Ein musikalischer Stolperstein – Verspätete Uraufführung der Oper „Grete Minde“ von Eugen Engel in Magdeburg


(nmz) -
Die neue GMD der Magdeburgischen Philharmonie Anna Skryleva hat sich mit dieser Uraufführung der besonderen Art wirklich Mühe gegeben. Überregionale Aufmerksamkeit war ihr dabei – ganz zu Recht – sicher. Die Oper „Grete Minde“ von Eugen Engel wurde jetzt nämlich mit sage und schreibe 92 Jahren Verzug endlich auf die Bühne gebracht; vor allem aber im Graben der Magdeburger Oper zum Leben erweckt.
15.02.2022 - Von Joachim Lange

Derartige Verzögerungen von nachgeholten Ur- oder Zweitaufführungen von Werken, die in den 30er Jahren ihre Reise in die Welt hätten antreten können, liegen nur in den seltensten Fällen an ihrer musikalischen Qualität. Ob nun Ralph Benatzkys vergessene, hinreißende musikalische Komödie „Der reichste Mann der Welt“, um die sich kürzlich das Eduard-von-Winterstein-Theater in Annaberg-Buchholz verdient gemacht hat; oder eben jetzt die hochtragisch mit einem spektakulären Selbstmord der Titelheldin in den Flammen endende „Grete Minde". Die reißt – in dieser Beziehung ihrer großen Opernschwester Brünnhilde gar nicht so unähnlich – ihr Kind und fast ihre ganze Stadt mit in den Abgrund. Ein Akt des Aufbegehrens und der Rache an einer Gesellschaft, in der sie das, was sie für ihr Recht ansah, nicht bekam. Die junge Grete hatte sich mit ihrem Liebsten Valtin einer fahrenden Truppe von Puppenspielern angeschlossen, um der beklemmenden Enge ihrer Heimat zu entfliehen. Gretes Stiefbruder Gerdt war immerhin Tangermünder Ratsherr. Von dessen Frau Trud Minde, einer bigott sittenstrengen Lutheranerin, wurde Grete nicht nur offen verachtet, sondern auch immer wieder schikaniert. 

Grete und Valtin haben zwar bald Nachwuchs, aber nur drei glückliche gemeinsame Jahre – Valtin stirbt. Dass ihm der lutherische Pastor Beistand im Sterben und ein Begräbnis verweigert, die Domina der katholischen Nonnen des Klosters Arendsee aber nicht, setzt ein kleines Zeichen der Toleranz. Sie segnet den Sterbenden und bietet Grete und ihrem Kind Obdach in ihrem Kloster an. Unverkennbar spürt man das heraufziehende Unglück des 30 Jahre währenden und ganz Mitteleuropa verwüstenden Großen Krieges der Religionen. Insgesamt kommt man in dieser Episode am Vorabend nicht umhin, mit den Katholiken zu sympathisieren. 

So wie Theodor Fontane, ausgehend vom historisch überlieferten Tangermünder Stadtbrand von 1617 die Geschichte umdeutet, kann man zumindest die Verzweiflung verstehen, aus der die junge Frau keinen Ausweg mehr sah. In ihrer hardcore-lutheranischen Familie war die Tochter einer Katholikin immer die Außenseiterin. Nur während der Jahre mit den fahrenden Puppenspielern an der Seite von Valtin war sie vergleichsweise glücklich. Nach der Überlieferung wurde die historische Grete, zeitüblich, barbarisch gefoltert und öffentlich als Brandstifterin hingerichtet. Bei Fontane richtet sie ihre Peiniger. Die Frage nach der „moralischen“ Verhältnismäßigkeit stellt sich dennoch. 

Neben diesen inhaltlichen Vertracktheiten sind es der Kontext der Entstehung der Oper und die Biographien ihrer Autoren, die auf besondere Weise die Verwerfungen des 20. Jahrhunderts wie in einem Brennglas bündeln.

Es genügt ein Blick auf den Stolperstein für Eugen Engel, um allein schon damit die nachgeholte Uraufführung zu legitimieren. Er wurde im Oktober 2019 in der Charlottenstraße 74/75 in Berlin-Mitte vor dem einstigen Wohnort des Komponisten eingelassen.

HIER WOHNTE 
EUGEN ENGEL
JG. 1875
FLUCHT 1939 Holland
INTERNIERT WESTERBORK
DEPORTIERT 23.3.1943
SOBIBOR 
ERMORDET 28.3.1943

Das muss man (dank der Erinnerungskultur in Deutschland) nicht erklären. Die Oper Magdeburg fügt jetzt dem biographischen, sozusagen den überfälligen musikalischen Stolperstein hinzu. Die Verwerfungen des 20. Jahrhunderts werden – spiegelbildlich aber auch in der Biografie des die Fontane Vorlage aufgreifenden Librettisten Hans Bodenstedt (1887-1958) deutlich. Das Libretto schrieb er 1914. Nach 1933 stieg er in NS-Verlage mit den sprechenden Namen „Blut und Boden“ und „Zucht und Sitte“ ein. Nach dem Krieg machte er sich einen Namen als Rundfunkpionier im öffentlich-rechtlichen Rundfunk der alten Bundesrepublik. Auch diesen biographischen Hakenschlag im Nachkriegs-Westdeutschland muss man im Grunde nicht näher erklären. 

Für die Magdeburger GMD war es die musikalische Qualität der Partitur, die Engels Tochter ins Exil in die USA rettete und die dort in einem Schrank in Kalifornien schlummerte. Hand in Hand mit den Enkeln Engels wurde aus der Faszination eine Großtat. Sie habe sich sofort in diese Musik verliebt, meinte Skryleva im Vorfeld. Sie hat die Musik jetzt mit all ihren (Rück-)Blicken auf Wagner, Strauss und die Spätromantik mit dem großen Orchester zum Leben erweckt und leuchten lassen. Beim Autodidakten Engel steht solides Komponieren im Schatten der Großen vornan, weniger der Ehrgeiz nach Aufbruch in die Moderne. Zudem schrieb er bewusst für Stimmen gut Singbares. Und da hat Magdeburg die genau richtige Besetzung parat. Herausragend vor allem die mühelos schlanke und doch dramatisch auftrumpfende Raffaela Lintl als Grete Minde und der Tenor Zoltán Nyári als ihr Valtin. Aber auch Kristi Anna Isene und Marko Pantelić als Trud und Gredt Minde liefern tadellose Rollenporträts ab. Aus der Puppenspielertruppe ragt Benjamin Lee als Hanswurst heraus. Martin Wagner hat den Magdeburger Opernchor präzise auf seinen umfangreichen Part vorbereitet. 

Leider bleibt Regisseurin Olivia Fuchs in der Ausstattung von Nicola Turner hinter den Möglichkeiten zurück, die eine offenkundig beabsichtige Überblendung der Zeitebenen ermöglichen würde. Zwischen den kargen Wänden des Einheitsbühnenbildes, die als Projektionsflächen für Landschaften oder züngelnde Flammen dienen, kommen die Kostüme der Puppenspieler der Zeit des Tangermünder Stadtbrandes von 1617 am nächsten. Die egoistischen Bürger, die Grete bei ihrer Rückkehr als Witwe jede Hilfe verweigern, liefern eine Mischung aus Fontane Zeit und Eleganz der 40er Jahre. Wirklich verknüpft miteinander ist das nicht. Ein paar in der Bühnenmitte platzierte Koffer als Verweis auf die Shoa bleiben so Behauptung. Das musikalische Material würde wohl auch einen beherzteren Zugriff als jetzt bei der verdienstvollen Uraufführung in Magdeburg vertragen. Aber Uraufführungs-Inszenierungen sind ja oft etwas übervorsichtig.

Raffaela Lintl in „Grete Minde“ von Eugen Engel in Magdeburg. Foto: Andreas Lander
Marko Pantelić und Raffaela Lintl in „Grete Minde“ von Eugen Engel in Magdeburg. Foto: Andreas Lander

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