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Eine Gebäude hinter sehr hohem Bauzaun und zwischen Kränen.

Das Nationaltheater Mannheim. Foto: Lucas Mathäser

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Kunst & Kultur keine Subventionsempfänger

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Einsparungen im Kulturbereich und ihre Auswirkungen
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Ende vergangenen Jahres beschloss der Berliner Senat drastische Haushaltseinsparungen, die sich substanziell auf die Kultureinrichtungen auswirkten. Darauf folgten vehemente Proteste und deutschlandweite Solidarisierungsbekundungen mit der Berliner Kulturszene, Kultursenator Joe Chialo trat letztendlich zurück. Er wollte den Sparkurs nicht mehr mittragen, hatte ihn zuvor jedoch auch nicht verhindern können. Konkret führten die Sparvorgaben nicht nur zu geplanten und teilweise bereits umgesetzten Preiserhöhungen in den Berliner Kulturinstitutionen um etwa zehn Prozent, sondern nicht zuletzt auch zu abgesetzten Produktionen. So wurden drei Produktionen der Deutschen Oper gestrichen, die Staatsoper unter den Linden strich für die Spielzeit 2025/26 eine Opernpremiere und reduzierte die Zahl der Konzerte der Staatskapelle. An der Komischen Oper musste bereits im Juli 2025 die Produktion des Musicals „Mein Freund Bunbury“ vom Spielplan gestrichen werden.

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Kurz zuvor hatte der Rundfunkbeirat bereits vorgeschlagen, den Kultursender 3sat abzuschaffen und das Programm etwa mit arte, dem anderen verbliebenen Sender mit ausgeprägtem Kulturanteil, zusammenzulegen. Anfang September dieses Jahres erreichte die nächste Hiobsbotschaft die Kulturszene – Schauplatz war diesmal Niederösterreich: Im Rahmen einer Strukturreform solle das Orchester der Bühne Baden aufgelöst werden, die 25 Musiker des Instrumentalensembles würden ihren Beruf verlieren. Die Bespielung der Produktionen an der Bühne Baden solle ab der Spielzeit 2027/28 stufenweise das Tonkünstlerorchester Niederösterreich übernehmen, das seinerseits um 15 Stellen aufgestockt werde. Der Prozess soll bis zum Ende der Spielzeit 2029/30 abgeschlossen werden.

Nicht nur Andreas Gergen, der künstlerische Leiter der Bühne Baden, die Musikgewerkschaft Younion, der österreichische Musikrat und zahlreiche Akteure aus Politik und Gesellschaft kritisierten diese Pläne auf das Schärfste. Auch der Chefdirigent des Tonkünstlerorchesters Niederösterreich, Fabien Gabel, kritisierte öffentlich die Orches­terschließung und die mit ihr einhergehende fatale Signalwirkung für die Kultur. („Die Presse“ vom 05.09.2025) Aktuell steht ein Vermittlungsprozess zwischen den Beteiligten an.

Doch damit nicht genug: Kürzlich musste auch die Oper Mannheim die Produktion der Oper The Greek Passion von Bohuslav Martinů aus finanziellen Gründen absagen, deren Premiere am 28.02.2026 stattfinden sollte. Das Nationaltheater Mannheim muss aufgrund der Sparvorgaben der Stadt – wie alle städtischen Dienststellen – in den nächsten Jahren fünf Prozent seines Etats einsparen.

Anstelle der Premiere wird Puccinis „Madama Butterfly“ wiederaufgenommen. Einschränkend muss erwähnt werden, dass das Nationaltheater Mannheim derzeit kostenintensiv generalsaniert wird. Nichtsdestotrotz beunruhigen derart einschneidende Sparmaßnahmen im Kulturetat, nicht zuletzt in Hinblick auf die vielfältigen anderen Einschnitte in diesem Bereich.

Im Lichte all dieser Entwicklungen ist das Abschlussstatement, das nach der gemeinsamen Tagung der Musik­räte Deutschlands, Österreichs und der Schweiz (29. und 30. September 2025 in Appenzell) veröffentlicht wurde, ein wichtiger Weckruf – nicht nur an die aktive Politik, sondern auch an die Gesellschaft. Über die hier geschilderten Umstände hinaus geht das Statement auch auf andere Aspekte des musikalischen Lebens ein: Die europäische Zusammenarbeit in der Musikbranche müsse intensiviert werden, insbesondere müsse auch die Schweiz stärker in europäische Kulturprogramme einbezogen werden.

Zudem müssten faire Bedingungen in der Musikwirtschaft, insbesondere auch in den digitalen Märkten geschaffen werden. In diesem Zusammenhang ist insbesondere auf die Änderungen des Vergütungssystems durch den Strea­ming-Anbieter Spotify hinzuweisen, über die an dieser Stelle bereits im Februar 2024 berichtet wurde.

Zudem gehen die Musikräte auf die kontinuierliche Schwächung der musikalischen Bildungsangebote ein. Hier ist an die Kürzung der Unterrichtsstunden in den Fächern Kunst und Musik an bayerischen Grundschulen zu erinnern. Auch dazu wurde hier bereits im Mai 2024 berichtet.

Die Förderung der Kunst ist kein Selbstzweck, auch das betonen die Musikräte der DACH-Region: Musik nimmt nicht nur gesellschaftliche Funktionen wahr und trägt in ihrer Vielfalt zum Erhalt und zum Wesen der freiheitlichen Demokratie bei, sie wirkt darüber hinaus auch gesundheitsfördernd und kann therapeutische Zwecke erfüllen. Um ihrer Rolle in der Gesellschaft weiterhin gerecht werden zu können, müsse jedoch auch sichergestellt werden, dass ihre Instrumentalisierung ausgeschlossen wird und alle Genres und Stilrichtungen gleichermaßen gefördert werden und ihnen so zu freier, unabhängiger Entfaltung verholfen wird.

Das Fazit der Tagung, dem nur zugestimmt werden kann und das es inhaltlich umzusetzen gilt, lautet: „Kunst und Kultur sind keine Subventionsempfänger, sondern Investitionen in die Zukunft. Wir rufen Politik und Gesellschaft auf, die Strukturen der musikalischen Bildung, die Vielfalt der Musik und die Rahmenbedingungen der Musikwirtschaft nachhaltig zu sichern. Musik ist keine Nebensache, sondern eine zentrale Ressource für Demokratie, Zusammenhalt und Lebensqualität in Europa.“

Doch zum Schluss der Blick auf das Positive: Der Haushaltsetat des Bundes soll 2026 auf 2,5 Milliarden Euro steigen, nachdem in diesem Jahr bereits eine Steigerung auf 2,33 Milliarden Euro zu verzeichnen war. Im vergangenen Monat schrieb Elisabeth Herzog-Schaffner diesbezüglich in der Kolumne: „Kultur ist kein Luxus. Sie ist das demokratische Fundament, das wir stärken müssen, wenn alles andere ins Wanken gerät.“

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