Die Soldaten sind wir alle: Zum Kölner Acht-Brücken-Festival


(nmz) -
Bei der Kölner Uraufführung von Bernd Alois Zimmermanns Oper „Die Soldaten“ im Jahr 1969 hatte der damalige Dirigent Michael Gielen mit starken Widerständen seitens des Orchesters zu kämpfen. Zu nachhaltig sprengte diese vielschichtige und in ihrer Aussage radikale Oper alle Traditionen und Gewohnheiten im Nachkriegs-Konzertbetrieb. Beim Kölner „Acht Brücken Festival“ im Jahr 2018 stehen heute umso mehr Musiker und Ensembles bereit, sich mutig in alle Klangabenteuer zu stürzen – und für die liefern Bernd Alois Zimmermanns Kompositionen nach wie vor unverbrauchtes Notenmaterial.
07.05.2018 - Von Stefan Pieper

Tief ins Bewusstsein eingebrannt haben sich in Köln die musikalischen und visuellen Eindrücke einer spektakulären Neuinszenierung der Oper „Die Soldaten“ in einer Inszenierung von „La Fura dels Baus“ und mit dem Gürzenich-Orchester unter der Gesamtleitung von Francois-Xavier Roth. Von dieser Produktion der Oper Köln, die auch zentraler Bestandteil des Acht-Brücken-Festivals ist, ist an anderer Stelle noch ausführlicher die Rede. Die Botschaft: Jene „Soldaten“, die in Zimmermanns Oper eigentlich nur eine Masse darstellt sind wir alle. Sie stehen für eine Gesellschaft, die gemütsstumpf und unsolidarisch geworden ist.

Man lernt in Köln viel über einen der wichtigsten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Manchmal kam beim langen Eröffnungswochenende das Hintergrundwissen aus erster Hand: Bernd Alois Zimmermanns Tochter Bettina hat ein Buch über ihren Vater geschrieben mit dem Titel „Con Tutta Forza“ (unsere Rezension). Im vollbesetzten Foyer trug sie collagenhafte Ausschnitte aus dem gesammelten biografischen Material vor – all dies zeugt von der getriebenen schöpferischen Energie und einer überaus breitbandigen geistigen Auseinandersetzung im Alltag dieses Komponisten.

Erkenntnis-Gewinn liefern beim Acht-Brücken-Festival auch Filmvorführungen, wie sie einem von YouTube vorenthalten werden. Was schlummern nicht hier für Schätze in den Archiven, die doch einem breiten Publikum viel mehr Verständnis für die Relevanz einer zeitgenössischen Musikkultur vermitteln könnte. Gemeint ist hier vor allem der Dokumentarfilm „Proszenium“ aus dem Jahr 1971, der mit vielen O-Tönen virulente Diskurse zwischen Zimmermann und seinen „Kollegen“ wie Stockhausen, Kagel und Henze beleuchtete.

Querdenkerischen Offenheit

Die zahllosen Aufführungen des Festivals machen erfahrbar, mit welcher querdenkerischen Offenheit Zimmermann die Musikgeschichte reflektierte, um damit aus der Gegenwart heraus etwas für die Zukunft zu erschaffen. Und damit sind wir schon bei Zimmermanns philosophischem Credo von der „Kugelgestalt“ der Zeit, wo Vergangenheit, Zukunft und das flüchtige Jetzt miteinander eins werden. Die vielen hochkomplexen Stilcollagen in den „Soldaten“ entspringen diesem Denken. Viel minimalistischer artikuliert die Orchesterskizze „Stille und Umkehr“ ein solches Prinzip. So etwas ließ zumindest das hellhörige Spiel von StudentInnen der Kölner Hochschule assoziieren, da klang Musik so frisch, als passierte die Uraufführung gerade jetzt im Jahr 2018.

Andere Stücke evozieren mit ihrer gnadenlosen expressiven Wucht immer wieder einen Widerhall auf eine aus den Fugen geratenen Welt – zum Beispiel das Orchesterpräludium „Photoptosis“, welches Alexander Rumpf und das StudentInnenorchester der HfmT wie einen hochpräzisen Urknall wirken ließen.

Grenzenlose Leidenschaft für kompositorische Wagnisse war auch beim hochmotivierten Ensemble Musikfabrik im Spiel. Im Sendesaal des WDR wurde einmal mehr gezeigt, wie reich an „Metamorphosen und Verwandlungen“ – so der Untertitel dieser Festivalausgabe – das Zimmermannsche Œuvre ist. Da vollführt die Geigerin Hannah Weirich in einer Solosuite einen halsbrecherischen, zugleich formstrengen Parforceritt auf dem Instrument.

Einmal mehr betörte eine Film-Entdeckung die Sinne: Ein Regisseur namens Miggel Wolkeninger hinterließ ein surreales und sinnliches Stummfilm-Kleinod namens „Metamorphose“. Man möchte eigentlich gar nicht genau wissen, wie lange dieses Meisterwerk unbeachtet und ignoriert in Archiven geschlummert hat. Die Akteure sind eine schöne Frau, ein stylishes Auto, schließlich ein archaisches Szenario in einem andalusischen Dorf und dann ein blutrünstiges Ritual dieser Kultur, das sich Stierkampf nennt. Die Traumsequenz, welche durch diese Bilder entsteht, kommt durch Zimmermanns erregenden und latent jazzigen, manchmal burlesken Orchester-Soundtrack in Fluss.

Über kulturelle Milieus hinweg

Die Brücken führen in Köln nicht nur über den Rhein, sondern auch über kulturelle Milieus hinweg. Jenseits von Oper, Philharmonie und WDR forscht vor allem die freie Szene neue und sehr unmittelbare Zugänge zur musikalischen Gegenwart aus. Unterstützung leitet hier die Vernetzungsplattform ON-Neue Musik. Das Ergebnis: Mit gesundem Mut zum Trial and Error, ganz viel Freiheit und Bezügen zu allerhand subkulturellen Ästhetiken wird komponiert, musiziert, improvisiert und experimentiert. Vom Kollektiv „Electronic ID“ können sich viele etablierte Neue-Musik-Klangkörper eine Scheibe abschneiden: Endlich ist hier auch mal eine lebendige Bühnen-Performance Thema, nicht zuletzt durch den Einsatz einer kreativen Lichtregie. Das Prinzip einer pluralen Collagenhaftigkeit der Klänge, wie es Zimmermann ja auch postulierte, wird hier ganz intuitiv und ohne jeden bildungsbürgerlichen Ballast erforscht.

Dies gilt auch für den Kölner Komponisten und Elektronik-Künstler Antonio de Luca. Inspiriert von Zimmermanns „Requiem für einen Jungen Dichter“ schuf er mit dem Lingual „Kinks of Violence“ ein neues Requiem für die Jetzt-Zeit. Da klingt alles Mögliche nach und hallt wieder, was in heutigen Tagen nachdenklich machen sollte, bevor auch der letzte Mensch in Abstumpfung versunken ist. Bedrohlich begegnen sich Zitatfetzen aus Pegida-Hetzreden, neoliberalistischem Technokraten-Jargon und hysterischer Jubel zu Goebbels-Reden. Dazu vernetzen elektronische und akustische Instrumente Dark Ambient-Drones mit sakralem Pathos. Das funktioniert nur hier im Kirchenraum der Kunststation Sankt Peter auf diese Weise: Phasenweise „verschaltete“ Antonio de Luca seine Live Elektronik unmittelbar per MIDI-Schnittstellen mit der Pfeifenorgel, welche speziell für Neue Musik konstruiert ist.

Es geht gehaltvoll weiter ein Köln – und zwar noch bis einschließlich 11. Mai. Dabei bilden weiterhin Werke von Zimmermann den roten Faden. Sie sind zugleich Sprungbrett für neue ästhetische Abenteuer. Erwartet werden hierfür die Violinistin Tabea Zimmermann, das Ensemble Modern, das Ensemble Garage, außerdem viele Musiker aus Kölns umtriebiger Jazz- aber auch Elektronik-Szene.

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