Aufatmen nach dem ersten Durchlauf – Bei den Bayreuther Festspielen werden die Wiederaufnahmen durchweg bejubelt!


(nmz) -
Aufatmen darf Festspielchefin Katharina Wagner schon mal. Der in seinem Umfang alle Grenzen sprengende aktuelle Premieren-Zyklus mit insgesamt fünf Neuinszenierungen, von „Tristan und Isolde“ bis zur kompletten Ring-Tetralogie, und den drei Wiederaufnahmen von „Lohengrin“, „Fliegendem Holländer“ und „Tannhäuser“ sind einmal durch! Nichts davon ist ausgefallen. Ganz unfallfrei ging es dennoch nicht ab.
10.08.2022 - Von Joachim Lange

Von den Dirigentenwechseln im Vorfeld der Premieren (vor allem der von Cornelius Meister vom „Tristan" zum „Ring“), über den Stuhlzusammenkracher in der „Walküre“, von dem sich Thomas Konieczny zum Glück schnell wieder erholt hat, bis zum atemberaubenden Schlusssprung von Ersatz-Siegfried Clay Hilley aus dem Italienurlaub geradewegs in die „Götterdämmerung“. Mit solchen Unwägbarkeiten kommt man auf dem Grünen Hügel professionell klar, zumal hier ja während der Festspiele die Dichte an exzellenten Wagnerinterpreten beispiellos ist. Und solche Rettungseinsätze (wie der von Michael Kupfer-Radecky als Wotan im dritten Walküren-Akt) zu Glücksfällen für Sänger und Publikum werden können …

Ring-Rückblick

Übrigens muss man all den tendenziösen Behauptungen widersprechen, dass Ring-Regisseur Valentin Schwarz und sein Team komplett von 2000 Premierenbesuchern in Grund und Boden gebrüllt wurden. Buh-Rufer kommen immer überproportional zur Geltung. Diejenigen, die „nur“ applaudieren oder mit Bravi dagegen halten, habe es rein akustisch deutlich schwerer, gehört zu werden. Wenn dann auch die notorischen Beckmesser ihre Kreide beim Fehlersammeln in den Feuilletons quietschen lassen, geht auch noch das Differenzieren und Abwägen im Nachgang verloren. Wo selbst seriöse Blätter zu Vokabeln wie ‚Hinrichtung‘ und ‚Fehlinvestition‘ greifen, dann verhilft das zwar zur beabsichtigten, kurzen Aufmerksamkeit, der Kunst aber hilft es nicht. 

Nach den Aufregungen im Saal zum Ring-Ende beschränkte sich die Wagnergemeinde bei den Reprisen dann aber einhellig auf's Jubeln. Und das mit guten Gründen.

Fliegender Holländer (Dmitri Tcherniakov)

Nicht nur beim Auftakt zur Schlussrunde von „Lohengrin“; auch bei der ersten Wiederaufnahme des „Fliegenden Holländers“ und der dritten von Tobias Kratzers „Tannhäuser“ war das so. Beide Produktionen sind in einem vorzüglichen szenischen Zustand. Holländer-Regisseur Dmitri Tcherniakov ist mit seinem eigenen Ring an der Berliner Lindenoper eh im Wagnermodus. Aber sein Bayreuther Psychokrimi über den in der Kindheit traumatisierten jungen Mann, der mit ansehen musste, wie seine Mutter in den Selbstmord getrieben wurde, und der mit Rachegelüsten an den Ort seiner Kindheit zurückkehrt, erlebt man in der Wiederbegegnung noch konsistenter. Die Wirkung wie aus einem Guss mag durch den jetzt wieder auf der Bühne (und nicht wie im vorigen Jahr wegen der Pandemiegefahren noch zugespielt) singenden Chor verstärkt werden, ist aber auch dem neuen tragischen Paar zu verdanken. Thomas J. Mayer ist als charismatisches, kultiviert singendes Holländer-Mannsbild ein Gewinn (und da, wo ein Sänger wie er auch hingehört). Elisabeth Teige ist als Senta einfach sensationell! Schon im Ring (vor allem als Gutrune) war sie einer der vokalen und darstellerischen Lichtblicke. Als Senta ist sie mit ihrer lyrisch leuchtenden, aber auch zu mühelosen Ausbrüchen fähigen Stimme, der Star. Zudem wird bei ihr auch darstellerisch plausibler als bei ihrer Vorgängerin, warum Senta weg aus der Enge ihres Dorfes bzw. ihrer Kleinstadt will und am Ende in den Armen von Frau Mary zusammenbricht, nachdem die den Unheimlichen erschossen hatte. Georg Zeppenfeld (Daland) ist nicht nur wieder einer der Marathon-Männer der Festspiele, sondern (wie auch Eric Cutler als Erik) eine sichere Bank. Im Graben hatte Oksana Lyniv (die Ukrainerin ist die erste Frau im Bayreuther Graben) die Klangwogen fest im Griff und wurde dafür zu Recht stürmisch gefeiert!

Tannhäuser (Tobias Kratzer)

Selbst die große Politik wehte (zumindest durch die Hintertür) auch mal ins Festspielhaus. Den ersten „Tannhäuser“ hatte noch Valery Gergiev dirigiert. War die Regenbogenfahne über der Harfe am Ende des Sängerwettstreits da noch eine dezente Anspielung auf homophobe Äußerungen des Putinfreundes und ein Jahr später die Anmerkung an seinem Porträt im Video „Komme später“ eine solche auf seinen notorischen Verspätungen, wäre sein Auftreten heute undenkbar. Im Video, in dem die Venus-Theatertruppe den Grünen Hügel stürmt und einen Polizeieinsatz provoziert, ist jetzt das Porträt der Ukrainerin Lyniv eingefügt, samt Flugblatt mit blaugelbem Bottom. Auch hält die Truppe nicht mehr an einer Covid-Test-Station, sondern verfährt sich auf dem Weg von der Wartburg nach Bayreuth komplett und landet in Salzburg direkt vor den Festspielhäusern! Wenn das ein Wink mit dem Zaunpfahl Richtung Konkurrenzfestspiele gewesen sein sollte, dann hat er im Falle von Kratzer jedenfalls keinen Beigeschmack von Anmaßung. (Vielleicht ist es ja ein versteckter Hinweis auf schon Geplantes, Künftiges?)

In Bayreuth (wo er für den nächsten Ring 2026 definitiv nicht in Frage kommt, weil München einfach schneller war) begeistert sein „Tannhäuser“ jedenfalls nach wie vor. Vor allem, weil die szenische Überschreibung mit einer Geschichte aus dem Künstlermilieu eine schlüssige Verbindung mit der Vorlage von Wagner und der dort erzählten Geschichte eingeht. Es macht einfach Spaß zu sehen, wie Kratzer von heute aus zugreift, zugleich an eine historische Aufführung erinnert und obendrein mit der Off-Theatertruppe der Venus in der Pause den Teich – unten im Park vor dem Festspielhaus – mit einer alternative Show bespielt. Dass man dann in der zweiten Pause, die Leiter, mit der Venus (Energiebündel Ekaterina Gubanova) und ihre Kumpanen Oskar (aus der Blechtrommel) Manni Laudenbach und Dragqueen Le Gateau Chocolat im Video das Festspielhaus geentert haben, tatsächlich an der selben Stelle noch stehen sieht und als Fotoobjekt nutzen kann und auch das revoluzzernde Wagnerzitat „Frei im Wollen, Frei im Thun, Frei im Genießen" am Balkon hängt, ist einfach eine tolle Zugabe, die kein bisschen aufgesetzt wirkt.

Außerdem wird durchweg respektabel bis vorzüglich gesungen. Albert Dohmen nimmt man den Landgrafen (mehr noch als seinen Hagen) sofort ab. Markus Eiche ist ein bewegender Wolfram und Stephen Gould ein nach wie vor konditionsstarker Tannhäuser. Es ist aber vor allem die grandiose Lise Davidsen als Elisabeth, die das Haus beben lässt, die Herzen erwärmt und obendrein auch das Piano für sich entdeckt hat. Wer vorher schon den Ring gesehen hatte, konnte sich zudem auch an Olafur Sigurdarsons Biterolf (wie schon an seinem Alberich) erfreuen. Axel Kober hielt dieses grandios gelungene Stück Musiktheater mit Umsicht zusammen. Am Ende tobte der Saal vor Begeisterung und die paar Buhrufer für Kratzer hatten nicht den Hauch einer Chance! Im Grunde ist es zur Halbzeit auf dem Grünen Hügel so, wie es sein soll …

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