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Eine Frau mit schwarzem Kleid, rotem Lippenstift, Ohrringen und silbernen Haaren.

Anja Schlenker-Rapke. Foto: Margot Jehle

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Honorarstandards für Musikschaffende

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Interview mit Anja Schlenker-Rapke
Vorspann / Teaser

Der DTKV Baden-Württemberg veröffentlicht seit 2017 jährlich Honorarstandards für den Musikbetrieb. Anja Schlenker-Rapke, stellvertretende Vorstandsvorsitzende des DTKV Baden-Württemberg, steht dem Referat, das für die Entwicklung und Veröffentlichung sorgt, seit dessen Gründung vor. Beruflich ist sie seit 2012 selbständig in ihrem Atelier für Stimmkunst in Baden-Baden tätig, seit 2018 dirigiert sie zudem regionale und überregionale Ensembles wie etwa den Philharmonischen Chor Baden-Baden oder den Deutschen Ärztechor. Zusätzlich coacht sie deutschlandweit für Opern- und Musicalprojekte Chöre und einzelne Sänger. Die Redaktion des DTKV hat mit ihr ein Gespräch über die Honorarstandards des DTKV geführt.

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DTKV: Sie sind beruflich vielfältig engagiert und arbeiten in vielen verschiedenen musikalischen Feldern. Was bewegt Sie, sich zudem im Vorstand des DTKV Baden-Württemberg zu engagieren?

Anja Schlenker-Rapke: Das Engagement im DTKV Baden-Württemberg ist mir ein großes Anliegen, da ich sehr dankbar bin für alles, was mir das Leben geschenkt hat. Gerne möchte ich von meinem eigenen Erfolg und meiner Reputation in den Berufsstand, vor allem für die jüngeren Kolleginnen und Kollegen, etwas einbringen. So bin ich seit 2015 Mitglied des baden-württembergischen Landesvorstandes, seit 2021 stellvertretende Vorsitzende. 

DTKV: 2017 veröffentlichte der DTKV Baden-Württemberg als erster Landesverband Honorarstandards, weitere Landesverbände zogen nach. Warum war es notwendig, einheitliche Honorarstandards für Musiker zu schaffen?

Schlenker-Rapke: Die Honorarstandards wurden 2017 ins Leben gerufen, um die sich damals immer weiter nach unten drehende Honorarspirale aufzuhalten. Lehrkräfte und Musizierende, die sich preislich gegenseitig unterbieten, gefährden langfristig das Überleben des gesamten Berufsstandes. Uns war es wichtig, den Wert professioneller Musik in Zahlen nach außen darzustellen und klarzumachen, wie kostenintensiv und aufwändig ein Musikstudium und der Weg dorthin seit früher Kindheit ist. Die Honorarstandards bieten eine Orientierung für Musikschaffende in Konzert und Lehre. Sie dienen auch als Argumentationshilfe gegenüber Auftraggebern und Eltern. Daher war es wichtig, das Zahlenwerk auf ein gut recherchiertes Fundament zu bauen und möglichst viel Fachexpertise einzubringen. Wir haben daher 2016 eine Arbeitsgruppe gegründet, die unter meiner Leitung die Zahlen entwickelte. Etwa 10 Musikerinnen und Musiker aus den unterschiedlichsten Genres (Jazz, Klassik, Kirchenmusik, Lehre, Elementare Musikpädagogik et cetera) trafen sich regelmäßig ein Jahr lang in Stuttgart. Das war schon ein großartiges, ehrenamtliches Engagement aller Beteiligten.

DTKV: Das Referat hat unter Ihrer Leitung in diesem Jahr die neunte Auflage der Honorarstandards veröffentlicht. Welche Entwicklungen und Änderungen haben sich seit der Erstauflage ergeben?

Schlenker-Rapke: Jedes Jahr habe ich als Referatsleiterin zur Mitgliederversammlung im Sommer eine Neuauflage der Honorarstandards präsentiert. Diese hat sich aus dem ganzjährigen, stetigen Austausch mit unseren Mitgliedern entwickelt. Weitere Rubriken (z. B. Studiomusiker/in, Musikvermittlung, Elementare Musikpädagogik, Chorische Stimmbildung) wurden im Lauf der Jahre hinzugenommen. Die praktische Erfahrung unserer Mitglieder, was realistisch oder wünschenswert ist – etwa bei der Gestaltung von Hochzeitsfeiern oder Partys floss hierbei ein. So sind die baden-württembergischen Honorarstandards immer am Puls der Zeit, berücksichtigen auch die Inflation und bilden das ab, was Musikschaffende verdienen müssen. Mittlerweile sind die baden-württembergischen Zahlen in der ganzen Bundesrepublik verbreitet und werden regelmäßig in Musiker-Foren auf Social Media-Plattformen geteilt. Das Honorarniveau hat sich so maßgeblich auf einem höheren Level stabilisiert. 

DTKV: Auch andere Verbände und Institutionen – etwa der Deutsche Musik­rat, ver.di oder unisono – veröffentlichen Honorarstandards für ihre Mitglieder, die im Leitfaden des DTKV berücksichtigt werden. Inwiefern besteht eine Kommunikation zwischen den verschiedenen Einrichtungen?

Schlenker-Rapke: Natürlich stehe ich permanent im Austausch mit den genannten Verbänden und Institutionen. Unsere Stundensätze orientieren sich seit jeher an den Tarifen von ver.di, ebenso gleichen sich die Empfehlungen für die Tätigkeit in freien Orchestern und Chören von unisono (ehemals Deutsche Orchestervereinigung) mit unseren Zahlen. Regelmäßig vergleiche ich die Zahlen von Baden-Württemberg mit denen aus anderen Bundesländern und anderen Verbänden. 

DTKV: Der DTKV Hessen hat einen Katalog mit an die Mietspiegel angepassten Honorarstandards herausgegeben. Dort ist angegeben, dass sich die angegebenen Honorare auf Lehrpersonen mit instrumentalpädagogischer Ausbildung und circa fünfjähriger Berufsausbildung beziehen. Wie können freischaffende Musiker ihren eigenen Marktwert individuell bestimmen und in konkrete Honorare umrechnen?

Schlenker-Rapke: Das hessische Modell mit der Orientierung am jeweiligen Mietspiegel finde ich etwas problematisch, da der Wert der musikalischen Arbeit, bzw. Lehre hierbei schwankt. Die Gebührenordnung für Ärzte, Steuerberater, Architekten (alles Berufe mit ähnlichem akademischem Werdegang) orientiert sich auch nicht am Mietspiegel. Der Bezug auf Lehrende mit abgeschlossenem instrumental-/vokalpädagogischem Studium und etwa fünfjähriger Lehrerfahrung beruht auf der Tarifempfehlung von ver.di. Er ist vollkommen angemessen, denn es sollte schon ein deutlicher Unterschied sein, ob Laien in Vereinen Musizierende ausbilden, oder Lehrende mit Studienabschluss an Musikschulen oder in freier Tätigkeit.

Ich gebe öfter Seminare an Musikhochschulen zu diesem Thema und ermutige die Studierenden, nicht zu günstig in das Unterrichten einzusteigen, um später nach den erlangten Qualifikationen nicht in der eigenen Preisfalle zu sitzen. Spätestens ab dem Bachelor ist eine Qualifikation vorhanden, die sich auch im Honorar widerspiegeln sollte. Davor hat man sich bereits mit der Aufnahmeprüfung qualifiziert und sollte sich preislich vom Laienmusizieren abheben. Grundsätzlich gilt für den Marktwert: je länger und erfolgreicher im Geschäft, desto teurer kann man sich vermarkten. In den baden-württembergischen Honorarempfehlungen ziehen wir Vergleiche mit anderen akademischen Berufen (z.B. Psychotherapie), das kommt der Sache meines Erachtens näher. 

DTKV: Es gibt seit 2018 die Webseite musiker-honorare.de, auf der durch zwei Berechnungsmodelle die eigene Honorargestaltung geplant werden kann – einerseits der Vollkostenrechner, andererseits der Stunden-/Honorarsatzrechner. Könnten Sie bitte erläutern, wie diese Tools bei der Honorarberechnung genutzt werden können?

Schlenker-Rapke: Der Vollkostenrechner ist ein Modul, das wir in Baden-Württemberg zur Berechnung unserer Zahlen 2017 entwickelt haben, darin kann man zunächst alle tatsächlichen Kosten (Raumkosten, Backoffice, Fahrtkosten, Versicherung, Altersvorsorge, Mitgliedsbeiträge, Steuern, Rücklagen) eingeben und erhält dann eine Summe X. Diese kann in den Stunden-/Honorarsatzrechner übernommen werden, wo man selbst die Arbeitszeit (Arbeitstage, Freizeit, Krankheit et cetera), Arbeitsstunden und die Art der Arbeit (Unterricht, Konzerte et cetera) eingibt, sowie, was man dafür bekommt. So kann man sehen, ob das, was man erwirtschaftet, ausreicht oder nicht. Man kann sehen, an welchen Stellschrauben zu drehen ist – etwa Einnahmen, Arbeitszeit, Ausgaben – um ein wirtschaftlich besseres Ergebnis zu erzielen. Das ist alles völlig kostenfrei – ein Service des DTKV. 

DTKV: Wie kann sichergestellt werden, dass die Honorarstandards eingehalten werden?

Schlenker-Rapke: Das muss jede Person für sich selbst tun, indem Angebote mit den Honorarstandards verglichen werden, die es ja mittlerweile von vielen Verbänden und Organisationen gibt. Liegt das gebotene Honorar darunter, muss man sich fragen, ob man den Job dringend machen möchte oder muss. Wenn ja, sollte man den Auftraggeber aber unbedingt auf die gängigen Honorarleitlinien und die Diskrepanz zum eigenen Angebot hinweisen. Der Deutsche Musikrat hat etwa in einer Expertenkommission eine Honoraruntergrenze für öffentlich geförderte Projekte erarbeitet. Diese liegt bei 300 Euro Tagessatz. Als angemessenes Einkommen werden dagegen 622 Euro Tagessatz genannt. Orches­terprojekte, die zu einem Tagessatz von 150 Euro für junge professionelle Musiker:innen angeboten werden, sind zum Beispiel höchst fragwürdig. 
In Baden-Württemberg berate ich unsere Mitglieder bei Fragen zu diesem Thema. Es gibt auch zweimal jährlich das Online-Seminar „Let’s talk about Money“. 

DTKV: Möchten Sie den Leser:innen darüber hinaus noch etwas mitgeben?

Schlenker-Rapke: Mitgeben möchte ich den Leser:innen, mit Selbstbewusstsein und Mut zur eigenen Leistung zu stehen und angemessene Honorare zu verlangen, ggf. in den Diskurs mit Veranstaltenden und Auftraggebenden zu treten. Als Argumentationsgrundlage hierfür dienen etwa die Honorarstandards des DTKV Baden-Württemberg oder anderer Organisationen.

Zum Schluss: Musik auf professionellem Niveau hat einen Wert, der sich auch in Eintrittspreisen widerspiegelt. In diesem Frühjahr ist mir in Baden-Württemberg aufgefallen, wie viele hochkarätige Passionskonzerte in Kirchen, oft mit Spezialensembles für Alte Musik, bei freiem Eintritt und der Bitte um Spenden angeboten wurden. Ich sehe diese Praxis kritisch! Zum einen kann den Musizierenden kein angemessenes Honorar zugesichert werden – es sei denn, es gibt Sponsoring – zum anderen wird nach außen der Wert der Musik in das Ermessen des Publikums gestellt. Professionelle Musikschaffende im Jahr 2025 haben eine akademische Ausbildung und durch ihre Arbeit in Lehre, Ensembleleitung und Konzert eine hohe gesellschaftsbildende Relevanz. Dies sollte sich auch in ihrer Honorierung zeigen. 
Interview: Lucas Mathäser

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