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Konzert in Donaueschingen: Emma Tjorven Koller (Querflöte), Amàia Palet Sabater (Oboe), Maurice Providoli (Klavier), Theodor Arnoldt (Horn), Tamar Mosig (Fagott), Arthur Mosig (Klarinette). Foto: Jörg M. Thomé

Konzert in Donaueschingen: Emma Tjorven Koller (Querflöte), Amàia Palet Sabater (Oboe), Maurice Providoli (Klavier), Theodor Arnoldt (Horn), Tamar Mosig (Fagott), Arthur Mosig (Klarinette). Foto: Jörg M. Thomé

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Was hinter zehn Tagen Kammermusik steckt

Untertitel
Ein Blick hinter die Kulissen des Deutschen Kammermusikkurses Jugend musiziert
Vorspann / Teaser

Zehn Tage Kammermusik – und mo­natelange Vorbereitung. Der Deut­sche Kammermusikkurs Jugend mu­siziert ist eine der wichtigsten An­schlussförderungen für junge Musi­kerinnen und Musiker in Deutschland. Seit mehr als 50 Jahren bringt er Bundespreisträger:innen des Wettbe­werbs zusammen, die in wechselnden Besetzungen anspruchsvolle Werke er­arbeiten. 2026 fand der Kurs vom 20. bis 30. August an der Bundesakademie für musikalische Jugendbildung Tros­singen statt. 

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Was nach zehn intensiven Musik­tagen aussieht, beginnt lange vorher. Kursort und Termine müssen gefunden, Dozent:innen gewonnen, Bewerbungen gesichtet und Ensembles zusammengestellt werden. Unterkunft, Verpflegung, Probenräume, pädagogische Betreuung und Konzerte kommen hinzu. „Am Ende soll für die Teilnehmer:innen möglichst selbstver­ständlich wirken, was im Hintergrund lange vorbereitet und immer wieder ab­gestimmt wurde“, sagt Kristof Gerlach, der den Kammermusikkurs plant und organisiert. 

Besonders anspruchsvoll ist die Zu­sammenstellung der Ensembles. Vo­raussetzung für die Teilnahme ist ein erster, zweiter oder dritter Preis beim Bundeswettbewerb Jugend musiziert. Da sich traditionell fast doppelt so viele Bundespreisträger:innen bewerben als Plätze zur Verfügung stehen, gilt es nicht nur, die passenden Musiker:innen auszuwählen. Auch die Frage, welche Besetzungen sich aus dem gesamten Bewerberfeld bilden lassen, spielt eine entscheidende Rolle.

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Auch bei Jenga ist Teamgeist gefragt. Foto: Franziska Smolarek

Auch bei Jenga ist Teamgeist gefragt. Foto: Franziska Smolarek

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Die meisten jungen Musiker:innen bewerben sich einzeln. Daraus entste­hen Ensembles, die teilweise erst in Trossingen zum ersten Mal miteinan­der musizieren. Jede und jeder arbei­tet in unterschiedlichen Besetzungen und studiert bis zu drei Werke ein. So treffen musikalische Erfahrungen und Persönlichkeiten aufeinander, die vor­her oft noch nichts miteinander zu tun hatten. 

Damit daraus am Ende Musik wird, braucht es einen ausgeklügelten Un­terrichtsplan. 50 Teilnehmer:innen, 25 bis 30 Werke und 7 Dozent:innen müssen miteinander koordiniert wer­den. Kein Ensemble kann proben, wenn eines seiner Mitglieder gleich­zeitig an einem anderen Werk arbei­tet. Gleichzeitig verändert sich die Probenarbeit täglich: Ein Ensemble benötigt mehr Zeit, ein anderes möch­te einen bestimmten musikalischen Aspekt vertiefen. Der Plan muss des­halb präzise sein – und trotzdem fle­xibel bleiben. 

Auch die Konzertprogramme entste­hen nicht am Reißbrett. Welche Werke am Ende öffentlich aufgeführt werden, entscheidet sich während des Kurses. Erst die tägliche Probenarbeit zeigt, welches Stück oder welcher Satz tat­sächlich bühnenreif ist. Organisatorisch bedeutet das zusätzliche Flexibilität, musikalisch eröffnet es den Ensembles aber die Freiheit, sich entsprechend ih­rer Entwicklung zu präsentieren. 

Dabei geht es in Trossingen vor Ort um mehr als das Einstudieren von Lite­ratur. Kammermusik bedeutet zuhören, reagieren, eigene Vorstellungen einbrin­gen und zugleich Verantwortung für das gemeinsame Ergebnis übernehmen. Ge­nau dieses Zusammenspiel macht den besonderen Wert des Kurses aus. 

Deshalb gehört auch das Leben au­ßerhalb der Proben zum Konzept. Die jungen Musiker:innen verbringen zehn Tage gemeinsam, essen zusammen, tauschen sich aus und lernen einan­der kennen. Ein pädagogisches Team begleitet den Kurs und ist auch für die minderjährigen Teilnehmer:innen An­sprechpartner. Die räumlichen Voraus­setzungen in der Bundesakademie un­terstützen dieses Miteinander: Proben, Wohnen, Essen und Erholung können an einem Ort stattfinden. 

Finanziert wird der Kurs von der Deut­scher Musikrat gGmbH, dem Bundes­ministerium für Bildung, Familie, Seni­oren, Frauen und Jugend, der Sparkas­sen-Finanzgruppe und der Strecker- Stiftung in Mainz sowie durch einen Eigenanteil der Teilnehmer:innen. 

Was bleibt nach diesen zehn Ta­gen? Natürlich musikalische Impulse, neue Literatur und Erfahrungen in un­terschiedlichen Besetzungen. Doch mindestens ebenso wichtig sind die Begegnungen. Aus Musiker:innen, die sich nie über den Weg gelaufen sind, werden innerhalb weniger Tage Kammermusikpartner:innen – manch­mal sogar Freund:innen und langfristige musikalische Wegbegleiter:innen. 

Genau darin liegt für Kristof Gerlach ein besonderer Moment: „Menschen, die sich vorher vielleicht noch nie be­gegnet sind, stehen wenige Tage spä­ter gemeinsam auf einer Konzertbühne. Wenn dann hörbar wird, was in dieser kurzen Zeit entstanden ist, wird auch die monatelange Arbeit hinter den Ku­lissen sichtbar.“ 

Der Deutsche Kammermusikkurs blickt inzwischen auf mehr als fünf Jahrzehnte Tradition zurück. Sein An­spruch bleibt dabei zeitgemäß: musi­kalische Qualität mit persönlicher Ent­wicklung zu verbinden. Neben der in­tensiven Probenarbeit gehören deshalb auch Themen wie Musikwissenschaft und Musiker:innengesundheit zum Programm. Die Tradition soll bleiben – gleichzeitig soll der Kurs offen dafür sein, was junge Musiker:innen heute brauchen. 

So entsteht aus einem organisato­rischen Puzzle am Ende etwas, das sich nicht planen lässt: gemeinsames Musi­zieren, neue Verbindungen und musi­kalische Erfahrungen, die weit über die zehn Tage Kammermusikkurs in Tros­singen hinausreichen.

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Prof. Angelika Merkle bei einer Ensembleprobe. Foto: Daniel Schenk

Prof. Angelika Merkle bei einer Ensembleprobe. Foto: Daniel Schenk

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Gespräch mit Angelika Merkle 

Die künstlerische Leitung des Kammer­musikkurses lag in diesem Jahr in den Händen der Pianistin Angelika Merkle, Professorin für Klavier-Kammermusik an der Hochschule für Musik und Dar­stellende Kunst Frankfurt am Main. 

neue musikzeitung: Was ist das Be­sondere an diesem Kammermusik­kurs? 

Angelika Merkle: Das Besondere ist die Zielgruppe, welche Jugendliche in einer Altersspanne zwischen 12 und 21 Jahren anspricht und sie in einen Erst­kontakt mit ausführlicher, genauer En­semble-Arbeit und während der zehn­tägigen Kursdauer vor allem zu gegen­seitiger Inspiration durch Kammermu­sik bringt. 

nmz: Wie haben Sie die Stücke ausge­wählt, die während des Kurses erar­beitet wurden? 

Merkle: Für den Deutschen Kammer­musikkurs wurde vor vielen Jahren ein Repertoirekatalog erstellt. Diesen habe ich in diesem Jahr durch Werke des späten 20. beziehungsweise des 21. Jahrhunderts ergänzt. Die festen Ensembles und die Einzelbewerber – und -bewerberinnen konnten ihre Wunschstücke ankreuzen. In vielen Fällen konnte ich diese Werkwünsche erfüllen. 

nmz: Worauf haben Sie bei der mu­sikalischen Arbeit mit den Teilneh­merinnen und Teilnehmern besonders geachtet? 

Merkle: Das Dozierendenteam aus Prof. Jörg Michael Thomé (Fagott), Prof. Stephan Imorde (Klavier), Prof. Jan Ickert (Violoncello), Prof. Susan­ne Stoodt (Violine), Dr. Anatol Riemer (Musikwissenschaft), Valentin Keogh (Alexandertechnik) und mir hat die Kernthemen der Kammermusik für un­terschiedliche Niveaustufen vermittelt und für jedes Ensemble einen indivi­duellen Weg finden können. Die Aus­einandersetzung mit der Partitur, das Erarbeiten der einzelnen Stimmen, das Zusammenfügen in einen gemein­sam atmenden, artikulierten und har­monisch verstandenen Klang waren dabei die wichtigsten Aspekte. 

nmz: Wie wichtig ist die Zusammen­setzung der einzelnen Ensembles? 

Merkle: Die schwierigste Aufgabe als Kursleiterin ist die Zusammenset­zung der Ensembles. Als Informati­on dienten mir das Geburtsjahr, die Punktzahlen im Bundeswettbewerb, die jeweilige Kategorie und die Wün­sche bezüglich der ausgewählten Werke. Es kann vorkommen, dass Teilnehmende in einer Gruppe zu­sammenspielen, in der es ein hervor­ragend ausgeglichenes Niveau gibt. Die „Aktenlage“ allein ist aber nicht immer einschätzbar, sodass es Überle­gungen gab, ob eine kurze Vorstellung per Video die Ensembleeinteilung er­leichtern würde. 

nmz: Was macht für Sie ein gutes Kammermusik-Ensemble aus? 

Merkle: Für den Kurs: eine sehr gute Vorbereitung im Vorfeld des Kurses, das Kennen der Partitur, also nicht nur der eigenen Stimme. Wenn dies gegeben ist, geht es als höchsten An­spruch um einen eigenen Ensemble­klang. Dieser kann sich natürlich nicht in zehn Kurstagen entwickeln. Aber es gab manch unvergessliche Darbietung in den Konzerten in Rottweil, Donaueschingen und Trossingen, in denen das Aufnehmen und Senden von Im­pulsen, das Erfassen der Struktur, das Sprechen am Instrument, der Phrasie­rung, des Textes hinter dem Noten­text und der Umgang mit der Zeit in ein paar Ensembles zum Klingen kam. Das hat uns alle wirklich berührt! 

nmz: Gibt es ein Werk, das Sie beson­ders gerne mit jungen Musikerinnen und Musikern erarbeiten? 

Merkle: Das kommt auf den Rei­fegrad der Musikerinnen und Musi­ker an. Wenn die Jugendlichen bereits sehr gut am Instrument ausgebildet sind und oft über ihren Instinkt ei­nen emotionalen Zugang zur Musik haben, kann man mit Meisterwerken der Klassik und der Romantik erste Türen öffnen. Es gibt aber auch weni­ger komplexe Stücke, die goldrichtig für Jugendliche in diesem Alter sind. 

nmz: Welche musikalischen Fähigkei­ten können die Teilnehmer:innen hier besonders weiterentwickeln? 

Merkle: Sie erhalten erst einmal ein Werkzeug für strukturelles Üben und für effektive Proben im Ensemble. In diesem Jahr hatte ich den Musikwis­senschaftler Dr. Anatol Riemer ein­geladen, um mit den Teilnehmenden auf jeweils altersgerechte Weise über die Form der vorbereiteten Werke zu sprechen. Zudem war es meinen Kol­leginnen und Kollegen wichtig, die Verbindung von Körper und Klang erfahrbar zu machen. Einen gemein­samen Atem für Phrasierungen und den Reichtum von harmonischer Spra­che und von Rhythmus zu finden. 

nmz: Wie viel Freiheit geben Sie den Musikerinnen und Musikern bei der Interpretation? 

Merkle: Gedankliche Freiheit und das Fördern von Kreativität sind für mich Grundpfeiler. Aus Enge kann nichts Blühendes entstehen. Aber um musika­lische Freiheit leben zu können, müs­sen die Jugendlichen erst einmal die Grundlagen verstanden haben. Aber im Erfinden von „Szenen“ und Bildern als Hilfsmittel für das Erspüren von Atmo­sphäre waren keine Grenzen gesetzt. 

nmz: Was ist für Sie persönlich das Schönste daran, einen Kammermusik­kurs zu leiten? 

Merkle: Die frühe Förderung und die damit einhergehende Inspiration ge­meinsamen Erlebens von Musik. Ich freue mich sehr, dass der Deutsche Kammermusikkurs nach dreijähriger Pause wieder durchgeführt werden konnte. Den Jugendlichen den Reich­tum der Kammermusik nahe bringen zu dürfen, sie in ihrer Phantasie und ihrer Ernsthaftigkeit zu fördern. 

nmz: Was war für Sie ein besonderer oder überraschender Moment wäh­rend des Kurses? 

Merkle: Alle Teilnehmenden haben ab dem ersten Kurstag eine Verpflichtung gespürt, das Beste für ihre jeweiligen Ensembles zu geben. Natürlich gibt es Unterschiede im Spielvermögen, aber die Mitfreude mit exzellenten Leistun­gen war so ehrlich und pur, dass alle Jugendlichen als Spielende und Hö­rende daran gewachsen sind.

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