Es wurde auch geschnarcht – Nikolai Rimski-Korsakows „Märchen vom Zaren Saltan“ in Hannover


(nmz) -
„Es ist schon klar, was die Regisseurin Eva-Maria Höckmayr beabsichtigt. Aber es vermittelt sich nicht in der verrätselten, symbolschwangeren, dazu in beliebigem Hier und Heute angesiedelten Ambiente ohne Atmosphäre …. Qualm ist das einige, was die öde und dröge Inszenierung belebt,“ meint unser Kritiker Dieter David Scholz. Viel Rauch um Etwas? Musikalisch hingegen beglücke die Aufführung.
15.01.2023 - Von Dieter David Scholz

Fünfzehn Opern hat Nikolai Rimski-Korsakow geschrieben, der eigenwilligste Komponist aus dem „Mächtigen Häuflein, dem Komponistenkreis um Mili Balakirew, Moderst Mussorgski, César Kjui und Alexander Borodin. Rimski-Korsakows hat das 1831 von Alexander Puschkin neugedichtete, altüberlieferte „Märchen vom Zaren Saltan, von seinem Sohn, dem ruhmreichen und mächtigen Recken Fürst Gwidon Saltanowitsch, und von der wunderschö­nen Schwanenprinzessin“ vertont. Im Jahre 1900 wurde die Oper uraufgeführt.

Anlässlich des 100. Geburtstages des Begründers der modernen russischen Literatur nahm sich Nikolai Rimski-Korsakow 1899 Puschkins Märchen vom Zaren Saltan an. Angeregt durch Wladimir Stassow betraute Rimski-Korsakow seinen Freund Wladimir Belski damit, aus der berühmten Verserzählung Puschkins ein Libretto für seinen Zar Saltan zu verfassen. Belski hielt sich über weite Strecken eng an den Text von Puschkin, erweiterte die Geschichte aber auf Wunsch Rimski-Korsakows um einzelne Figuren,

Das Märchen ist eine der bekanntesten Geschichten der russischen Literatur, deren Vertrautheit vergleichbar ist mit derjenigen von Schneewittchen, Aschenputtel oder Dornröschen im deutschen Sprachraum.

Was für den deutschen Sprachraum Ludwig Bechstein und die Gebrüder Grimm sind, ist für Russland Alexander Afanassjew, der in seiner Anthologie russischer Volksmärchen Wesen wie die Hexe Baba Yaga, das gestrenge Väterchen Frost oder die Schwanenprinzessin ins Bewusstsein jedes Kindes brachte. Auch Alexander Puschkin befasste sich intensiv mit alten Märchen und russischer Folklore: „Lest die einfachen Volksmärchen […], damit ihr die Eigenschaften der russischen Sprache versteht“, rief er den jungen Schriftstellerkollegen zu.

Erzählen und Zuhören sind auch in der Inszenierung der gefeierten Regisseurin Eva-Maria Höckmayr das Zentrum der Konzeption.

Ein Tonband läuft nahezu die ganze Vorstellung über, immer wieder hört man auf Russisch Puschkin-Rezitationen. Menschen, Leute gruppieren sich darum, ein Happening oder eine Art Gruppen-Psychotherapiesitzung nach dem Motto: Wir hören jetzt Mal gut zu und spielen dann Oper. Es sind Menschen von heute in Alltagskleidung Nur wenige, wie etwa die bösen Schwestern tragen rote Kostüme. Zwischendurch müssen auch die Männer mal Fummel tragen und einen Reigen tanzen, schreiten, der etwas von Eurythmie hat.

Sie wolle klischierte Rollenbilder aufbrechen, erklärt die Regisseurin. Schön und gut, nur versteht man von der Märchenhandlung rein gar nichts: Austauschbare Menschen von heute (Kostüme: Andy Besuch), menschelnd, geschmäcklerisch arrangiert, besagen wenig und langweilen. Reihenweise ist das Publikum bei der Premiere eingeschlafen. Neben mir wurde sogar geschnarcht. Ich kann es nicht verübeln.  

Hier die Handlung des Märchens, das auf der Bühne nicht erzählt wurde. Vielleicht auf dem Tonband, aber bedauerlicherweise kann ich kein Russisch. Es ging aber ganz sicher nicht nur mir so.

Zarin Militrissa wird von Zar Saltan verstoßen, der fälschlicherweise glaubt, seine Gemahlin habe ein Monster geboren, während er im Krieg war. Sie fallen einer von den Schwestern der Zarin und der hinterhältigen Babaricha inszenierten Verschwörung zum Opfer. Die Unglückselige wird in einem Fass ins Meer geworfen. Wie durch ein Wunder gelangt sie unversehrt auf die magische Insel Bujan, wo sie den Zarewitsch Gwidon allein aufzieht. Als er zu einem tapferen jungen Mann herangewachsen ist, rettet er eine Schwanenprinzessin aus den Fängen eines Zauberers. Mit ihrer Hilfe wird er zum Herrscher einer mächtigen Stadt, bevor er sich auf die Suche nach seiner Herkunft begibt, in der Hoffnung, endlich den Vater zu treffen, der ihn einst verstoßen hat.

Natürlich will die Inszenierung etwas Anderes, will weg vom Konkreten, Phantastischen, will Sozialschilderung statt Naturbild und Phantastik. Wie Dramaturg Andri Hardmeier im Programmheft schreibt: „Trotz aller Wunder und allem Fantastischen, das in dieser Oper liegt, ist sie mehr als nur eine Märchenvertonung. Sie wirft einen entlarvenden Blick auf die Bösartigkeit der Menschen, karikiert die zaristische Diktatur und wird zur Parodie der Gesell­schaft. Vor allem aber kann man sie als eine Art Gleichnis auf die Kraft der Imagination verstehen. In ihr zeigt sich die Metamorphose einer Gesellschaft, die sich aus eigener Kraft als wandlungsfähig erweist, die es wagt, an Wunder zu glauben und in kollektiv gelebter Utopie ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen.“

Es ist schon klar, was die Regisseurin beabsichtigt. Aber es vermittelt sich nicht in der verrätselten, symbolschwangeren, dazu in beliebigem Hier und Heute angesiedelten Ambiente ohne Atmosphäre und irgendwelche historische Konkretheit. Qualm ist das einige, was die öde und dröge Inszenierung belebt. Und doch: Wer das Libretto, beziehungsweise die Handlung des Märchens nicht kennt, versteht überhaupt nichts bei dem, was man auf der Bühne (Julia Rösler) sieht. Ein paar Symbole wie ein gigantischer Zopf, der vom Bühnenhimmel herabhängt, weiße kastenartige Konstrukte verschiedener Größe, Schwanenfedern, ein Thron und ein übergroßes brokatenes, ausgestelltes Krinolinenkleid sagen auch nicht viel aus. Ebenso wenig die Videos (Krysztof Honowski) von Unterwasserfrauen mit Pappkrone.

Nein, diese Inszenierung ist – mit Verlaub gesagt – eine Zumutung. Musikalisch hingegen ist die Aufführung beglückend.

Von allen großen russischen Komponisten des 19. Jahrhunderts zeichnet sich Rimski-Korsakow ja durch seine Verbundenheit mit den Legenden seiner Heimat aus, deren Poesie er als Meister der Orchestrierung durch seine Kompositionskünste noch zu steigern vermochte. Spätromantik, russische Folklore und Marionetten- beziehungsweise Jahrmarktstheater-Anklänge gehen in der Komposition Rimski-Korsakows eine faszinierende Synthese ein. Der Farbenreichtum und die Instrumentierungskunst Rimski-Korsakows sind betörend. Nicht ohne Grund wurde er Professor für Instrumentation und Komposition am Sankt Petersburger Konservatorium, seine Wirkung war enorm, sein Einfluss ist bei seinen Schülern Glasunow, Strawinski und Prokofjew, aber selbst noch in den Orchesterwerken von Maurice Ravel, Claude Debussy, Paul Dukas und Ottorino Respighi hörbar.

James Henry am Pult des sehr gut disponierten Niedersächsischen Staatsor­chesters Hannover hat Rimski-Korsakow alle Ehre erwiesen und vor allem die rein instrumentalen Zwischenspiele mit großer Klarheit und geradezu berauschendem Klangsinn vermittelt. Aber auch die Gesangssolisten überzeugen ausnahmslos durch bemerkenswerte Stimmen und stilistische Sicherheit in der Mixtur aus rhapsodischen, Ariosem und Rezitativischem, darunter große Stimmen.

Fazit: Gesanglich und orchestral eine respektable Ensembleleistung, nur leider szenisch ermüdend und nichtssagend.

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