Jean Sibelius: Sämtliche Werke, Serie I (Orchesterwerke) Band 7: Symphonie Nr. 6 op. 104, hrsg. von Kai Lindberg. Breitkopf & Härtel SON 633 +++ Gustav Mahler: Symphonie Nr. 5, hrsg. von Nick Pfefferkorn und Christian Rudolf Riedel. Breitkopf & Härtel PB 5635 +++ Richard Strauss: Ein Heldenleben op. 40, hrsg. von Nick Pfefferkorn. Breitkopf & Härtel PB 5711
Gustav Mahler: Symphonie Nr. 5, hrsg. von Nick Pfefferkorn und Christian Rudolf Riedel. Breitkopf & Härtel PB 5635
Quellenchaos und ein vergessenes Andantino
Die Jean-Sibelius-Gesamtausgabe, von Breitkopf & Härtel verlegte wichtigste musikkonservatorische Aufgabe des finnischen Staats, ist auf dem Weg zur vollständigen Herausgabe der Symphonien seit einigen Jahren ins Stocken gekommen. In den 1990er-Jahren bedurfte es des kommunikativen Geschicks von Robert von Bahr, Gründer und jahrzehntelanger Eigner des schwedischen Labels BIS Records, um die Sibelius-Erben davon zu überzeugen, dass die Erstfassungen des Violinkonzerts und der 5. Symphonie sowie die sensationelle Tondichtung „Die Waldnymphe“ zur Aufführung und Aufnahme des Gesamtwerks genehmigt wurden. Während die zwei anderen Werke nun schon lange in den Erstdrucken verfügbar sind, worunter die „Waldnymphe“ erfreulich oft aufgeführt und eingespielt wird, ist also nun das Notenmaterial der Erstfassung der Fünften gerade noch rechtzeitig fertig, bevor Ende des kommenden Jahres die Schutzfrist für das Copyright ausläuft – es ist dies der von vielen am sehnlichsten erwartete Band dieser Gesamtausgabe. Warum sollte die Erstfassung der 5. Symphonie auch studieren, wer sich definitiv für die endgültige zweite Fassung entschieden hat? Eine ausführliche Besprechung steht an, wenn dann als abschließender Baustein der Symphonien-Edition auch die unübertreffliche Endfassung der Fünften Teil der Gesamtausgabe ist.
Zuvor hatte Kai Lindberg den Band mit der Sechsten Symphonie verantwortet. Neben der fast 16 Seiten umfassenden Aufzählung meist unmerklicher Korrekturen und Angleichungen hat der kritische Bericht vor allem die Dokumentation der Tempo-Problematik zu bieten, die Sibelius nachhaltig beschäftigte. Mehrfach beklagte er unter Zeugen, dass der 2. Satz viel zu hastig gespielt würde. Nach seiner Auskunft gab es einen Wechsel in der allgemeinen Musizierhaltung zwischen der Entstehungszeit (Uraufführung 1923) und den 1940er-Jahren: Früher habe man zum Schleppen tendiert, jetzt sei es meist übereilt. Abgesehen von wertvollen Detailanweisungen zu allen Sätzen, die Jussi Jalas von Sibelius entgegennahm, zitiert Jalas Sibelius, dass in der Ersteinspielung unter Georg Schnéevoigt (1934) der 2. Satz verschleppt wurde. Aus Angst vor dieser Tendenz hatte Sibelius den Satz im Erstdruck statt mit „Andante“ als „Allegretto moderato“ bezeichnet. Als sich dann nicht zuletzt demzufolge eine zu schnelle Aufführungstradition durchsetzte, bereute Sibelius seine Bezeichnung und insistierte mehrfach (gegenüber Jalas, seinem Sekretär Santeri Levas und dem Dirigenten Simon Parmet), die korrekte Vorschrift sei „Andantino“, und bestätigte, dies auch dem Verlag (Wilhelm Hansen) mitgeteilt zu haben. Da sich ein solcher Nachweis aus erster Hand nicht auffinden ließ, beschloss der Herausgeber, die irreführende Angabe „Allegretto moderato“ auch in der Gesamtausgabe unangetastet zu lassen. Wer den kritischen Bericht nicht studiert, wird diese Problematik gar nicht zur Kenntnis nehmen. Wenigstens wäre in der Partitur zu Beginn des Satzes ein Hinweis dringend erforderlich gewesen. Das muss in der Paperback-Ausgabe nachgetragen werden. Alles andere ist falsch verstandene Pietät. Davon abgesehen liegt nun natürlich endlich eine definitive Ausgabe des Werkes vor, zu der es keine gleichwertige Alternative gibt.
Breitkopf & Härtel kümmert sich mit Urtext-Editionen neben den modernen Gesamtausgaben von Mendelssohn oder Sibelius nicht nur um die großen Klassiker von Beethoven über Schumann zu Brahms. Auch Tschaikowsky, Strauss und Ravel bilden besondere Schwerpunkte. Mit immensem editorischen Aufwand entsteht nach und nach vor allem eine kritische Gustav-Mahler-Ausgabe, die damit beworben wird, dass „erstmals alle Symphonien aus einer Verlegerhand“ zu beziehen sein werden und überall ausreichend Platz für Einzeichnungen in den Stimmen berücksichtigt wird — mithin, eine wirklich praktische Urtext-Ausgabe, und das mir vorliegende Beispiel, die von Christian Rudolf Riedel und Nick Pfefferkorn herausgegebene 5. Symphonie, scheint mir einen Idealfall verlegerischer Sorgfalt darzustellen. Während ich die Vorworte von Constantin Floros vor allem für einen gelungenen PR-Coup halte, ist der Revisionsbericht maßstabsetzend, denn er hatte nicht nur den Vorteil, aufgrund mittlerweile erfolgter Übersicht über die chaotische Quellenlage die blinden Flecken des Gesamtausgabe-Bands von Reinhold Kubik (Universal Edition 2002) zu ergänzen und korrigieren, sondern lässt überhaupt erstmals die Interessenten umfassend an der zeitlichen Einordnung und Bewertung der verschiedenen Revisionen in Partituren und Stimmenmaterial teilhaben. Da Mahler starb, bevor er die Überarbeitung seiner Fünften abschließend autorisieren konnte, oblag hier vieles der kritischen Abwägung der Herausgeber, weshalb man wohl auch auf das „Urtext“-Gütesiegel verzichtete. Für mich jedenfalls ist diese kritische Neuausgabe nunmehr eindeutig die erste Wahl bei einer Musik, um die sich schon so viele Koryphäen bemüht haben.
Gustav Mahler: Symphonie Nr. 5, hrsg. von Nick Pfefferkorn und Christian Rudolf Riedel. Breitkopf & Härtel PB 5635
Wo die Quellenlage eindeutig ist, wird das Prädikat „Urtext“ selbstverständlich in Anspruch genommen. So kommt man – wie schon bei der „Alpensymphonie“ – mit der kritischen Neuausgabe von Richard Strauss’ „Ein Heldenleben“ (inklusive der Erstfassung des Schlusses) der Strauss-Ausgabe des Musikwissenschaftlichen Instituts der Münchner LMU, die im Schott-Verlag erscheint, zuvor – auf exzellentem Niveau. Die Frage, ob solcher editorische Wettbewerb nötig ist, wo allseits mit großer Akribie gearbeitet wird und der Komponist einst selbst für ein in Anbetracht der Komplexität seiner Musik sehr geringes Ausmaß an Irrtümern gesorgt hat, ist allerdings zu stellen. Wie sinnvoll wäre es, man würde sich hier mehr auf Unterrepräsentiertes konzentrieren, wie man dies bei Breitkopf ja bereits mehrfach im Fall Joachim Raff getan hat! Wir bräuchten beispielsweise dringend eine Erstausgabe der visionären und zukunftsweisenden Symphonien von Charles Tournemire, eine Urtext-Gesamtausgabe der so schmalen wie exquisiten Œuvres von Jean Louis Nicodé (einst Hauskomponist bei Breitkopf und der führende Programmsymphoniker neben Strauss) und Paul Büttner, und auch bei den Schweizern Hans Huber und Hermann Suter wäre viel zu tun, darunter immer wieder Erstdrucke – um nur einige weitere Meister aus der Epoche Mahler-Strauss-Sibelius zu nennen.
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