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David Ameln als Cégeste (im Hintergrund), Cristiana Rauccio als Eurydice ll (im Hintergrund), Anna-Sanziana Beschia als Princesse ll (im Hintergrund), Elena Fink als La Princesse, Natasha Sallès als Eurydice, Philipp Jekal als Orphée. Foto: Claudia Heysel.
David Ameln als Cégeste (im Hintergrund), Cristiana Rauccio als Eurydice ll (im Hintergrund), Anna-Sanziana Beschia als Princesse ll (im Hintergrund), Elena Fink als La Princesse, Natasha Sallès als Eurydice, Philipp Jekal als Orphée. Foto: Claudia Heysel.
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Dessau: „Orphée“ von Philip Glass oder Von der Macht echten Theaters

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Immerhin: Eine Woche lang gibt/gab es vom 12. bis zum 18. April im Anhaltischen Theater parallel zur Diskussion über den bundesweit verschärften Lockdown physischen Spielbetrieb vor echtem Publikum. Auf Grundlage des Erlasses der Staatskanzlei und des Ministeriums der Kultur des Landes Sachsen-Anhalt vom 24. März 2021 war es auch der Stadt Dessau-Roßlau gestattet, das Theater als Modellprojekt zu öffnen.

Im Theater konzertierte man zweimal mit „Frühlingsstimmen!“, das Ballett präsentierte „Toccata 20“ auf der Appia-Bühne im Bauhaus Museum und endlich kam man heraus mit der bereits im November 2020 fertig geprobten Premiere von Philip Glass' „Orphée“ nach Jean Cocteau. Die beeindruckende Produktion hat Poesie, suggestive Energien und musikalische Kraft. Die Premiere für 100 Zuschauer auf fast 1000 Sitzplätzen wurde zum Höhepunkt der Dessauer Theaterwoche. Nur Bewohner von Dessau-Roßlau durften getestet in die Vorstellung, für Medienmitarbeiter öffnete man die Generalprobe von „Orphée“ am 16. April. Während der neuerlichen Schließung ab 19. April wird man weiterhin proben und hofft, das Premierendatum von Verdis „Rigoletto“ in der kleiner besetzten originalen Orchestration für 8. Mai halten zu können – in einer pausenlosen 90-Minuten-Fassung.

Generalintendant Johannes Weigand zeigte sich vor der „Orphée“-Generalprobe zufrieden mit dem Verlauf des Besucherplanspiels. Wichtigste Erfahrung: Der größte Teil des Publikums legt Wert auf eine Testgelegenheit vor der Vorstellung direkt im Theater. Nach den durch zahlreiche Unsicherheiten erschwerten Bedingungen des Kartenerwerbs möchten die wenigsten noch einen Umweg zu einer Teststelle machen. Bei noch immer unsicherer Planungswahrscheinlichkeit wird man in der Spielzeit 2021/22 mit hoher Wahrscheinlichkeit auf das Angebot von fixierten Abonnements verzichten und stattdessen die vollständigen Platzkapazitäten für die während der beiden Lockdowns ausgegebenen Gutscheine verfügbar halten. Abonnentenansprüche sollen nach jetzigem Erwägen mit Vorzügen bestehen bleiben. Weigand hält an alle in den Spielzeiten 2019/20 und 2020/21 entfallenen und in der Vorbereitung schon weit gediehenen Neuproduktionen mit Ausnahme von Erwin Schulhoffs „Flammen“ fest. Allenfalls die Reihenfolge der Premieren ändert sich. Der umfangreiche Konzertplan der Anhaltischen Philharmonie fixiert man aufgrund des noch immer unsicheren Pandemie-Verlaufs relativ kurzfristig. Auch unter strengen oder gelockerten Spielbedingungen wird das Dessauer Theater die im Jahr 2019 erreichten 180.000 Zuschauerplätze nicht halten können.

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Wie fühlt sich physisch erlebbares Musiktheater nach fünfeinhalb Monaten erzwungener Pause an? Im massiven großdimensionierten Zuschauerraum des Anhaltischen Theaters dank des weiten Raumvolumens großartig. Die Mitglieder der Anhaltischen Philharmonie wurden an diesem Tag zweimal getestet, auf den breiten Fluren und in den Foyers sind genügend Flächen zum Ausweichen. Zugegeben: Objektivität fällt nach der Überwältigung durch das Hören von realen unverstärkten Stimmen und Instrumenten, das Erleben von präsenten Darstellern, echtem Bühnenleben und Light-Design schwer.

Schon in dieser Generalprobe war echter und im Homing vermisster Theatergeist. Zwischen Interpreten und Publikum funkte es nach der erzwungenen Kontaktsperre trotz einzuhaltender Distanz umso lebhafter. Das Anhaltische Theater hatte Glück im Unglück. Denn die Produktion von Philip Glass‘ elfter Oper „Orphée“ nach Jean Cocteaus Film mit Jean Marais hatte mit dem Beginn des zweiten Lockdowns Mitte November alle Stadien inklusive der Generalprobe hinter sich, die Premiere fiel wegen Lockdown Zwei aus. So konnten alle – Sänger, Tänzer, Technik, kein Chor – das Einstudierte und das schlanke, aber nicht arme Bühnenbild in wenigen Proben „hervorholen“. Mit Genehmigung des Komponisten durften eine halbe Stunde und einige Figuren gekappt werden. Die im Herbst geschaffene Präsenz war wieder voll da. Die Orchester-Grundbesetzung hatte man um einige Streicher erweitert.

Dessau kann sich auf einen poetischen und dunklen, aber nicht lastenden Abend freuen. Das Schwerste gelang: Glass‘ ‚Neukomposition‘ bekannter Stoffe oder Kunstwerke verleitet die Regie immer wieder, mit eigenen Visionen die einprägsamen Bilder der Vorlagen vergessen zu machen. Manchmal führt das zu verzerrenden und die für Glass-Aufführungen essenzielle Homogenie von Szene, Bild und Klang beeinträchtigenden Interventionen. Hier nicht: Malte Kreuzfeldt und der die Sänger synergetisch mit den Tanz-Doubles verbindende Choreograf Gabriel Galindez Cruz kreieren schwebend, mit plausiblem und nicht überfrachtenden Aktionen. Katharina Beth rückt passend Cocteaus extraordinäre Verschwisterung von Beziehungskrise, Künstler-Unsterblichkeit und erotischer Selbstauslieferung von 1949 mehr Richtung 1960er und 1970er Jahre. Beim Bühnengeschehen denkt man schon an Boris Vian, während Markus L. Frank in der Kurt-Weill-Stadt Dessau in Glass‘ kantabel-hypnotischen Tonreihen ein bisschen 1920er Flair unterhebt. Wer sagt, dass Grenzüberschreitungen immer milde sein müssen? Der Totenrichter maßregelt die Orphée ins Totenreich zerrende Herzogin, weil Liebe im Hades ein Tabu ist. Noch vor Pascal Dusapins „Passion“ verbanden Cocteau und Glass den Orpheus-Mythos mit der Legende von der sich umblickenden und zur Salzsäule erstarrenden Frau Lots. Die Bitternis einer Trennung von Orphée und Euridice durch neue Partnerschaften macht Cocteau dann doch ungeschehen. Glass amalgamierte Emotionen zu raunenden Flächen um eine einprägsam fallende Tonskala.

Kreuzfeldt, der auch die Bühne und die immer wieder herabgesenkten Spiegel verantwortet, schafft mit der Miriam Damm (Licht) für die Reise ins Totenreich eindrucksvolle weiße Säulen und Flächen. Beide lassen sich von einer klugen Ökonomie der Mittel leiten. Die szenische Rhetorik geht von Glass‘ harmonischem Fluidum aus und behauptet sich mit sanfter Kraft im Fluss der Musik.

Ideal für diese Theaterform geeignete Gäste treffen auf David Ameln, Ulf Paulsen und Don Lee aus dem hervorragenden Dessauer Ensemble. Philipp Jekal von der Deutschen Oper Berlin zeigt Orphée erst als arbeitsamen Erfolgsmenschen: Später wird er dünnhäutiger und bewegender, wenn er mit Leib und Seele der Herzogin ausliefert und schließlich – so findet sich das bei Cocteau nicht – umbringt. Natasha Sallès gibt eine sanfte, dabei immer selbstbewusste Euridice. Elena Fink macht aus der morbiden Herzogin eine aktiv Suchende und Matthew Peña wurde ein faszinierend zwiespältiger Chauffeur Heurtebise.

Der Abend gelingt mit fabulöser Schönheit und Intensität, wie man sie in digitalen Medien selten in dem Film noir abgeschauten Effekten oder sehr raffinierten Dokumentationen erlebt. Echtes Theater ist durch nichts zu ersetzen.  

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