Ein Parteitagsbeschluss, der die Bildung in Deutschland und Bayern endlich in Ordnung bringt: Die Delegierten einer bayerischen Regierungspartei stimmten im Dezember 2025 für den Antrag ihrer Jugendorganisation, zu „gesellschaftlich relevanten Anlässen wie der Verleihung von Schul- und Berufsabschlüssen“ ein „verpflichtendes Spielen der Nationalhymne und der Europahymne sowie in Bayern der Bayernhymne“ einzuführen.
Brüh im Lichte!
Zur Begründung verwies der Antragstext auf die Bedeutung von Hymnen als „Symbol für demokratische Werte und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Denkt man an große Sportereignisse wie etwa den Superbowl in den USA, so wird einem direkt die Bedeutung der Nationalhymne bewusst.“2 Aus diesem Vorbringen folgt, dass es um die US-amerikanische Hymne geht, nicht um die deutsche oder europäische, denn Letztere waren beim Superbowl ja noch nicht zu hören – jedenfalls bisher nicht. Auch das „Lied der Bayern“ kann nicht gemeint sein. Antragsgemäß soll es in Bayern gespielt werden, doch Bayern gehört nicht zu den USA – jedenfalls bisher nicht. Das allein heißt aber noch nichts, dem derzeit amtierenden, nach Kanada, Grönland und Kuba schielenden US-Präsidenten ist Vieles zuzutrauen. Weiß die bayerische Repräsentanz in den USA (Invest in Bavaria) mehr?
Superbowl-Patriotismus für Bayern?
Unberührt davon: Zur Bedeutung der US-amerikanischen Nationalhymne beim Superbowl trägt maßgeblich eine jährlich wechselnde musikalische und visuelle Inszenierung bei. Bei der Darbietung des „Star Spangled Banner“ werden sämtliche Register populärer Überwältigungskunst gezogen: Die Air Force überfliegt das Stadion in Formation, opulente Arrangements und die Stimmen von Top-Stars wie Whitney Houston, Beyoncé oder Aretha Franklin sorgen für Gänsehaut, wohl nicht nur bei Jugendlichen. Ob sich dieser Effekt auch beim Imitat einstellt, konnte man hierzulande bei der Eröffnung der Allianz-Arena in München 2005 erleben: Sarah Connors Neufassung der deutschen Nationalhymne („Brüh im Lichte“) machte Schlagzeilen.3 Die denkwürdige Aufführung zeigte: Auch der Griff ins vergleichsweise untere Pop-Regal kann gesellschaftlichen Zusammenhalt bewirken, nämlich kraft allgemeiner Heiterkeit und Fremdscham.
Die Hymne repräsentiere nicht allein „die Nation, ihre Geschichte, ihre Werte und ihren Stolz“,4 sie fördere, so der Antragstext, „gesellschaftlichen Zusammenhalt“,5 was sich wiederum positiv auf die Kriminalstatistik auswirken könne: „Insbesondere in Anbetracht der steigenden Fallzahlen von Kindern und Jugendlichen bei Gewalttaten und die soziodemographischen Faktoren als mögliche Ursachen, sollte speziell in dieser Gruppe eine Stärkung des Zusammengehörigkeitsgefühls aller Bürgerinnen und Bürger hervorgerufen werden.“6 Das stimmt, denn man weiß aus seriösen Studien, dass Musik prosoziales Verhalten (Hilfsbereitschaft, Kooperation), Empathie, Engagement sowie Gemeinschaftsgefühl und Identifikation mit der Gruppe fördern kann.7
Das vermittelt sich, empirisch belegt, in Synchronisierungserfahrungen, etwa durch rhythmische Spiele, Musizieren und Singen.8
Das alles und noch viel mehr kann schulischer Musikunterricht bieten – sofern er nicht durch radikale Kürzungen (wie jüngst an Bayerns Grundschulen), Lehrkräftemangel, Unterrichtsausfall und Einsparungen systematisch ausgetrocknet wird. Wer prosoziales Verhalten unmittelbar fördern will, sollte sich folglich für mehr Musikunterricht einsetzen.
Mit Hymnen fit fürs Vaterland
Der Antragstext beklagt „die sinkenden Zahlen der Bewerberinnen und Bewerber bei der Bundeswehr in den vergangenen Jahren“.9 Auch diesem Problem soll die Hymnenpflicht abhelfen: „Der durch das Spielen der Hymnen verkörperte Patriotismus und das Empfinden von Stolz auf die eigene Nation beziehungsweise auf Europa kann (sic!) bedingen (sic!), für seine Mitmenschen einzustehen und sich für einen Wehrdienst bei der Bundeswehr zu entscheiden.“10 Ob sich windschiefe und fehlerhafte Sätze prinzipiell dazu eignen, das Empfinden von Stolz auf die deutsche Sprache zu verkörpern, mag dahinstehen – hier geht es um Größeres, nämlich darum, schulische Abschlussfeiern zu Werbeveranstaltungen für die Bundeswehr umzumünzen. Aber reicht das Spielen von Hymnen wirklich aus, um Nachwuchsprobleme beim Militär zu lösen? Sollte man nicht an weitere Schritte denken? Etwa an das Nähen von Uniformen im Fach Textiles Gestalten, Farbmuster: Flecktarn? Oder an ein verpflichtendes Lehrplanmodul „Fit fürs Vaterland“ im Sportunterricht, inklusive Geländeübung mitsamt patriotischem Liegestütz? Und was spricht, zum krönenden Abschluss der Schulzeit, gegen eine Parade der Absolvia im Gleichschritt?
Singen erwünscht – Mitsprache nicht
Der bayerische Ministerpräsident interpretierte den Parteitagsbeschluss in gewohnt eigenständiger Weise. Öffentlich sprach er sich nicht, wie beschlossen, für das Spielen der Hymnen aus – da könnte ja auch das Abspielen von einer Tonkonserve gemeint sein –, sondern vielmehr für das Singen der Hymnen. 11 Sich singend zu demokratischen Werten zu bekennen, sich mit Staat und Gesellschaft zu identifizieren und Verantwortung für Gegenwart und Zukunft des Gemeinwesens zum Ausdruck zu bringen: Dazu wären Jugendliche durchaus bereit und in der Lage, wenn sie ernst genommen würden und zu Wort kämen. Die Bayerische Einigung/Bayerische Volksstiftung, höchst prominent besetzt mit Repräsentanten der bayerischen Regierungspartei, hatte 2012 in Zusammenarbeit mit dem bayerischen Kultusministerium einen Schülerwettbewerb ausgelobt. Gesucht wurde eine neue dritte Strophe für das Lied der Bayern. Es gewann ein Text, den Muhammed Ağca, Benedikt Kreisl und Tatjana Sommerfeld von der Beruflichen Oberschule Bad Tölz verfasst hatten, er lautet:
„Gott mit uns und allen Völkern, / ganz in Einheit tun wir kund: / In der Vielfalt liegt die Zukunft, / in Europas Staaten Bund. / Freie Menschen, freies Leben, / gleiches Recht für Mann und Frau. / Gold’ne Sterne, blaue Fahne / und der Himmel weiß und blau.“12
Der Antrag, diesen Text als dritte Strophe der Bayernhymne offiziell einzuführen, stand vier Jahre später auf der Tagesordnung einer Sitzung des bayerischen Landtags. Einer hitzigen Debatte folgte die Ablehnung, bewirkt durch die Stimmenmehrheit der Regierungsparteien. Beim Ausrichter des Schülerwettbewerbs, der Bayerischen Einigung / Bayerischen Volksstiftung, stieß das auf heftige Kritik. Der unvergessene Florian Besold, Vorsitzender der Stiftung, erklärte seinerzeit in einer Stellungnahme, dass der ernsthafte Hintergrund dieses Anliegens „in bedauerlicher Torheit“ ignoriert und der Inhalt der vorgeschlagenen dritten Strophe als „Multi-Kulti-Bla-Bla“ abqualifiziert worden sei.13 Unabhängig von der Hymnendebatte sei hier genau jene Art von politischem Handeln zu erkennen, die „zu völliger Politikverdrossenheit und zur Mutlosigkeit auch bei ernsthaft bemühten und verantwortungsvoll tätigen Bürgerbewegungen“ führe.14
Der Fall liegt inzwischen zehn Jahre zurück. Der Affront gegen Jugendliche, die sich zur Hymne und zu demokratischen Werten bekannten, wird gewiss gelindert durch die patriotische Tiefatmung bei künftigen Schulabschlussfeiern. Und wer braucht noch Musikunterricht, wenn man regelmäßig Hymnen hat?
Anmerkungen
1 https://www.csu.de/common/Beschlussbuch_zum_CSU-Parteitag_2025.pdf, S. 53 (26.03.2026)
2 Ebd.
3 https://youtu.be/tYHY2kLdJOw?si= lHug19kSRNqYNFyk (26.03.2026)
4 https: //www.csu.de/common/Beschlussbuch_zum_CSU-Parteitag_2025.pdf, S. 53 (26.03.2026)
5 Ebd.
6 Ebd.
7 https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/Projekte/47_MIKA/Gembris_Expertise_final.pdf
8 Ebd.
9) https://www.csu.de/common/Beschlussbuch_zum_CSU-Parteitag_2025.pdf, S. 53 (Abgerufen: 26.03.2026)
10 Ebd.
11https://www.facebook.com/markus.
soder.75/videos/hymnen-stiften-identit%C3%A4t-und-zusammenhalt-deshalb-halten-wir-es-f%C3%BCr-sinnvoll-das/2291630901319591/
12 Zit. nach Bayerischer Landtag, Plenarprotokoll 17/88, Sitzung vom 30.11.2016, S. 7535. Abrufbar über https://www.bayern.landtag.de/webangebot3/views/protokolle/protokollsuche.xhtml?datum=31.10.2023&gre mium=PL&sCalledURL=https%3A%2F%2F www.bayern.landtag.de%2Fparlament%2 Fdokumente%2Fprotokolle%2F.
13 Zit. nach https://www.sueddeutsche.de/ bayern/hymne-csu-gegen-dritte-strophe-fuer-bayernhymne-initiatoren-veraergert-1.3282154 (26.3.2026)
14 Ebd.
- Share by mail
Share on