Unter gemeinschaftlicher Organisation des Universitätsklinikums Leipzig, der Hochschule für Musik und Theater Leipzig sowie des Arbeitskreises Musik in der Jugend (AMJ) stand das 22. Leipziger Symposium zur Kinder-und Jugendstimme wie im letzten Jahr unter dem Leitthema „Perspektiven“ – eine bewusst gesetzte Kontinuität. Waren 2025 „Zukunftswelten“ der Ausgangspunkt, rückte 2026 die Frage nach den „Heimaten“ in den Fokus. Als „Herz und Seele“ des Symposiums prägte erneut Prof. Michael Fuchs die drei Tage – moderierend, kommentierend, verbindend. Sein Vortrag „Was ist stimmliche Heimat aus phoniatrischer Sicht“ führte klinische Erfahrung und wissenschaftliche Perspektive zusammen.
Chorleiter Markus Detterbeck beim Symposium zur Kinder- und Jugendstimme Leipzig. Foto: © Nils Ole Peters
Präzise, interdisziplinär und praxisnah
In vier Workshops wurde das Leitthema aus unterschiedlichen Richtungen praktisch erschlossen: Markus Detterbeck verband Impulsreferat und spontanes Gruppenmusizieren zu einem Format, das sofort in die Praxis führte und machte den Begriff „Heimat“ als körperlich spürbares Zugehörigkeitsgefühl erfahrbar. Siegfried Macht verfolgte die Spuren des sakralen Singetanzes durch die Jahrhunderte und setzte geistliche Volkslieder in Bewegungsformen um.
Mit viel Humor führte Susanne Maria Lang ihren Workshop ins Jodeln ein. Der hörbar gemachte Registerwechsel wurde einerseits als stilistisches Mittel in Volks-, Pop- und Rockmusik verortet, andererseits als alltagstaugliche Übung dargestellt. Nepomuk Riva stellte eine Frage, die sich in vielen musikpädagogischen Kontexten derzeit zuspitzt: Ist internationaler Austausch im multikulturellen Zusammenleben legitim – oder potenziell problematisch in der Ausbeutung durch kommerzielle Vermarktung?
Einen markanten Akzent setzte der Hauptvortrag „Natürliche Umgebung und psychische Gesundheit“ von Andreas Meyer-Lindenberg. Er präsentierte Studienbefunde zum Stadt-Land- Gefälle und zur Gehirnforschung unter dem Aspekt seelischen Wohlbefindens und formulierte zugespitzt: „Städte machen unglücklich“ – verbunden mit der Forderung, Städte müssten lebenswert gestaltet werden.
Welche Lieder stiften heute noch generationenübergreifend Gemeinschaft? Unter dieser Frage stand der Plenums- Workshop „Und alle stimmen ein! – Volkslied 3.0, Schlager und Hits für wirklich alle“ unter der Moderation von Markus Detterbeck und Robert Göstl. Ausgangspunkt war eine (nicht repräsentative) Umfrage im choraffinen Umfeld mit bemerkenswertem Ergebnis: Weihnachtslieder lagen über Altersgruppen hinweg mit deutlichem Abstand vorn. Es folgten traditionelle Lieder sowie internationale Pop- und Schlagertitel, die zunehmend „Traditionscharakter“ annehmen.
Einen weiteren Höhepunkt markierte der Plenums-Workshop „Voice Distortions: Cultural Context, Science, and Practice“ von Mauro Fiuza, aus Madrid. In ausgesprochen kurzweiliger, zugleich hochkonzentrierter Form führte er in die Welt künstlerisch eingesetzter Stimmverzerrungen ein, wie sie etwa in bestimmten Pop-, Rock-und Metal-Ästhetiken, in folkloristisch geprägten Traditionen oder im experimentellen Singen gezielt als Ausdrucksmittel genutzt werden.
Ein moderiertes Bühnengespräch zum Gebrauch und Missbrauch von Begriffen und Liedern stand unter der Leitfrage „‚Wir sind das Volk!‘ – aber wer ist ‚wir‘ und was ist ‚das Volk‘?“ Moderator Robert Göstl fand in Dr. Regina Görner und Regina von Dinther zwei diskurserfahrene, streitbare Gesprächspartnerinnen. Das Gespräch bewirkte eine notwendige Erweiterung der Thematik „Heimaten“: Wenn Stimme, Repertoire und Gemeinschaft verhandelt werden, ist der gesellschaftliche Resonanzraum nicht optional, sondern konstitutiv.
Weitere Vorträge differenzierten das Bild: Ilse-Christine Otto und Sascha Wienhausen zeichneten den Transfer von Lehrplänen in den Bildungsalltag („Singen nach Plan“) historisch nach, Prof. Csaba Földes (Erfurt) führte in „Bildungssprache Deutsch und mehrsprachige Lernende“ ein und Prof. Johann van der Sandt (Bozen) entfaltete drei Dimensionen von Heimat: die „Erinnerte Heimat“, die „Begegnete Heimat“ und die „Heimat im Werden“. Walter Prettenhofer (Berlin/Wien) bot schließlich mit „Heimat Dialekt – Vielfalt des Sprechens – Dialekt auf der Bühne“ eine lebendige Systematisierung der verschiedenen Sprachformen und Dialektarten.
Traditionell ergänzten musikalische Beiträge den wissenschaftsorientierten Teil. Den Auftakt gestaltete die Schola cantorum Leipzig unter der Leitung von Bernhard Steiner mit einem eindrucksvollen Vortrag etwa mit Werken von Henry Purcell oder John Rutter („A Gaelic Blessing“) sowie dem „Chor der Hexen“ aus Verdis Macbeth. Johanna Nickol stellte unter dem Leitgedanken „Vielstimmige Heimaten im Einklang“ ihren eigenen Chorsatz „Through unity we rise“ vor. Als Leipziger Lokalmatadore spannten die Mitglieder des Vokalensembles amarcord im abendlichen Abschlusskonzert mit Werken aus dem europäischen und asiatischen Kulturkreis sowie aus Renaissance, Romantik und Moderne einen weiten musikalischen Bogen. Ein nachmittägliches „Musikalisches Intermezzo“ verband amarcord darüber hinaus mit dem jungen Thomanernachwuchs der Grundschule „Anna Magdalena Bach“. Die Knaben sangen mit sichtbarer Selbstverständlichkeit an der Seite der großen Kollegen – unter anderem Bachs „Jesus bleibet meine Freude“ und das thüringisch-sächsische Volkslied „Ade zur guten Nacht“. Den künstlerischen Schlusspunkt setzte der Weltmusik-Preisträger Ezékiel Nikiema („Ezé“). Er überzeugte nicht nur musikalisch in seiner mitreißenden eigenen Performance und aktivierend in den Mitmachmomenten, sondern verband sein Musikmachen mit einem Vortrag erzählerischer Reflexion über seine Identität als People of Color in Deutschland.
Das Leipziger Symposium 2026 zeigte eindrucksvoll, wie fruchtbar der Fokus auf den Begriff „Heimaten“ werden kann, wenn er fachlich präzise, interdisziplinär und praxisnah verhandelt wird: als physiologische Optimalzone, als sozialer Resonanzraum, als kulturelle Aushandlung – und nicht zuletzt als klingende Praxis. Das nächste Symposium findet unter dem Thema „Stimme in Funktion, Ausdruck und Haltung“ von 26. bis 28. Februar 2027 statt.
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