Im März trafen sich in Berlin auf Einladung des Deutschen Musikrats Akteurinnen und Akteure aus Verbänden, Bildung, Politik und Wirtschaft. Gesprochen wurde über kulturelle Vielfalt, Diversität, Demokratiebewusstsein und soziale Bindungen, über Ausdrucks- und Wahrnehmungsfähigkeit, Kreativität, Inklusion und Teilhabe – und über eine Agenda für das „Ökosystem Musik“. Vieles war informativ, manches überraschend, einiges bereits bekannt. Eine zentrale Frage blieb allerdings unbesprochen: Was geschieht nach den so zahlreich vorhandenen niedrigschwelligen Einstiegen ins musikalische Leben?
Struktur mit Lücken. (Bild generiert mit MS Copilote)
Teilhabe – woran?
Was passiert mit Kindern und Jugendlichen, deren musikalischer Traum nicht der Verbleib in offenen Community- Music-Projekten oder das Singen im Chor ist, sondern das ernsthafte Erlernen eines Instruments – mit regelmäßigem Üben, mit Ensemblebindung, mit wachsender künstlerischer Identität? Was, wenn Familien sich Unterricht, Instrumente, Noten, Wege und Übeorte nicht leisten können? Hier liegt der blinde Fleck eines Diskurses, der niedrigschwellige Erstzugänge feiert, Anschlussfragen aber häufig dem Zufall überlässt.
Wenn Einstiege zu Enden werden
Community-Music-Formate, Bläser-und Streicherklassen zeigen Wirkung: Sie wecken Sehnsucht, machen Talente sichtbar, stiften Zugehörigkeit. Aber allzu oft enden sie nach Monaten, nach zwei oder drei Jahren – ohne gesicherte Anschlusswege. Zurück bleiben Kinder, die gesagt bekommen: „Du hast Talent, du hast dich gut entwickelt – aber ohne Ressourcen geht es leider nicht weiter.“ Das Ergebnis sind Bildungsabbrüche, Frustration und soziale Exklusion im Feld des Instrumentalspiels. Ausgerechnet dort, wo aus Neugier Können werden könnte, reißt die Kette. Wer den Auftrag der UNESCO ernst nimmt, kulturelle Bildung und Teilhabe zu ermöglichen, muss diese Lücke schließen: vom ersten Funken Begeisterung zur tragfähigen musikalischen Biografie. Alles andere ist rein symbolische Inklusion – schön fürs Foto, bitter in der Wirkung.
Aristoteles’ Theorie des „guten Lebens“ besagt, dass Wohlergehen und Lebenszufriedenheit dann entstehen, wenn ein Mensch Dinge erreichen und eine Lebensweise realisieren kann, die er begründet für erstrebenswert hält. Eine Gesellschaft wäre demnach umso gerechter, je mehr alle ihre Mitglieder dazu befähigt sind, ihr Leben gemäß ihren individuellen Vorstellungen zu gestalten. Gewendet auf das Anliegen musikalisch-kultureller Teilhabe heißt das: Es braucht mehr als ein- oder mehrmalige Teilnahme an voraussetzungslosen, punktuellen Angeboten. Aus der Perspektive des Befähigungsansatzes (Capability Approach) braucht es zwei Faktoren, um nachhaltige Zugänge zu selbstbestimmter musikalischer Praxis zu ermöglichen: Ressourcen (z. B. Instrumente, Räume, Lehrkräfte) und Umwandlungsfaktoren, die ermöglichen, dass aus Ressourcen gelebte Teilhabe wird (z. B. funktionierende Kooperationen zwischen Schule und Musikschule, Leihinstrumente, ÖPNV, Support durch Eltern oder andere Unterstützer, eigene Motivation).1
Praktisch heißt das: Niedrigschwellige Einstiege müssen in verlässliche Anschlussangebote münden – von der Orientierung zur Vertiefung, von der Schul-AG ins Ensemble, vom Leihinstrument zur Dauerlösung, von der elementaren Gruppenerfahrung zum Unterricht in der Kleingruppe und zu regelmäßiger individueller Übezeit.
Orientierung und Kompetenz
Einen systemischen, nüchternen und praxistauglichen Ansatz bietet das OK-Modell des Hamburger Musikpädagogen Hans Jünger.2 Entstanden vor dem Hintergrund langjähriger Unterrichtserfahrung auf schwierigem pädagogischem Terrain, denkt es Orientierungsangebote, bei denen Kinder und Jugendliche musikalische Tätigkeiten ausprobieren können, konsequent zusammen mit weiterführenden inner- und außerschulischen Angeboten, die vertieften musikalischen Kompetenzerwerb ermöglichen.
Dem Klassenunterricht in Musik kommt dabei die Orientierungsfunktion zu: Er öffnet den Möglichkeitsraum, macht mit musikalischen Tätigkeiten bekannt, schult Basiskompetenzen und hilft Kindern und Jugendlichen, eine erstrebenswerte musikalische Tätigkeit zu finden.
Der weiterführende Kompetenzerwerb findet dann entweder innerhalb der Schule statt, etwa in Form von Wahl- und Wahlpflichtangeboten, oder außerhalb, in Angeboten lokaler Akteure, die vertiefte Praxis und Mitwirkung in Ensembles ermöglichen – allen voran Musikschulen, aber je nach örtlichen Gegebenheiten auch Laienmusikverbände, Theaterinitiativen oder freie Träger. Ideale Anschlussmöglichkeiten können musikalische Angebote im schulischen Ganztag bieten – die den Klassenmusikunterricht nicht ersetzen, aber sinnvoll erweitern und fortführen können.
Schulen und Musikschulen als Knotenpunkte im Bildungsnetzwerk
Hier trifft sich Jüngers Konzept mit dem Capability Approach: Letzterer verlangt robust organisierte Umwandlungsfaktoren – Kooperationen zwischen den Bildungsakteuren, aber auch Ressourcen wie Instrumentenpools, Übe-Infrastruktur, Ensembleplätze sowie zeitliche und örtliche Erreichbarkeit von Angeboten. Übertragen aufs „Ökosystem Musik“ heißt das: Schulen und Musikschulen werden zu Knotenpunkten im Netz, die Bildungsübergänge koordiniert planen, statt sie dem Zufall zu überlassen. So würden niedrigschwellige musikalische Einstiegsangebote nicht zur Sackgasse, sondern zur Startrampe in eine erfüllte musikalische Biografie.
Dabei geht es ausdrücklich nicht um den Bau pädagogischer Luftschlösser. Ein zentrales Auswahlkriterium musikalischer Tätigkeiten im OK-Modell ist deren Erreichbarkeit: physisch, kognitiv, motivational – und organisatorisch sowie finanziell. Für Kinder, die ihr Instrument „gefunden“ haben, muss der Erreichbarkeitsraum über Großgruppenformate mit niedrigem musikalischem Anspruch hinaus geöffnet werden. Nicht nur für potenzielle Solistinnen und Solisten, sondern ausdrücklich auch für den breiten, qualitätsvollen Laienbereich. Genau dort spielt sich ein erheblicher Teil unseres musikalischen Lebens ab – und es entsteht sozialer Zusammenhalt.
In Zeiten klammer öffentlicher Kassen mögen solche Überlegungen unrealistisch oder utopisch klingen. Das sollte aber nicht dazu führen, das Anliegen echter Teilhabe im Bereich des Instrumentalspiels stillschweigend-resignativ aufzugeben. Hier stehen wir Erwachsene, und insbesondere die bildungs- und kulturpolitisch Aktiven, klar in einer Verantwortung gegenüber sozial benachteiligten Kindern und Jugendlichen.
Rückbau stoppen, Netze erneuern
Die Älteren werden sich vielleicht noch erinnern: Historisch waren die Gymnasien in Bayern – unabhängig vom musischen Zweig – über zwei Jahrhunderte hinweg auch ein Ort instrumentaler Grundbildung, mit Streichorchestern und fest verankerten Deputaten für Gruppen-Instrumentalunterricht. Das Doppelfach Musik in der gymnasialen Lehrerbildung hat hier seine Wurzeln, und jenseits des sozialen und musikalischen Lebens an der Schule wirkte diese Arbeit auch weiter in die Gesellschaft hinein: Viele ehemalige Schulorchester-Mitglieder musizieren bis heute in Laienorchestern, und für so manchen, die Verfasserin dieser Zeilen eingeschlossen, war der kostenlose Violin- oder Cellounterricht am Gymnasium einer der Qualifikationsbausteine, die trotz ungünstiger Ausgangslage die Aufnahme eines Schulmusikstudiums ermöglichten.
Seit den späten 1990er- und frühen 2000er-Jahren wurden diese Möglichkeiten schrittweise ausgedünnt. Die Einführung des G8 und der Budgetierung des Unterrichtsaufkommens sorgten für einen dramatischen Rückgang der Wahlunterrichtskontingente. Für Orchester an Schulen ohne musischen Zweig wurde es immer schwieriger bis unmöglich, ihren Nachwuchs aus schuleigenen Unterrichtsangeboten zu decken – und die vielerorts in den letzten 25 Jahren eingeführten Streicherklassen können diese Lücke nicht auf dem erforderlichen Niveau schließen.
Damit verschwand nicht nur ein Privileg gymnasialer Bildung buchstäblich sang- und klanglos (und ohne nennenswerte Proteste) von der Bildfläche, sondern auch ein Modell, das sich gut auf andere Schularten und Ensembletypen wie Big Bands oder symphonische Blasorchester übertragen hätte lassen. So sehr das vom Musikpädagogen Wolfgang Pfeiffer an der FAU Erlangen- Nürnberg initiierte Förderprogramm „klasse.im.puls“ zu loben ist, das seit 2009 die Einrichtung von Musikklassen an Mittel- und Realschulen finanziell, organisatorisch und ideell unterstützt: Eigentlich wären solche Maßnahmen eine Kernaufgabe des Kultusministeriums und der Sachaufwandsträger vor Ort.
Gravierende Einschnitte
Gravierende Einschnitte gab es in den letzten Jahren auch im musikalischen Angebot an Bayerns Grundschulen: Bereits vor der faktischen Halbierung des Klassenmusikunterrichts durch die PISA-Offensive der Staatsregierung fielen die meisten etablierten Wahlangebote, wie Chöre und Orff- Gruppen, dem akuten (und durch die Nicht-Einstellungspolitik der 2010er- Jahre maßgeblich mitverursachten) Lehrkräftemangel zum Opfer. Das aktuell verkündete Stellenmoratorium und die damit verbundenen, im „Gesamtkonzept Unterrichts- und Personalversorgung“ zynisch „Reduzierung von Bedarfen“3 genannten Einsparungen im Wahlunterrichtsbereich werden diesen Trend auch für andere Schularten verschärfen.
Wer Teilhabe ernst meint und das soziale Miteinander in unserer Gesellschaft wieder stärken will, muss diesen Raubbau an schulischer Musikkultur stoppen. Die Traditionslinie schulischer Instrumentalausbildung an Bayerns Schulen ist wiederzubeleben, zu aktualisieren und zu erweitern: mit modernen Kooperationsmodellen, die Schulen, Musikschulen und Laienmusikverbände eng miteinander verzahnen; mit Anschlussmöglichkeiten an wohnortnahe Ensembles, im ländlichen Raum ebenso wie in urbanen Quartieren; mit auskömmlicher und längerfristig verlässlicher Finanzierung; mit effizienter Organisation und Unterstützungsstrukturen wie Instrumenten-, Noten-und Überaumpools, Ensemble-Patenschaften und Brücken-Angeboten. Dabei ist stabilen, alltagskompatiblen Strukturen der Vorzug vor Modellprojekt-Romantik zu geben: Die Wurzeln eines stabilen „Ökosystems Musik“ entstehen nicht durch immer neue Leuchtturmprojekte, sondern durch gelingende Alltagskoordination. Es muss auch nicht wahllos „mit der Gießkanne“ gefördert werden: Gerade im Instrumentalbereich darf aktive Unterstützung durchaus an Leistungen wie regelmäßiges Üben, erkennbare Leistungsentwicklung und aktive Teilnahme an Ensembles gebunden sein. Sie muss aber immer mit Diagnosefragen arbeiten: Was hindert dich? Was brauchst du? Anderes Ensemble? Anderer Zeitslot? Übe-Ort? Leihinstrument? Erst fördern, dann fordern – nicht umgekehrt.
Für mehr Zugehörigkeit
Wenn musikalisch-kulturelle Teilhabe mehr sein soll als punktuelle Teilnahme an kostengünstigen, niedrigschwelligen Einstiegsangeboten, braucht das Ökosystem Musik Schulen und Musikschulen als tragende Knoten in einem vielfältigen Bildungsnetz mit klaren Übergängen und verlässlichen Ressourcen. So entsteht das, was Kinder und Jugendliche wirklich brauchen: Orientierungsangebote und attraktive, koordinierte Anschlussangebote.
Am Ende ist das nicht nur kulturpolitisch richtig, sondern auch ökonomisch vernünftig: Jeder Euro gegen Bildungsabbrüche wirkt mehrfach – für sozialen Frieden, Zugehörigkeit und die Lebendigkeit unseres Musiklebens. In die Worte einer Zweitklässlerin gefasst: „Trompete ist mein allergrößter Wunsch. Mein Herz wurde von der Trompete verwickelt.“4 Sorgen wir dafür, dass Kinder solche Träume leben können.
Anmerkungen
1 Krupp, Valerie (2025): Teilhabe und Befähigung als Ziele musikalischer Bildungsangebote der Sekundarstufe. In: Brunner, G., Fiedler, D. & Schmid, S. (Hrsg.) (2025). Welchen Musikunterricht braucht die Sekundarstufe 1? Konzeptionelle und unterrichtsspezifische Beiträge zu einem zukunftsfähigen Musikunterricht. OPUS-PHFR. https://doi. org/10.60530/opus-3398, S. 325-337
2 Jünger, Hans (2024): Musiklernen fürs Leben. Tätigkeitsorientierte Musikpädagogik. http://www.ok-modell-musik.de/download/juenger-2025-musiklernen-fuers-leben.pdf
3 https://www.km.bayern.de/ministerium/ bildungspolitische-schwerpunktthemen/ unterrichtsversorgung/gesamtkonzept
4 https://presseportal.zdf.de/pressemappe/ dont-stop-the-music
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