Porträt einer faszinierenden Persönlichkeit

Bettina Zimmermanns Buch über Bernd Alois Zimmermann im Wolke Verlag


(nmz) -
Dass Söhne oder Töchter bedeutender Künstlerpersönlichkeiten über ihre Väter (oder Mütter) Bücher schreiben, kommt nicht allzu oft vor. Und wenn dies dann doch geschieht, liegt oft der Verdacht nahe, es ginge ihnen vor allem um Beschönigung, Rechtfertigung oder gar Abrechnung. Das nun zum 100. Geburtstag Bernd Alois Zimmermanns von seiner Tochter Bettina vorgelegte, im Titel treffend „persönliches Portrait“ genannte Buch umschifft solche Gefahren mühelos.
Ein Artikel von Jörn Peter Hiekel

Denn erstens ist dessen Konzept so angelegt, dass es im Wesentlichen aus Gesprächen mit verschiedensten Komponisten oder Interpreten (unter ihnen Hans Zender, Peter Eötvös, York Höller, Aribert Reimann, Michael Gielen und Manfred Schoof) sowie aus Briefen und unveröffentlichten Dokumenten aus der Hand des Komponisten besteht. Und zweitens sind auch die Kommentare und Anmerkungen so fein und so wenig rechthaberisch formuliert, dass man sie mit Gewinn liest.

Bettina Zimmermann weiß um den in den letzten Jahrzehnten deutlich gewachsenen Forschungsstand wie auch um den Perspektivenreichtum des Schaffens ihres Vaters. Und sie vermag gerade auf der Basis dieses Wissens an wichtigen Stellen Dokumente und Einschätzungen beizusteuern, die das Zimmermann-Bild bereichern und dabei weithin auch der Gefahr begegnen, Biografisches und Werkbezogenes allzu eng und eindimensional aufeinander zu beziehen (was beim Reden über Zimmermann lange eine Tendenz darstellte). Das neu beigesteuerte Material bestätigt manches von dem, was man ohnehin vermutete. Aber zumindest zu einzelnen Aspekten – so etwa zur Ausbildung, zur Lehrtätigkeit, zu seinen Erfahrungen in Rom sowie zu den Krisen, die der Komponist durchlebte – wird auch neues Material präsentiert, das dem differenzierteren Umgang mit Zimmermann dienlich sein kann. Die Autorin, der mit Rainer Peters ein exzellenter Zimmermann-Kenner zur Seite stand (von dem auch Werkkommentare und Biografisches zu den Gesprächspartnern beigesteuert wurden), hat keine Scheu, in ihrer Darstellung punktuell auch Gespräche mit jenen Ärzten einzubeziehen, die den Komponisten im letzten Klinikaufenthalt vor seinem Freitod behandelten. Und sie zitiert in einer hilfreichen Weise aus bisher unveröffentlichten Briefen, die sie selbst oder ihre Mutter von ihrem Vater erhielten. Imponierend ist der Nachdruck, mit der dieser darin über eigene Missstimmungen Auskunft gab oder Lektüreempfehlungen formulierte (darunter Friedrich Nietzsche, Ernst Bloch und Max Frisch). Überhaupt spielte die intensive, oft gemeinsame Lektüre von wichtigen Werken der Weltliteratur bis hin zur ganz aktuellen Avantgardeliteratur offenbar eine sehr große Rolle im Hause Zimmermann. Wo sonst in bundesrepublikanischen Haushalten dieser Zeit las man regelmäßig in trauter Familienrunde aus Konrad Bayers Schrift „der sechste sinn“?

Tendenziell ging es, wie man erfährt, überwiegend überaus gesellig und fröhlich in diesem Hause zu. Diese Erkenntnis widerspricht dem Klischeebild des stets grüblerischen Komponisten. Zimmermann, so spricht es aus vielen Briefen wie aus den zitierten Stellungnahmen seiner Freunde und Schüler, war offen und herzlich, interessierte sich sehr für die Erfahrungen und Ansichten anderer Menschen. Wie eng gerade auch das Verhältnis zu seinen Schülern war, mag man daran ablesen, dass er einen von ihnen, nämlich Georg Kröll, nur wenige Wochen vor seinem Freitod nach der Einschätzung darüber fragte, ob es aus christlicher Sicht akzeptabel sei, sich das Leben zu nehmen.

Briefe schrieb Zimmermann, so scheint es, ständig und überall. Viele von ihnen enthalten – das ist seit längerem bekannt, aber macht sie so hilfreich für die Forschung – weitaus differenziertere Beurteilungen von manchen werkbezogenen Themenkreisen als die der Öffentlichkeit zugewandten Äußerungen, bei denen er zuweilen Angst hatte, dass man sie gegen ihn verwenden konnte.

Denn es war, das kristallisiert sich beim Lesen dieses Buches immer wieder heraus, über Jahrzehnte hinweg Zimmermanns tiefe Überzeugung, in schwierigen Zeiten zu leben. Und das gilt auch für jenen nicht einfachen Ort Köln, an dem er seinem Lehrberuf nachging und – ganz besonders beim WDR – viele seiner bedeutenden Werke realisieren konnte. Köln nämlich war in den 1950er-/60er-Jahren nicht nur ein Zentrum der Avantgarde, sondern zugleich ein Ort der ästhetischen Hahnenkämpfe und Abgrenzungsrituale. Die Musikhochschule, an der Zimmermann seit 1958 Professor war, war nach der Erinnerung einzelner damaliger Schüler damals sogar noch „naziverseucht“. Dazu passt es, dass einige der damaligen Mitstreiter und Schüler Zimmermanns diesem Ausbildungsinstitut eine offensive Distanz gegenüber jenem Willen zur Innovation bescheinigen, für den Zimmermann mehr stand als sein Vorgänger Frank Martin. Gerade die Schulmusikabteilung hat sich dabei offenbar als Ort reaktionären Denkens artikuliert.

Die Notwendigkeit zur Selbstbehauptung, forciert enorme Widerstände, ist insgesamt sogar einer der roten Fäden dieser Publikation. Es betrifft die Zeit der Ausbildung im Klos­ter Steinfeld ebenso wie manche der Erfahrungen als Komponist. Dabei wird klar, wie sehr sich Zimmermann in manchen Persönlichkeiten, die ihn zeitweilig begleiteten, offenbar täuschte. Aber es wird auch deutlich, wie differenziert er selbst auf die etwas jüngeren Kollegen wie Boulez (den er offenkundig sehr schätzte) und Stockhausen (über den er differenzierter dachte als dieser von ihm) reagierte. Auch zu den Darmstädter Ferienkursen hat Zimmermann seine Schüler immer wieder ausdrücklich geschickt – trotz gewisser Vorbehalte gegenüber manchen Einseitigkeiten vor allem in späteren Jahren. Das oft gezeichnete Bild vom „Außenseiter“ innerhalb der Avantgardemusik wird durch dieses Buch jedenfalls relativiert, in Teilen sogar korrigiert. Wie originell Zimmermann, der sich auch für die anderen Künste intensiv interessierte, zuweilen auch selbst zeichnete, zeigt ein graphisch gestalteter Brief, den er Mary Bauermeister schrieb. Er gehört zu dem enorm reichen Bestand von Abbildungen, die dieser Band enthält und in dem Privates neben künstlerisch höchst Relevantem steht. Und besonders hervorzuheben ist ein aus einem Gespräch mit Hans Zender entstandener Essay, der höchst differenziert die Position Zimmermanns im 20. Jahrhundert reflektiert. Wohl niemand, der sich mit der Biografie, aber auch dem Denken dieser ebenso faszinierenden wie ungewöhnlichen Persönlichkeit vertraut machen möchte, kommt an dieser vom Wolke Verlag vorzüglich gestalteten Edition vorbei.

  • Bettina Zimmermann: con tutta forza. Bernd Alois Zimmermann – ein persönliches Portrait, Wolke Verlag, Hofheim, 2018, mit 100 Dokumenten und 350 Fotos, 464 S. Abb, € 34.–, ISBN 978-3-95593-078-3

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