Christoph Schmitz-Dethlefsen ist seit 2019 Mitglied im ver.di-Bundesvorstand. Dort ist er unter anderem für Kultur und Selbstständige zuständig. Er hat Germanistik, Musikwissenschaft und Geschichte studiert und als Redakteur für verschiedene Tageszeitungen gearbeitet. Von 2009 bis 2015 war er Pressesprecher und Leiter der Pressestelle in der ver.di-Bundesverwaltung. Adriana Balboa fragt ihn nach den Forderungen der Gewerkschaft rund um einen stabilen Sozialstaat und nach aktuellen Themen der gewerkschaftlichen Kulturpolitik.
Demo am 26. September 2026 in Hannover. Fotos: Stumpe/DGB
„Es geht uns alle an“
Adriana Balboa: Welche sind aus deiner Sicht die stärksten Angriffe auf den Sozialstaat im geplanten Reformpaket der schwarz-roten Bundesregierung?
Christoph Schmitz-Dethlefsen: Mein größtes Problem mit dem sogenannten Reformpaket ist, dass es Erwerbstätige auf breiter Front unter einen Generalverdacht stellt und so tut, als ob alle faul und Drückeberger seien. Das zieht sich durch ganz viele Themenbereiche wie Rente, die Vorschrift einer Krankmeldung am ersten Tag mit Attest, die Frage längerer Arbeit. Nicht nur die Lebensarbeitszeit soll verlängert werden, sondern auch die tägliche Höchstarbeitszeit auf bis zu 13 Stunden. Auch Themen wie Kinder- und Jugendhilfe oder die Eingliederung von Menschen mit Beeinträchtigungen würden mit diesen Reformen deutlich verschlechtert.
Zur absoluten sozialen Schieflage führt ebenfalls die Tatsache, dass die im Reformpaket vorgesehenen Kürzungen fast ausschließlich zu Lasten von Menschen mit mittleren und niedrigen Einkommen gehen. Darin ist kein Impuls, weder für Wachstum noch für Unternehmen, sondern eine breite Kürzung in den sozialen Sicherungssystemen, und zwar sowohl in der Sozialversicherung, die Arbeitgeber und Arbeitnehmer:innen gemeinsam zahlen, als auch in den steuerfinanzierten Sozialsystemen. Und hier liegt aus ver.di-Sicht der Hauptfehler an der jetzigen Diskussion, dass er an der falschen Stelle ansetzt, nämlich bei den sozialen Sicherungssystemen. Es gibt Verschiebungen innerhalb der Systeme, aber alles in allem ist das eine sehr stabile Entwicklung. Gemessen an der Gesamtwirtschaftsleistung geben wir jetzt für soziale Sicherung nicht mehr aus als vor 10, 15 oder 20 Jahren. Es stimmt einfach nicht, dass die sozialen Sicherungssysteme zu teuer geworden sind: Die Arbeitslosenversicherung ist historisch niedrig im Beitrag und die Rentenversicherung ist auf lange Zeit sehr stabil gewesen. Die geplanten Kürzungen gehen einseitig zulasten von Menschen, die nicht mit eigenem Vermögen haben vorsorgen können. Und die stärksten Kostensteigerungen kommen aus dem Gesundheitswesen, wo gleichzeitig die Versorgung massiv verschlechtert wird. Wir als ver.di fordern, dass Menschen, die sehr, sehr viel Geld haben, sich an der Finanzierung beteiligen. Es ist ein Unding, dass die Steuer auf Einkünfte aus Kapital, also auf die Zinsen, die man kriegt für Geld, das irgendwo rumliegt, niedriger ist als die Steuer, die Menschen auf ihre eigene Arbeit bezahlen müssen.
Balboa: Stichwort Vermögenssteuer...
Schmitz-Dethlefsen: Wir sind für die Einführung sowohl einer Vermögenssteuer als auch einer Erbschaftssteuer, die bei hohen Erbschaften einsetzt. Es geht also nicht um das Häuschen meiner Eltern, das ich vielleicht mal erben könnte, sondern um die vielen Milliarden Euro, die jährlich an Menschen vererbt werden, die noch nicht einen kleinen Finger für irgendwas gerührt haben. Und da etwas mehr zu bezahlen, um allen anderen eine bessere Absicherung zu geben, das ist der richtige Weg.
Balboa: Gibt es gute Reformvorhaben?
Schmitz-Dethlefsen: Ja. Und ich lege Wert darauf, dass wir nicht nur kritisieren, sondern auch versuchen, die positiven Dinge zu sehen. Besonders lobenswert ist die Idee, jungen Menschen, die keinen Schulabschluss und keine Ausbildung haben, eine zweite Chance zu geben. Denen eine bessere Förderung zu ermöglichen, um in den Arbeitsmarkt zu kommen, Arbeit zu finden, beruflich Fuß zu fassen: Das ist längst überfällig. Positiv ist ebenfalls die geplante Einbeziehung von Selbstständigen in die Rentenversicherung. Auch das ist eine Forderung von ver.di seit Langem. Wenn es nach mir geht, muss das mit einer Auftraggeberfinanzierung verbunden werden. Das wäre ein wichtiger Schritt. Es stand schon in drei Koalitionsverträgen und ist immer noch nicht wahr geworden. Aber trotzdem ist es richtig, dass es im Paket wieder vorgeschlagen ist.
Balboa: Wie hat sich ver.di am bundesweiten Aktionstag unter dem Motto: „Rette mit uns den Sozialstaat“ am 26. September beteiligt?
Schmitz-Dethlefsen: Wir haben uns als ver.di im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) sehr stark dafür gemacht, dass alle Gewerkschaften zu diesem Aktionstag aufrufen. Wir haben ein Bündnis mit Sozialverbänden, wo es genau darum geht, die soziale Sicherung breiter aufzustellen, besser zu finanzieren und abzusichern. Es ist uns noch nicht gelungen, das Thema in die Breite der Bevölkerung zu tragen und allen klar zu machen, dass es auch um ihre Zukunft geht. An den 15 Demonstrationsstandorten nahmen insgesamt rund 175.000 Menschen an den Protesten teil. Das ist gut, aber es ist auch erst ein Anfang. Es braucht ein Mehr an Protest und Engagement, wenn wir erreichen wollen, dass die Bundesregierung ihren Kurs verändert.
Balboa: Neben Informieren und Protestieren: Was können Gewerkschaftler und Kulturschaffende konkret tun?
Schmitz-Dethlefsen: Wir können das Gespräch mit denen suchen, die die Entscheidungen treffen: Mit unseren Bundestagsabgeordneten. Mein Eindruck ist, dass viele Bundestagsabgeordnete ein ernsthaftes Interesse daran haben, die Bedingungen für ihre Wählerinnen und Wähler in ihren Heimatorten zu verbessern. Wenn sie dann nach Berlin kommen, wird oft eine große Erzählung ideologisch verbrämt und verbreitet. So fügt man sich in Koalitionsdisziplin und stimmt mit ab. Wir müssen vor Ort den Abgeordneten von SPD, von CDU, von Grünen, von Linken aus unserer Lebensrealität deutlich machen, was diese Politik für uns bedeutet: Was heißt es, wenn ich weniger Leistungen in der Krankenversicherung bekomme, obwohl ich gleichzeitig höhere Kosten für Miete, für Energie, fürs Tanken, für Lebensmittel bezahlen muss? Was bedeutet es, wenn ich mein Leben lang hart gearbeitet habe und am Ende länger auf die Rente warten muss, obwohl ich schon krank werde? Was bedeutet es, wenn Kommunen schlecht ausgestattet sind und Kulturangebote streichen, wenn Schulen verkommen oder Ämter bestimmte Anträge nicht rechtzeitig bearbeiten können? Ich glaube, es täte den Bundesabgeordneten gut, von ihren Wählerinnen und Wählern vor Ort in ihren Bürgersprechstunden zu hören, welche konkreten schlimmen Auswirkungen diese so genannten Reformen im alltäglichen Leben der Menschen hätten. Diese Gespräche mit Abgeordneten können direkt im Wahlkreis stattfinden. Dafür muss man nicht extra nach Berlin fahren.
Balboa: Wir befinden uns in diesem Kontext am Beginn der Tarifrunde für den Öffentlichen Dienst: Welche Rolle spielen Kulturschaffende in der Tarifrunde?
Schmitz-Dethlefsen: Ich freue mich, dass in den letzten Jahren gerade Musikschullehrkräfte, aber auch die Beschäftigten an den Theatern und Bühnen sich stärker organisiert und sich stärker in die Tarifrunden eingebracht haben, dass sie sich nicht mehr klein halten lassen nach dem Motto: Wenn ihr eine Tariferhöhung erstreitet, dann hilft euch das nichts, weil die Kulturetats sowieso nicht erhöht werden. Die Menschen sind nicht mehr bereit zu verzichten, weil sie merken, dass es dadurch nicht besser wird und die Kulturetats trotzdem gekürzt werden.
Überall da, wo wir es geschafft haben, Kolleginnen und Kollegen zu organisieren, haben wir uns auch schon vor dem Herrenberg-Urteil dafür eingesetzt, dass Musikschullehrkräfte fest angestellt werden. Und wir sind sehr dafür, dass die Übergangsfristen beendet werden und es eine saubere Regelung gibt. Aber die Umsetzung der Festanstellung wird zumindest für den Kulturbereich – auch wenn er nicht der größte im öffentlichen Dienst ist – trotzdem ein bisschen die Diskussion in der Tarifrunde und die Frage von Einkommenssteigerungen mitbeeinflussen.
Balboa: Was macht gewerkschaftliche Kulturpolitik aus und wo liegen derzeit die Schwerpunkte?
Demo am 26. September 2026 in Hannover. Fotos: Stumpe/DGB
Schmitz-Dethlefsen: Kultur ist Arbeit. Gerade Menschen, die Kultur konsumieren, vergessen das gerne. Weil Kultur für sie Freizeit, Unterhaltung, Anregung, Aufregung ist. Und auch Kulturpolitiker sind meistens Kulturpolitiker, weil sie Kultur mögen und sie fördern wollen. Aber sie vergessen oft, dass es ein Wirtschaftszweig ist, dass Kulturschaffende von ihrer Arbeit auch leben müssen. Und das ist der Punkt, den wir als Gewerkschaft mitvertreten. Und zwar für Kulturschaffende, die fest angestellt sind in Musikschulen, an Theatern, in pädagogischen Einrichtungen, aber auch für selbständige Kreative, egal aus welchem Gewerk: Musikerinnen, Schriftstellerinnen, Übersetzerinnen, bildende Künstlerinnen.
Kultur muss finanziert werden, so wie man Bildung, Infrastruktur und andere Dinge finanziert. Das ist meine feste Überzeugung. Wir setzen uns für eine faire Bezahlung ein, nicht nur durch Tarifverhandlungen für abhängig beschäftigte Kreative, sondern auch durch die Entwicklung eines nachvollziehbaren Honorarsystems für Freischaffende. Wir nennen das Basishonorare, weil es nicht um eine Mindestvergütung geht, sondern um eine dem Aufwand und der Ausbildung angemessene Bezahlung.
Und es kommt jetzt noch eins dazu, nämlich die Angriffe von rechts auf Kultureinrichtungen und Kulturschaffende, wo versucht wird, die Freiheit von Künstlerinnen und Künstlern durch eine Ideologie einzuschränken. Und zwar nicht nur verbal einzuschränken, sondern zunehmend auch durch massiven Druck. Und wenn entsprechende Parteien politische Verantwortung haben, auch durch die Streichung von Geldmitteln.
Die Regulierung der generativen KI ist eine weitere große Herausforderung. Urheberinnen und Urheber, deren Werke – heute häufig illegal – benutzt werden, um KI-Algorithmen zu trainieren, müssen angemessen vergütet werden.
Außerdem wollen wir – und das finde ich ganz zentral – die Finanzierung von Kultureinrichtungen und Kulturangeboten sichern. Denn eine demokratische Gesellschaft ohne Kultur verliert einen der wichtigsten Diskursräume, die es gibt. Und deshalb ist für das Überleben einer Demokratie neben der Presse- und Meinungsfreiheit die Frage von Kultur, Kulturfreiheit und Kulturfinanzierung für mich ganz entscheidend.
Balboa: Manche Kolleginnen und Kollegen befürchten, dass in einer so großen Gewerkschaft unsere berufsspezifischen Anliegen leicht untergehen könnten. Was würdest du ihnen sagen?
Schmitz-Dethlefsen: Ich verstehe die Angst, bin aber fest davon überzeugt, dass wir als ver.di für kleinere genauso wie für größere Fachgruppen aktiv werden. Und das zeigt sich etwa auch bei der erfolgreichen Mitgliederentwicklung im Bereich Kunst und Kultur. Wir achten sehr darauf, dass wir die spezifische Fachlichkeit sicherstellen, kümmern uns aber gleichzeitig auch um das, was alle verbindet, nämlich um Fragen wie: Wie verändern KI-Anwendungen meine Auftragsmöglichkeiten, meine Einkommensmöglichkeiten? Gehen die großen Unternehmen, die mit generativer KI Milliardengewinne machen, fair mit meiner kreativen Leistung um? Wird Kultur auskömmlich finanziert oder wird es in der politischen Diskussion um Rüstung und Haushaltslöcher vergessen? Und wird in dieser Gesellschaft ausreichend berücksichtigt, dass Kultur nicht nur ein netter Zeitvertreib, sondern für die Kulturschaffenden eben auch Arbeit ist? Dafür braucht es viele Stimmen, die sich zu einem lauten Ruf bündeln. Einzelne können das vielleicht auch gut vortragen, aber es hat mehr Gewicht und die Stimme wird lauter, wenn wir die Kräfte und auch die Interessen der unterschiedlichen Kulturschaffenden bündeln. Und das ist der Ort, den wir in ver.di gerne für die Kolleginnen und Kollegen anbieten.
- Share by mail
Share on