Gullivers Opernreisen – Puppenpracht und Händelplayback in Bad Lauchstädt


(nmz) -
Bei den Händelfestspielen in Halle macht in diesem Jahr das spektakulär herausgeputzte Goethe-Theater Bad Lauchstädt seinem Ruf als ein besonderer Ort für Theater und Oper wieder alle Ehre mit einer sympathischen Marionetten-Variante des „Ariodante“ von Georg Friedrich Händel.
07.06.2022 - Von Joachim Lange

Das erste Pandemiejahr 2020 erwischte die Händelfestspiele in Halle so, dass man nur einen Tag (mit einem Händel Day am 6. Juni 2020) im Netz präsent war. Das zweite 2021 bewältigten Festspielintendant Clemens Birnbaum und eine respektable Schar von unverdrossenen Händelfreunden dann schon mit der gebotenen digitalen Flexibilität. Aus der Hoffnung auf analoge Festspiele und der dann nicht zu vermeidenden Absage am 8. April 2021 ging man mit einem Plan B (eigentlich Plan D wie digital) mit ausgewählten Höhepunkten des eigentlich geplanten Programms online. Die vorgesehene Festspiel-Inszenierung von Opernintendant Walter Sutcliffe „Brockes Passion“ („Der für die Sünde der Welt gemarterte und sterbende Jesus“) wurde im „normalen“ Repertoire nachgereicht und steht in diesem Jahre mit zwei Reprisen neben dem ebenfalls von Sutcliffe inszenierten „Orlando“ auf dem Festspielprogramm.

Da das Opernhaus seine vorjährige „Teseo“ nicht digitalisiert beisteuern konnte, kam bei den Netz-Festspielen 2021 ein in jedem Jahr von den Besuchern besonders geschätztes Schmankerl zu der Ehre, gleichsam die Opernhauptproduktion zu stellen.

Es war der „Ariodante“, den Wolfgang Katschner mit seiner Lautten Compagney Berlin für das Goethe-Theater Bad Lauchstädt einstudiert hat und zu dem die Mailänder Marionetten von Carlo Colla e Figli die für dieses besondere Theater wie maßgeschneiderte Szene liefern sollten. Im vorigen Jahr gab es dann – als Trost und Vorgeschmack auf eine Aufführung vor Ort – eine Aufzeichnung der Produktion aus dem Stadttheater in Schaffhausen. In Bad Lauchstädt nutzte man die Zwangspause für den Abschluss der Auffrischung von Goethes Theaters, das sich nunmehr schon seit einiger Zeit in- wie auswändig wieder in altem Glanz präsentiert. Auch für die Jubiläumsfestspiele

Die sympathische Marionetten-Variante des „Ariodante“ und der genius loci (de luxe) konnten in diesem Jahr – beide – Händels Opernschmuckstück gleichsam unterhaken! Bei einigen langjährigen, treuen Festspielbesuchern dürfte dabei auch die Erinnerung an eine konzertante „Adiodante“-Aufführung wieder wach geworden sein, mit der Marc Minkowski, seine Les Musiciens du Louvre und Protagonisten wie u.a. Della Jones (Ariodante) und Maria José Trullu (Polinesso) am 5. Juni 1997 die Gemeinde in den Zustand euphorischer Entzückung versetzt hatten! Mit solchem Furor hatte man das bis dahin noch nie gehört.

Es gehört zu den Glücksfällen der Festspielplanungen der letzten Jahre, dass Wolfgang Katschner und die fabelhaften Virtuosen seiner Lautten Compagney Berlin in Bad Lauchstädt so was wie ein Festspielhausorchester sind. Mit ihren Produktionen bewegen sie sich gesichert auf der Höhe historischer Aufführungspraxis und haben zumindest in dieser Beziehung bei den Orchestern die Nase vorn, wenn der Begeisterungsfunke überspringt. Das war – wie nicht anders zu erwarten – auch bei der nun vor Ort in Bad Lauchstädt aufgeführten „Ariodante“ der Fall.

Der Cast, von dem nur Hanna Zumsande schon im vorigen Jahr dabei war, ist in dem Falle doppelt besetzt – in singender Menschengestalt und als prachtvoll kostümierte Marionetten. Der Größenunterschied zwischen den singenden Menschen und den mit knappen (aber passenden) Puppengesten agierenden Bühnen-Alteregos führte dann beim Schlussapplaus zu einigem Schmunzeln, wenn immer beide gemeinsam an die Rampe traten. Gullivers Opernreisen sozusagen.

Dabei stand die Vorstellung am 30. Mai sogar etwas auf der Kippe. Nicht wegen der Temperaturen, denn die traditionell erwartete Überhitzung des Saales fiel gänzlich aus – wer Jacke und Schal dabei hatte war diesmal gut beraten. Vielmehr wegen eines Virus (nicht der berüchtigte, der uns alle nervt, ein eher „normaler“ der vor allem den nervt, den er in der Magengrube trifft …). Alle Ankündigung eines eventuell zu improvisierenden Plan B, erwies sich letztlich als überflüssig. Nicht nur die wirklich opulente barocke Prospekte-Bühne der Italiener und die prachtvollen Kostüme entfalteten ungestört ihren Zauber. Auch die Protagonisten waren auf der vokalen Höhe, und sorgten für pures Vergnügen. Für Hartgesottene Händelianer war die drastische Kürzung durch das Weglassen von Dacapos in den Arien ein kleiner Wermutstropfen.

Aber seis drum: von der Galerie aus begeisterten sie allesamt auch mit der komprimierten Fassung. Von Elias Arrans als König von Schottland (die Puppe sah wirklich königlich aus), der ziemlich schnell der Intrige, glaubt, die der fiese Polinesso (Julia Böhme – führte mit ihrer bewährten Händelpräzision das Ensemble an!) gegen die unschuldige Ginevra (geschmeidig leidend: Hanna Zumsande) anzettelt, um sie ihrem Bräutigam Ariodante (Ida Aldrian – die natürlich besonders beim „Dopo notte“-Hit regelrecht „abräumt“) abspenstig zu machen. Die verführte Helfershelferin Polinessos ist bei Birita Poulsen in ebenso sicherer Kehle wie der der Lurcanio und Odorado in der von Florian Sievers.

Am Ende geht natürlich alles gut aus. Der Bösewicht ist erledigt, die füreinander vorgesehenen Paare glücklich vereint und die Händelgemeinde mit ihrem Ausflug nach Bad Lauchstädt hochzufrieden. Der in Schuss gebrachte Holzfußboden hält das Begeisterungsgetrampel am Ende gut aus.

Fazit: Das Goethe-Theater in Bad Lauchstädt bewährt sich auch mit einem Ariodante im Puppenformat als Höhepunkt der Händelfestspiele in Halle.

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