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Otto Normalhörers Mysterium

Untertitel
„Der Geist der Orgel“ – ein Film, der im Kino und auf arte zu sehen ist
Vorspann / Teaser

„Die Orgel ist ein Instrument, über das die allgemeine musikbegeisterte Öffentlichkeit nur sehr wenig weiß“ stellte ein ungenannter Autor im August 1882 im „The Musical Courier“ fest. Das ist zweifellos immer noch zutreffend. Kaum ein Instrument ist so geheimnisvoll wie die Orgel. Der Kreis seiner Interpretinnen und Interpreten ist ebenso erlaucht wie klein und man sieht sie so gut wie nie. Auch von der Orgel sieht man nur ein Gehäuse und ein paar Pfeifen, der Rest ist für Otto Normalhörer ein Mysterium. Was alles an Komplexität, Technik, Geschichte und Wissen dahinter steckt, ahnen nur die Wenigsten.

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Und dennoch – oder gerade deswegen? – fasziniert die Orgel immer wieder. Ihr musikalisches wie architektonisches Erscheinungsbild ist so vielfältig wie komplex. Letztendlich dreht sich aber alles nur um heiße Luft, Luft die sich bewegt, die Schallwellen transportiert, die dann als Klänge in das menschliche Ohr gelangen und vom Gehirn als Musik erkannt werden. Bei der Orgel wird in einer Röhre ein Luftstrom erzeugt, der entweder durch eine Metallzunge oder durch eine scharfe Kante gebrochen und so dazu gezwungen wird, mit einer genau definierten Frequenz zu schwingen. Der Orgelton kann ewig klingen, vorausgesetzt es ist Strom für den Motor da, der den „Wind“ – so nennen Orgelbauer die in einer Orgel strömende Luft – erzeugt.

Mit solchen technischen Details hält sich der Dokumentarfilm „Der Geist der Orgel“ von Julian Benedikt zum Glück nicht lange auf. Ein paar Grundlagen werden – eher en passant – gestreift, ansonsten setzt der einstündige Film alles daran, der Faszination für die Königin der Instrumente nachzuspüren und selbige zu ergründen. Dafür setzt der Filmemacher auf einen Mix aus arrivierten Experten und aufstrebenden Newcomern, etwa die Organis­tin Lala Wörle. Sie versucht das angestaubte Image des Instrumentes mit hippen Sounds und unkonventionellen Clips aufzupolieren. Die Botschaft: Die Orgel ist nicht nur ein Instrument der Kirche und für Gläubige. Sie kann auch die junge Generation begeistern. Das wirkt bei ihr durchaus authentisch, weil sich hier musikalisches Können mit einem unkonventionellen, ihre Generation ansprechenden Ansatz paart.

Unkonventionell sind auch einige der Bilder, mit denen der Film beeindruckt. Einen Drohnenflug durch den Kölner Dom inklusive einiger Lichtspiele sieht man nicht alle Tage so eindrucksvoll und passenderweise schwärmt der Kölner Domorganist Winfried Bönig von der Magie des Raums und des Lichts. „Man wird aufgenommen von diesem Raum und dieser Atmosphäre“, so Bönig, für den selbige auch nach 25 Jahren in diesem Raum ganz offensichtlich nichts von ihrer Faszination verloren hat. Auch die enge Verbindung von Raum und Instrument wird in dem Film thematisiert. Jede Orgel ist schließlich ein Einzelstück, das erst in dem Raum seine Vollendung findet, für den es gedacht ist. Vor allem in der zweiten Hälfte wird der Film zuweilen ein wenig kursorisch, da hat man versucht, noch dieses und jenes Thema reinzupacken: Welche Orgel braucht es für die Ausbildung von Organisten? Der Orgelvisionär Jean Guillou. Was löst Live-Musik in den Menschen aus? Wie ist die Perspektive der Organisten auf ihr Instrument? Welche Orgeldialekte gibt es? Clavichorde werden neben Albert Schweitzer auch noch erwähnt.

Vielleicht wäre etwas weniger doch deutlich mehr gewesen. Der Film nähert sich dem Phänomen von sehr vielen Seiten: historisch, musikalisch, individuell. Naturgemäß kann kein Aspekt erschöpfend behandelt werden, eine stärkere Fokussierung hätte aber auch nicht geschadet. Gemeinsamer Nenner ist jedoch, dass im Prinzip alle Protagonisten von ihrer persönlichen Faszination durch die Orgel erzählen. Und dabei kommen angesichts so unterschiedlicher Typen wie dem Organisten Cameron Carpenter, dem Orgelprofessor Jürgen Essl oder dem Intonateur Andreas Saage auch sehr unterschiedliche Perspektiven zu Wort

Erfreulich dabei ist, dass insgesamt eines deutlich wird: Die Orgel ist kein altes Instrument, im Gegenteil, sie ist so aktuell wie nie und hat auch ein jugendliches Gesicht. Das wird nicht zuletzt durch die große Zahl der befragten Studentinnen und Studenten sowie ganz allgemein der jungen Organistinnen und Organisten deutlich. Namen wie Niklas Jahn, Mélodie Michel oder Enzo Pedretti sind die Zukunft der Orgel, die hier neben etablierten Fixsternen der Orgelwelt wie Philipp Klais, Daniel Roth oder Olivier Latry stehen. Damit spiegelt der Film zumindest einen Großteil der Bandbreite und Vielfalt der Orgelwelt. Er fokussiert sich dabei auf die Statements seiner Interviewpartner, die kommentarlos aneinandergereiht werden. Dabei kommt neben Philipp Klais, der mit seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern weltweit die größten und technisch wie musikalisch komplexesten Orgeln baut, eben auch so ein ebenso verschrobener wie sympathischer Krauter wie Rémy Mahler zu Wort, der mit einer Regentonne, einem Plastikeimer und einer Pfeife das Prinzip des Blasebalgs erklärt, so wie es vor gut 2000 Jahren entstanden ist. Damals wurde mittels Wasserdruck ein Windreservoir erzeugt, aus dem die Pfeifen mit Wind gespeist wurden. Heute gibt es dafür ein komplexes Gefüge aus Elektromotor, Reservoir- und Ausgleichsbälgen.

Der Film schneidet assoziativ viele Themen an und kommt weitgehend ohne Plattitüden aus, aber ganz umschifft er sie nicht. Ohne Johann Sebas­tian Bachs unvermeidliche d-Moll Toccata kommt wohl keine Orgeldoku aus. Hier beschränkt sich das zum Glück auf wenige Takte. Und Olivier Latry, immerhin einer der führenden Organisten unserer Tage, klimpert formvollendet Léon Boëllmanns doch recht abgedroschene Toccata aus der Suite gothique in der Pariser Kathedrale Notre-Dame – auch das hat man schon hinreichend oft gesehen. Ob Ausführungen zur Elsässischen Orgelreform (Was ist das überhaupt, wird sich Otto Normalhörer da fragen…) in diesem recht weiten Kontext nicht doch zu speziell sind, sei dahingestellt, ebenso wie manches interessante Statement recht kurz kommt – das des Orgelsammlers Sixtus Lampl etwa, der mit seinen Geschichten zweifellos eine eigene Doku wert wäre, – die er auch mühelos füllen könnte. Die Botschaft jedoch kommt rüber: Die Orgel ist ein Faszinosum, so vielfältig und farbenreich ist kein anderes Instrument. Unabhängig vom jeweiligen Wissensstand und individuellen musikalischen Fertigkeiten ist keiner davor gefeit, diesem Faszinosum zu erliegen.

Der „Der Geist der Orgel“ wird am Sonntag, den 22. März 2026, auf ARTE im Fernsehen zu sehen sein.

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