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Ein Mann höheren mittleren Alters mit kurzen grauen Haaren, Brille und grauem Hemd und Pullover. Er lächelt zurückhaltend und herzlich.

Gunther Brennich (1966–2025). Foto: privat.

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Ausnahmemusiker – Ausnahmepädagoge

Untertitel
Abschied von Gunther Brennich
Vorspann / Teaser

Dido und Aeneas als Schulaufführung? Carmina Burana mit 600 Mitwirkenden auf dem Freisinger Domberg? Einen Laienchor zum hochkarätigen Konzert-Ensemble formen? Die bayerische Schulorchester-Landschaft auf neue Füße stellen? Gegen das Kultusministerium klagen – und gewinnen? All das und viel mehr hat Gunther Brennich geleistet. Mitte September ist er im Alter von 58 Jahren nach langer, schwerer Krankheit verstorben. Mit seinem Tod verliert die bayerische Schulmusik einen großartigen Musiker, einen visionären Gestalter und Kämpfer für Gerechtigkeit sowie einen Menschen, der mit ungewöhnlichem Engagement Schülerinnen und Schüler für die Musik begeisterte.

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Gunther Brennich wuchs in einer musikalischen Memminger Familie auf, die Eltern förderten die Begabungen ihrer beiden Söhne Gunther und Jürgen nach Kräften. Schon früh erhielt er Klavierunterricht und begann Ende der 1980er Jahre an der Hochschule für Musik und Theater München ein Schulmusikstudium. Ehemalige Mitstudierende erinnern sich an ihn als einen ausgezeichneten Pianisten – und als den „Super-Bratscher“, der in den Schulmusik-Orchestern mit ungewöhnlich guten Kenntnissen in historischer Aufführungspraxis und Probenmethodik beeindruckte. Als Madrigalchor-Sänger setzte er nicht nur eine schöne Stimme für den allgemeinen Wohlklang ein, sondern trug auch mit trockenem Humor zur positiven Stimmung bei. Identitätsstiftend wurden für Gunther Brennich seine Studien bei Nikolaus Harnoncourt, der sein Verständnis von Musik und ihrer Vermittlung nachhaltig beeinflusste.

Visionäre Musik­theaterprojekte

Nach einer Tätigkeit am Ignaz-Günther-Gymnasium Dachau wechselte Gunther Brennich 2002 an das Camerloher-Gymnasium Freising, wo er viele Jahre lang als außergewöhnlich engagierter Musiklehrer wirkte. Es genügte ihm nicht, seinen Schülerinnen und Schülern eine gute Ausbildung in musikalischer Praxis und Musiktheorie zu vermitteln – er wollte ihnen künstlerische Erfahrungen ins Leben mitgeben, die über den alltäglichen Einzel- und Ensembleunterricht weit hinausreichten.

Wichtigster Schlüssel dazu waren ihm große Musiktheaterprojekte. Den Anfang machte 2004 Purcells „Dido und Aeneas“, es folgten Opern-, Operetten- und Musicalproduktionen wie „Die Piraten von Penzance“ von Gilbert und Sullivan. Einen spektakulären Höhepunkt bildete zweifellos 2015 die Freiluft-Aufführung von Carl Orffs „Carmina Burana“ auf dem Freisinger Domberg mit mehreren Hundert Mitwirkenden. Ein wesentliches Element dabei war das Zusammenwirken von schulischen und außerschulischen Akteurinnen und Akteuren, unter letzteren die Mitglieder des Freisinger Asamchors, den Gunther Brennich 2003 übernahm und in kurzer Zeit vom ambitionierten Laienchor zu einem außergewöhnlichen Ensemble mit hohem musikalischem Anspruch formte. 

Kollegialität als Leitprinzip

Gunther Brennich engagierte sich intensiv, nicht nur musikalisch, sondern auch in organisatorischen Belangen – oft über die Grenzen des eigentlich Leistbaren und der eigenen Kräfte hinaus. Dennoch wäre all dies im Alleingang niemals zu schaffen gewesen. Möglich wurde es durch die intensive und konstruktive Zusammenarbeit mit dem Lehrerkollegium des Camerloher-Gymnasiums, allen voran der Fachschaft Musik und insbesondere dem langjährigen Freund, Kollegen und Mitstreiter Sebastian Brand. Für seine musikalischen und organisatorischen Visionen warb Gunther Brennich unermüdlich bei der Schulleitung, bei Kolleginnen und Kollegen – und konnte sich auf diesem Weg stets die notwendige Unterstützung sichern.

Auch über die Schule hinaus war Gunther Brennich für die bayerische Schulmusik und ihre Lehrkräfte aktiv – effizient und geräuschlos, wie es seine Art war.

So trug er viele Jahre lang zur erfolgreichen Tätigkeit des Arbeitskreises der Musiklehrkräfte Musischer Gymnasien (AMuG) bei. Und: Er war einer der vier „Pilotkläger“ aus den Reihen des VBS, die Ende der 2000er Jahre durch mehrere gerichtliche Instanzen erfolgreich die Anerkennung des Musikunterrichts an Musischen Gymnasien als „wissenschaftlich“ durchfochten. Weggefährte Peter Donhauser erinnert sich auf Facebook: „Bei der zweiten und endgültig erfolgreichen Verhandlung am 28. 9. 2010 konnte er dank bester Vorbereitung vielen Einwänden der KM-Vertreter eindrucksvoll einen Kontrapunkt bieten.“ – ein Anlass mehr, bei dem Gunther Brennich seine Talente in den Dienst der Musik und ihrer Lehrkräfte stellte.

Die Schulorchesterlandschaft nachhaltig gestalten

Ganz besonders am Herzen lagen Gunther Brennich die bayerischen Schulorchester. Als langjähriges Mitglied der Landesarbeitsgemeinschaft Schulorchester Bayern (LAG Schulorches­ter) setzte er sich für deren Fortbestand und Erneuerung ein. Die Gründungsmitglieder der LAG sahen sich im Jahr 2005 mit dem dramatischen Verlust an Ressourcen und Bedeutung konfrontiert, den die Sparmaßnahmen der Ära Stoiber und die Einführung des G8 für die bayerische Schulorches­ter-Landschaft mit sich brachten. Die LAG verstand es von Anfang an, aus den finanziell und logistisch bescheidenen Möglichkeiten das Beste zu machen: Sie setzte Impulse für die Arbeit vor Ort und richtete das Hauptaugenmerk auf maßgeschneiderte Fortbildungen für die verschiedenen Bedarfe. Das Themenspektrum reicht bis heute von musikalischer Anfangsarbeit mit dem Schulorchester und Literaturbörsen bis zu meisterkursartigen Workshops zu Schlagtechnik und Probenarbeit, für die renommierte Künstlerinnen und Künstler wie Allan Bergius, Walter Erpf, Julia Fischer, Enoch zu Guttenberg, Ulrich Nicolai und Radoslav Szulc gewonnen werden konnten. Gunther Brennich führte in den letzten Jahren den Vorsitz der LAG und engagierte sich sowohl in der Organisation von Fortbildungen als auch in der Social-Media-Arbeit.

Fußball und Technik als Leidenschaften

Nicht nur für Musikalisches konnte sich Gunther Brennich begeistern: Als leidenschaftlicher Fußball-Fan debattierte er stundenlang über aktuelle Entwicklungen und besuchte gemeinsam mit Sebastian Brand so manches Spiel in der Münchener Allianz-Arena. Bereits im Studium durch seine Technik-Affinität aufgefallen, wurde er im Lauf der Jahre zum IT-Experten, insbesondere für Apple-Produkte. Er probierte Neues gern aus und teilte sein Wissen bereitwillig mit Freunden, Kolleginnen und Kollegen, die mit der Technik auf weniger vertrautem Fuß standen. Schon früh erkannte er die Möglichkeiten sozialer Medien und nutzte sie intensiv. Auf seinem YouTube-Kanal „Harnoncourt66“ dokumentierte er seit 2008 liebevoll und mit einigem Aufwand kleine und große Sternstunden seiner musikalischen und pädagogischen Arbeit, auch in Facebook und Instagram war er vielfältig präsent.

Tapferer Kampf ­ge­gen die Krankheit

2021 erhielt Gunther Brennich die Dia­gnose Krebs. Von Beginn an ging er offen damit um, kämpfte tapfer und zuversichtlich dagegen an. Schule, Unterrichten und das Musizieren mit Jugendlichen waren für ihn Lebenselixier. Unterstützt durch Familie, Freunde, Schulleiterin und Kollegen konnte er bis in seine letzten Lebensmonate seine musikalische und pädagogische Arbeit fortsetzen. Noch im Frühjahr 2025 nahm er an der traditionellen Probenwoche des Camerloher-Gymnasiums in Pappenheim teil. Seine Facebook- und Instagram-Posts dokumentieren, wie wichtig ihm das war.

Bis zum Schluss wusste er zu leben: Theaterbesuche, gutes Essen, Musik, Besuch von Freunden und Urlaube gaben ihm immer wieder neue Kraft; großen Halt fand er in seiner Familie. Am Ende siegte doch die Krankheit. Eine berührende Abschiedsnachricht in Facebook und Instagram und ein letzter musikalischer Gruß aus dem Krankenhaus mit der Aria aus Bachs Goldberg-Variationen zeugen von seiner Haltung: tiefe Dankbarkeit für ein gutes Leben; Fürsorge für die, die weiterleben – und man sieht ihn Bachs Musik noch einmal auf wunderbare Art spielen: kontemplativ, fokussiert, gelöst, ganz bei sich und der Musik.

Gunther Brennich hinterlässt seine Frau Birgit und die Kinder Emanuel und Anna. Schülerinnen und Schüler, Weggefährtinnen und -gefährten und die schulmusikalische Community werden ihn in liebevoller und dankbarer Erinnerung behalten. Seine Lebensarbeit wird weiterwirken – in seinen Schülerinnen und Schülern, in den schulmusikalischen Strukturen, die er mit aufgebaut und gepflegt hat, und in den zahlreichen Geschichten, die Familie, Freunde und Weggefährten zu erzählen haben.

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