln, ohne als großer Melodiker deswegen gleich ins junge Free-Lager zu wechseln. In „Funk Underneath“ spielt er ein umwerfendes Bluessolo auf der Querflöte, wobei er stellenweise mit seiner kuriosen Nasenflöte duettiert, einer Sopranblockflöte mit umgebautem Mund-,
nein, Nasenstück. Sternstunden! (Resonance) 

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