Die Folkländer in Leipzig spielen nach 50 Jahren immer noch. Naja, seit 2020 spielt die Band wieder. Der Tod eines der Gründer und die Corona-Zwangspause brachten sie wieder zusammen. Die 2021 eingespielte CD „So viele Wege“, Vol. 1. bekam in der Kategorie Liedermacher den Preis der Deutschen Schallplattenkritik.
Die Folkländer 2021: Manfred Wagenbreth, Ulrich Doberenz, Gabi Lattke, Jürgen B. Wolff, Heidi Eichenberg, Ulrike Triebel (von links). © Foto: Dean Benzin
„So lang wir noch Folksongs spiel’n …“
2023 wurde die Band beim Rudolstadt- Festival mit dem Deutschen Weltmusikpreis RUTH geehrt. Für das deutsch-deutsche Folkrevival seit Mitte der 70er-Jahre war sie ähnlich wichtig wie Liederjan oder Zupfgeigenhansel. Zur „DDR-Folk-Hauptstadt“ wurde Leipzig dank der Folkländer. So gut wie an allen wichtigen Entwicklungen in der Szene war die Band federführend beteiligt.
Besetzung und Repertoire, auch der Bandname, wechselten mehrfach. Es gab Pausen, in denen sich die Musiker anderen Projekten widmeten, bevor sie sich dann wieder zusammenfanden. Die Liste derer, die irgendwann zu Folkländer, Folkländers Bierfiedlern, den Bierfiedlern oder zu Sieben Leben gehörten, umfasst mehr als 30 Namen. Meiner gehörte in den ersten anderthalb Jahren dazu.
Mit Irish Folk ins Malzhaus
Die Probe unserer noch namenlosen Band am 13. Januar 1976 im Grafikkeller, dem Studentenklub der Hochschule für Grafik und Buchkunst, gilt als Gründungsdatum. Monate später traten wir mit ein paar von Schallplatten heruntergehörten irischen Folksongs erstmals öffentlich auf, im Plauener Malzhaus. In dem dortigen, sehr eigenständig agierenden Jugendklub hatte Jürgen B. Wolff, Gründer, Vordenker und treibende Kraft der Folkländer, seine musikalische Sozialisierung erlebt. In Plauen gaben wir uns auch unseren Namen – ein Wortspiel aus Folk und Vogtländer. Drei der Gründungsmitglieder kamen aus dem Vogtland.
Wir waren damals Anfang zwanzig. Bis auf Peter, der schon ein Chemie- Diplom in der Tasche hatte, studierten alle noch – Gabi, Horst und Jürgen Grafik und Buchkunst, Elke und ich Journalistik, Uli wollte Heimerzieher werden. Unsere Musiziererfahrung brachten wir aus der Singebewegung der FDJ mit, von Schülerband oder Kinderchor. Nun tingelten wir durch Studenten-und Jugendklubs und sangen begeistert von Whiskey, gefährlich schönen Frauen und tapferen Kämpfern für Irlands Freiheit.
Auf der Suche nach Gleichgesinnten lernten wir Folkmusiker aus Berlin und Erfurt kennen. Im Sommer 1976 traten wir gemeinsam beim Erfurter Krämerbrückenfest auf. Es reifte der Plan, ein Werkstatt-Wochenende zu veranstalten, wie wir es aus der Singebewegung kannten, und dazu Bands aus der gesamten DDR einzuladen, die wie wir Folkmusik spielten.
Ende Oktober 1976 war es dann soweit. Zehn Gruppen und mehrere Solisten musizierten und debattierten bei Fassbier und Karo-Zigaretten im Leipziger Grafikkeller. Gespielt wurde größtenteils internationale Folklore, vor allem aus Irland und Schottland. Diese erste DDR-offene Folkwerkstatt war die Geburtsstunde einer eigenständigen Szene. 1978 luden die Folkländer zum zweiten Geburtstag befreundete Bands ein. Aus diesem Treffen entwickelten sich ab 1980 die Zentralen Folkwerkstätten der DDR, die bis 1984 jedes Jahr in Leipzig stattfanden, mit Folkländer als Mitveranstalter, Jürgen B. Wolff als Spiritus Rector und Plakat-Gestalter. Diese Werkstätten waren Probierstube, Erfahrungsbörse, Familientreffen und Stimmungsbarometer der Szene.
Folksblatt und Bigband
Auf Anregung der Folkländer erschien 1981 als Mitteilungsblatt für die Werkstatt-Teilnehmer erstmals das „Leipziger Folksblatt“. 1984 wurde daraus das DDR-Pendant zum westdeutschen Szenemagazin „Folk-Michel“, mit dem es 1997 zum „folker“ fusionierte.
Clou der 1981er Folkwerkstatt in Leipzig war die Hektik Drive Bigband mit 27 Musikern von 12 Bands. Folkländer-Mitglied und „Folkmusikdirektor“ Erik Kross über den von ihm geleiteten Klangkörper: „Es gibt in der Bigband keine Zufälle, ausgenommen sind jene der Tonfindung“. Die Teilnehmer der Folkwerkstatt 1982 probten, wiederum in Großbesetzung, das Singspiel „Die Boten des Todes“ (Text: Jürgen B. Wolff und Dieter Beckert, Musik: Erik Kross), eine kritische Auseinandersetzung mit den Verhältnissen in der DDR. Die öffentliche Aufführung wurde verboten. Im Jahr darauf sangen Mitglieder mehrerer Bands während der Werkstatt Protestlieder gegen die Schließung des Malzhauses in Plauen, dessen Jugendklub der Stasi ein Dorn im Auge war.
Schon die Teilnehmer der ersten Folkwerkstatt 1976 hatten beschlossen, sich mehr mit dem deutschen Volksliederbe zu beschäftigen. Auch dabei spielten die Folkländer eine Vorreiterrolle. Fündig wurden sie in Wolfgang Steinitz’ zweibändiger Sammlung „Deutsche Volkslieder demokratischen Charakters aus sechs Jahrhunderten“, erschienen 1954 beziehungsweise 1962 in Ostberlin. In der Bundesrepublik gab es auch schon Schallplatten mit Steinitz-Repertoire, eingespielt von Hannes Wader und Bands wie Liederjan, Fiedel Michel oder Zupfgeigenhansel.
1980 erschien beim Label AMIGA die erste LP mit Aufnahmen von DDR-Folkbands. Fünf der 16 Titel stammten von den Folkländern. 1982 erhielt die Band als erste aus der Szene die Möglichkeit, eine eigene LP aufzunehmen. Im Covertext schrieb Jürgen B. Wolff: „Authentisches hatten wir nicht vor […] Melodien und Texte haben wir, nicht willkürlich, aber da, wo es uns angemessen erschien, verändert. […] Was wir wollten, eine Art finden, Volkslieder aus heutiger Sicht und mit heutigem Abstand gebrauchsfähig zu machen, ihnen den Staub des ‚Es war einmal‘ wegzublasen“.
In den 80ern umfasste die DDR-Folkszene etwa 120 Bands. Es gibt lediglich 14 LPs mit ihrer Musik. Um auch ohne Platte das eigene Repertoire einem größeren Interessentenkreis zugänglich zu machen, brachten Bands in Erfurt, Potsdam, Cottbus und Neubrandenburg Liederhefte heraus. Den Anfang machten 1978 die Folkländer. Die elf Hefte ihrer „Kleinen Reihe Deutsche Volkslieder“ enthalten über 200 Lieder. Illustrationen steuerten die Bandmitglieder und Grafikstudenten Jürgen B. Wolff, Gabi Lattke und Ulrike Triebel bei.
Gemeinsam mit Kross sichtete Wolff fast drei Jahre lang Bibliotheken und Archive der DDR und trug eine Bibliografie von Volksliedsammlungen mit etwa 1.200 Titeln und knapp 16.000 Signaturen zusammen. 1983 sollte sie gedruckt werden. Wegen einer darin erwähnten Sammlung aus der Nazizeit lag sie bis 1987 auf Eis.
Die Folkländer 1976 beim Erfurter Krämerbrückenfest: Peter Uhlmann, Wolfgang Leyn, Jürgen B. Wolff, Gabi Lattke (von links), Foto: Sammlung Wolfgang Leyn
Folktanz und Rudolstadt
Zu dieser Zeit stand in der DDR-Folkszene aber längst nicht mehr das Lied im Mittelpunkt, sondern der Mitmach-Volkstanz. Freunde der Folkländer hatten dafür 1980 die Tanzgruppe Kreuz & Square gegründet, nach ungarischem Vorbild mit Tanzmeister(in) und Vortanzpaaren. Es war die erste Tanzgruppe der bald boomenden Folktanz-Szene des Landes. 1983 entstand in Leipzig die einzige Volkstanzschule der DDR. Jährlicher Höhepunkt der Folktanzfans war ab 1986 das internationale Tanzhausfest in Leipzig. Organisiert wurde es vom Folkklub unter Leitung von Folkländer-Musiker Ulrich Doberenz. Er gehörte 1990 zu den Initiatoren des Folkfestivals in Rudolstadt und war bis 2018 dessen Direktor. Folkländer-Mitgründer Peter Uhlmann leitete das Festivalbüro. Jürgen B. Wolff sorgt für das Layout des Programmheftes und ist außerdem Chef des Stadtgestalter-Teams. 1990 gründeten die drei Genannten in Leipzig Label und Musikverlag Löwenzahn, spezialisiert auf Folk und Lied.
Auseinander und wieder zusammen
Doch zurück in die 80er-Jahre. Im Herbst 1982 beschlossen die Folkländer, künftig nur noch zum Volkstanz zu spielen und zwar mit der größeren Formation Folkländers Bierfiedler. 1985 verließ Wolff die Gruppe, um mit Beckert als Duo Sonnenschirm „brachialromantisches“ Liedkabarett zu machen. Lead-Sänger und Band-Chef wurde Manfred Wagenbreth, der 1979 aus Berlin zu den Folkländern nach Leipzig gewechselt war. 1991 lösten sich Folkländers Bierfiedler auf, und Wagenbreth gründete die Folkrockband Drumalane Waltz. Ab 1992 moderierte er die Sendung „Folk und Welt“ auf MDR KULTUR. Von 1994 an musizierten dann die Bierfiedler, die sich 2004 umbenannten in Die Sieben Leben. 2008 kam es zur Auflösung der Band. Auf eine lange Pause folgte 2020 die Folkländer-Reunion.
Im Refrain eines der neu auf CD eingespielten Lieder heißt es: „So lang wir noch Folksongs spiel’n / So lang sind wir jung!“. Am 24. Februar spielten die Folkländer in Leipzig ihr ausverkauftes Geburtstagskonzert. Weitere Auftritte im Jubiläumsjahr: 5. April Zollbrücke, Theater am Rand; 1. Mai Naunhof, Altes Kranwerk; 22. August Bürgel, Am-Vieh-Theater; 17. Oktober Zeulenroda, Kreuzkirche.
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